Full text: Hessenland (16.1902)

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wo dieses oder jenes Stegiment lüge, wie man eine 
Rehleber am schnellsten vertilge, in welchem geistigen 
Verhältnis alter Korn zum Wachholder stände und 
ob Richard Wagner wirklich etwas von Musik ver 
standen habe. 
Meine Wohnung hatte ich bei dem Bürgermeister, 
welchem zwei lieblich handfeste Töchter erblüht 
waren, deren Umgangsformen dem Vaterhanse alle 
Ehre machten und denen der Wahlspruch des guten 
Vaters: „Wenn ich höflich will sei', Han' ich ihm 
'n paar Zähn' ei'" auf der Stirn geschrieben 
stand. Da ich in der Gegend zunächst bekannt 
werden wollte, widmete sich der Förster, den Wald 
läufer nannten sie ihn, meiner Ausbildung. Er 
war ein wunderlicher Kauz, ein kleiner Kerl mit 
wildem Graubart und gutmütig-schalkhaften Augen. 
Er kannte jede Pflanze, jeden Vogelpfiff und jeden 
Pfiff der Fuchslocher. „Daß Sie unverlobt lind 
unverheiratet sind, ist in den Augen der Bauern 
Ihr größt' Talent!" behauptete er mir stets ins 
Gesicht und setzte mir auseinander, daß es wohl 
die erste Liebesthat der Fuchslocher sein werde, 
mich so schnell wie möglich mit einer ihrer Töchter 
zu beglücken. „Aber mer wird schon fertig, wann 
mer iwerall die Auge aushat und 's Herzet." 
So gehörte denn ein hoher Grad von Stand 
haftigkeit dazu, all der weiblichen Anmut und 
Liebenswürdigkeit feinsinnig aus dem Wege 311 
gehen. Vor allen Dingen mußte ich aus der Hut 
sein vor den Töchtern des Bürgermeisters, welche 
mein armes Herz mit Schweinerippchen und Dampf 
nudeln zu bezaubern suchten. Doch der Förster 
und ich verstanden es, der pausbäckigen Trine ihren 
alten Schatz, den Waldbachmüller, wieder in die 
Arme zu führen und den Dragoner der Lisbeth 
so mit Liebesbriefen zu bombardieren, daß er ihr 
kurzer Hand seinen Hos zu Füßen legte. Er war 
ihr eigentlich nur wegen ihres letzten Briefes gram 
geworden, den ich, da ich die Angelegenheit ja ein 
renkte, in Abschrift habe. Er lautete: 
„Lieber Hannjörg! 
Ich fasse jetzt tie Bäder, um dir zu sage, 
ob du mich wohl freie tatst. Ich hab noch 
keinen neuen; aber so ganz ohne kann man 
auch nett sein. Und so du wollst daß mer- 
beite uns soll habe schreib mer kleich. Willst 
du es es aber nicht, so wers ihn ins Feier. 
Ich liebe dich aus Härtzensgrund wie der Ochs 
sei' Heibund und wenn er es gefräste hat, dann 
bin ich deiner auch schon sad. Schreibe mir 
kleich, daß ich was weiß. 
Deine dich geliebte 
Lisbeth." 
Die Tapferkeit des Hannjörg hatte diesem Brief 
nicht ganz Stand gehalten; aber wir stählten wieder 
feine Nerven durch neue Beweise der verborgenen 
Huld und versäumten nicht, die Lisbeth zu ver 
anlassen, einige Würste als überzeugende Gründe 
anzufügen. . . . 
Eines Tages schickte mir der Waldläufer einen 
ausgestopften Habicht und ließ mir sagen, er huste 
momentan so auf alles, daß er sich nicht zeigen 
könne. Ta war ich den Abend im Pfarrhaus und 
verliebte mich im Geheimen in Anna und Emma. 
Else war noch nicht erwachsen, sonst wäre es wohl 
ein dreizüngiges Herzfener geworden. Der alte 
Pfarrer, noch schneller aber seine Frau, hatten das 
gar bald heraus und zogen eine Art geistigen 
Stacheldraht zwischen mich und ihre Kinder. Und 
doch mußte ich den Pfarrer lieb haben; denn er 
war ein Lehrerfreund und der Ansicht, daß man 
den Geist nicht zwingen, nur anregen kann, aus- 
und vorwärts zu schauen, daß man das innere 
Auge für Nähe und Ferne stärken müsse, das Herz 
zu erwärmen, den Geist zu erleuchten, den Körper 
zu stählen habe. Er war wie ein weiser Weg 
weiser und natürlicher Förderer. Gewiß hätte er 
mir auch Anna oder Emma gegeben. wenn ich 
nicht wie ein Schmetterling von der Blonden zur 
Braunen geflattert wäre, gewiß auch dann, wenn 
nicht eines Tages im Kreisblatt, das mich all 
abendlich in Schlaf lullte, die Dvppelverlobnng der 
beiden Mädchen mit benachbarten Kandidaten der 
Theologie gestanden hätte. Diese Lösung des Kon 
fliktes war ebenso einfach an sich wie belehrend 
für mich. . . . 
Ta war endlich der Winter da mit seinem 
nachtschwarzen Schneetreiben. Der Schnee war ja 
allerdings weiß, aber seine Absicht war eine schwarze. 
Ich vergrub mich in die Schule und ließ mich voll 
all den tiefsinnigen Fragen bestürmen, welche die 
Kinder nach Überwindung der Scheu an mich richteten. 
„Hat der liebe Gott einen Kittel an?" 
„Wie heißt die Frau liebe Gott?" 
„Giebt's im Himmel auch Blumen?" 
„Gehn die Engel auch in die Schul'?" 
„In die Kirch' brauche mer drobe' nett mehr 
zu gehe? — Ewer doch?" 
Oft versagte auch diese Unterhaltung, weil sich 
die Leute erst wieder aus dem Schnee graben 
mußten. Im Wirtshaus gab es schon lange nichts 
mehr zu trinken und Kornkaffee konnte man ja 
daheim haben. Alles lag auf dem Bärenfell und 
füllte die freie Zeit mit Esten aus. Hätte ich noch 
vor vier Wochen den Gesangverein gegründet, heute 
wäre er glücklich wieder aus dem Leim, in Er 
mangelung der stets notwendigen Begießung der 
Statuten.
	        

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