Full text: Hessenland (16.1902)

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Zu solcher Zeit ruht ein unbeschreiblicher Zauber 
in den alten Gassen der ewigen Stadt. Während 
tiefe Schatten die eine Seite der Straße in Nacht 
einhüllen, erglänzen die gegenüberliegenden Häuser 
in magischem Lichte, welches verklärend das alte 
Gemäuer umspielt, und je weiter man wandert, bis 
man sich endlich in der riesigen Trümmerwelt des 
Forum Romanum befindet, desto überwältigender 
wird der Eindruck, und die Stille der Nacht bringt 
die ganze großartige Szene zn mächtiger Wirkung. 
Vorüber führt mein Weg an der Fontana Trevi, 
der Meisterschöpfung Berninis, von der die hübsche 
Sage geht, daß, wer einmal aus ihr getrunken, 
immer wieder nach Rom zurückkehren müsse. Weiter 
hin erinnern aneinander geschobene zweiräderige 
Karren und zertretenes Stroh an die jetzige prosaische 
Bestimmung des klassischen Ortes, er ist heute 
— ich schrieb dies vor über vierzig Jahren — 
zum Viehhos — campo vaccino, herabgesunken. 
Zu meiner Rechten zeichnet sich scharf und klar 
das Kapitol auf dem tiefblauen Nachthimmel ab, 
und matt schimmert im Moudlicht die grandiose 
Reiterstatue des Mark Aurel. Und nun noch 
wenige Schritte und man steht vor der ungeheuern 
Arena, deren massiges Steingefüge vielen Jahr 
hunderten getrotzt und kaum an Umfang verloren 
zu haben scheint, wenn spätere Geschlechter aus ihm 
das Material zur Erbauung ganzer Straßen ge 
nommen haben. 
Nahezu zweitausend Jahre sind über den Riesen 
bau dahingegangen, er hat den Glanz der Jm- 
peratorenzeit gesehen, wenn ein ungeheures seidnes 
Zelt ihn überspannte, um die Kampsspiele vor der 
Glut der Sonne zu schützen, er sah den Verfall 
des mächtigen Reiches, als die antike Welt in 
Trümmer sank unter dem ehernen Tritte nordischer 
Barbaren, er sah die ersten todesmutigen Bekenner 
des neuen Glaubens von wilden Tieren zerrissen, 
genau an der Stelle, wo heute das siegreiche Symbol 
des Christentums, das Kreuz, ausgerichtet ist. — 
Wo wäre in der Welt eine Stätte, die mehr zu 
ernsten wehmütigen Betrachtungen anregt, wo giebt 
es ein Geschichtsbuch wie dieses! 
Langsam stieg ich die Stufen hinauf, um von 
der Höhe einen Blick in die von silbernem Tust 
eingehüllte Campagna zu werfen, nichts regte sich 
in dem weiten Amphitheater, nur hin und wieder 
schwirrte eine Fledermaus an mir vorbei. Ta 
plötzlich gewahrte ich, daß ich doch nicht der einzige 
nächtliche Besucher war; aus dem Sitze über mir 
gewahrte ich eine in einen Mantel gehüllte Gestalt, 
den breitkrämpigen Hut tief in das Gesicht gedrückt, 
sitzen. Ich wollte vorübergehen, als ich mich bei 
meinem Namen angerufen hörte und zu meiner 
Verwunderung meinen Schweden erkannte. Er 
reichte mir die Hand, um mich beim Erklimmen 
der steilen Stufen zn unterstützen, und bat mich, 
neben ihm Platz zn nehmen. Ich drückte ihm meine 
Freude aus, daß die Befürchtung, er sei krank, 
grundlos gewesen. 
„Ich war", sagte er, „mit einer Arbeit beschäftigt, 
die keine Störung vertrug, und hatte mich, um ganz 
allein zu sein, in Albano eingemietet, wohin um 
diese Zeit kein Mensch kommt." 
Ich knüpfte an unsern im Künstlerverein ver 
lebten Abend an und fragte, warum er so rasch 
verschwunden sei. 
„Es hatte mich", antwortete er, „überhaupt Mühe 
gekostet, hinzugehen, aber ich wollte einmal versuchen 
mir selbst zu entrinnen. Ich bin ein unstüter 
Geist, den es nirgends lange leidet, ich suche die 
Einsamkeit und nichts ist leichter zu finden. Mein 
ungeselliges Wesen wird Ihnen längst bekannt sein." 
„Bis jetzt", erwiderte ich, „hatte ich noch nie 
Gelegenheit, etwas über Sie zu hören, ich war 
dem Zufall dankbar, der mir Ihre Bekanntschaft 
gab, und hatte den Wunsch, es möchte eine dauernde 
sein, — den muß ich uach dem Gehörten nun wohl 
unterdrücken." 
„Nein, nein," unterbrach er mich, „Sie miß 
verstehen mich, so war es nicht gemeint. Ich bin 
kein Menschenfeind, aber ich fliehe die Gesellschaft, 
weil ich ihr nichts zu bieten habe. Wie oft schon 
habe ich stundenlang hier gesessen. Stunden, die 
mir wie Minuten dahinschwanden. Stunden, in 
denen Jahrtausende von Geschichte an meinem 
innern Auge vorüberzogen und mich so tief die 
Wahrheit des Tichterwortes fühlen ließen, daß 
unsere kleinen Schmerzen verstummen müssen, hier, 
wo eine Welt in Trümmern liegt." 
Er schwieg, und gleichsam wie ein Echo seiner 
Gedanken drangen die Worte eines alten Liedes 
hinaus zu uns, wie es die Feldarbeiter um Rom 
heimkehrend zuweilen nach einer melancholischen 
Weise singen: 
„Roma, Roma tu non sei come era prima!“ 
Einige Minuten saßen wir schweigend den fern 
verklingenden Tönen lauschend, dann fuhr mein 
unbekannter Freund fort: „Meine Bekanntschaft, 
die Sie so freundlich sind zu wünschen, würde Ihnen 
aus die Dauer keine Freude machen. Wie ich Sie 
nach flüchtigem Begegnen recht zu beurteilen glaube, 
sind Sie eine ächte und rechte fröhliche Künstler 
natur, genießen mit vollen Zügen, was Natur und 
Kunst Ihnen hier verschwenderisch bieten, sind 
leichtlebig und haben das Bedürfnis der Mitteilung. 
Vor Ihnen liegt die Zukunft rosig und glänzend, 
mich aber, den gereisten Mann" — er brach ab, 
verfiel in Schweigen und wie er da saß, das gram 
durchwühlte Antlitz dem vollen Blonde zugekehrt,
	        

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