Full text: Hessenland (16.1902)

71 — 
mit unerschütterlicher Festigkeit vertretenen Stand 
punkt des Regenten trat die grade entgegengesetzte, 
alle Konsequenzen der konstitutionellen Theorie 
ziehende Tendenz der Volksvertretung gegenüber, 
und so konnte es nicht ausbleiben, daß zwischen 
Regierung und Stünden immer uoit neuem 
Reibungen und Konflikte entstanden, die sich 
schließlich bis zu dem bekannten verhängnisvollen 
Versassungskampf verschärften. 
Es würde über den Rahmen der Aufgabe, die 
ich mir gestellt habe, hinausgehen, wollte ich in 
eine nähere Erörterung der Verfassungs-Streitig 
keiten und -Kämpfe eintreten; es kann mir heute 
nur darum gelten, au diejenigen geschichtlichen 
Thatsachen kurz zu erinnern, die für eine Würdi 
gung der Persönlichkeit des Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm von besonderer Bedeutung sind und die 
es erklärlich machen, daß bei der Beurteilung 
dieses Fürsten der Einfluß der Parteileidenschast 
zu Übertreibungen und Entstellungen geführt hat. 
Die eine Zeit laug landläuflge und von manchen 
Seiten geflissentlich genährte Vorstellung, die 
Regierung Friedrich Wilhelms sei eine vollständige 
Mißregieruug gewesen, unter der das ganze hessische 
Volk als unter einem schweren Druck geseufzt 
habe — diese Vorstellung ist von Dr. Otto 
Bähr in feiner Schrift „Das frühere Kurhesfeu" 
als völlig unhaltbar erwiesen und gründlich wider 
legt worden. Die Ausführungen dieses als be 
deutender Jurist rühmlich bekannten Schriftstellers 
sind um so bemerkenswerter, als sie aus der 
Feder eines entschiedenen Gegners des politischen 
Regierungssystems des Kurfürsten geflossen sind. 
Bähr hat dargethan, daß sich der Kurstaat bis 
in die letzte Zeit seines Bestehens einer trefflichen, 
wohlfeilen, raschen und völlig unabhängigen Rechts 
pflege erfreute, daß seine Verwaltung — besonders 
auf kommunalem Gebiet — eine gesetzlich streng 
geregelte war und daß seine finanziellen Verhält 
nisse vorzügliche waren. Bähr hebt ferner hervor, 
wie grade unter der Regierung des letzten Kur 
fürsten der hessische Bauernstand durch Ablösung 
der Grundlasten und Errichtung der Landeskredit 
kasse gehoben, wie Handel und Gewerbe durch 
zeitigen Beitritt Kurhessens zum Zollverein und 
durch Eisenbahnbauten gefördert wurden und wie 
wenig die ganze Bevölkerung mit Steuern be 
lastet war. 
Auch der Person des Kurfürsten läßt Bähr 
im wesentlichen Gerechtigkeit widerfahren. Den 
Hauptcharakterzug Friedrich Wilhelms nennt er 
dessen unbegrenzten Fürsteustolz. In der That 
gab dieser Stolz die unerschütterliche Festigkeit in 
der Abweisung aller Versuche, maßgebenden Ein 
fluß zu üben, und war der letzte Grund einer 
völligen Gleichgültigkeit gegen die Volksmeiuuug 
und gegen die als deren Organ sich gerireude 
Presse des In- und des Auslands. Er war aber 
auch die Wurzel der Meuschenverachtung, die 
gelegentlich in dem schroffen Wort zum Ausdruck 
kam: „Meine Diener, hoch wie niedrig, sind in 
meine Hand gegebene Schwämme, die ich nach 
Gefallen ausdrücke und daun wegwerfe." Nicht 
weniger war es Ausfluß dieses Fürstenstolzes, 
wenn Friedrich Wilhelm auf einen Vorschlag, 
durch veränderte Einrichtungen in der Hofverwal 
tung Ersparnisse zu machen, kopfschüttelnd er 
widerte: „Das paßt sich nicht für mich, ich führe 
ja keinen Haushalt, ich führe eine Hofhaltung, 
von der die Leute leben sollen." 
Bähr hebt anerkennend hervor, daß der Kur- 
sürst durchaus keine Günstlinge (weder männliche 
noch weibliche) gehabt habe, daß ihm persönliche 
Unterwürfigkeit zuwider gewesen, daß deshalb 
unter seiner Regierung das Land frei geblieben 
i von Nepotismus und Protektion und daß man 
ein Streberthum nicht gekannt habe. Er rühmt 
vom Kurfürsten, daß er von Hans aus durchaus 
! nicht geizig, daß er wohlthätig gegen Arme ge 
wesen und daß es ihm nicht an Gewissenhaftigkeit 
in solchen Dingen gefehlt habe, wo er sich bewußt 
gewesen, eine Pflicht erfüllen zu müssen. 
Weiter giebt Bähr zu, daß es dem Kurfürsten 
auch an Rechtssinn nicht gefehlt habe, der sich 
freilich vor allem in eifriger Bewahrung seiner- 
eigenen Rechte, dann aber doch auch in der Achtung 
vor einem Richterspruch — selbst wenn er ihm 
persönlich ungünstig war — sowie darin gezeigt 
habe, daß der Fürst bei Ausübung des Begnadi 
gungsrechts, namentlich bei ihm vorliegenden 
Todesurteilen, mit der größten Sorgfalt, ja 
Ängstlichkeit zu Werke ging, und daß es sein 
eifrigstes Bemühen war, in den Fall einzudringen 
und sich selbst ein Urteil zu bilden. 
Den Schlüssel dazu, daß solche unzweifelhafte 
Regententngenden auf die herrschende Vorstellung 
von der Persönlichkeit Friedrich Wilhelms so 
wenig Einfluß gehabt haben, sucht Bähr in der 
alten Erfahrung, daß dem Menschen am wenigsten 
persönliche Unliebenswürdigkeit verziehen werde, 
sowie darin, daß dem Kurfürsten vor allem das 
gefehlt habe, was man doch von einem Fürsten, 
in dessen Hand das Geschick von Hunderttausenden 
gelegt sei, noch mehr als von jedem Andern er 
warte: das menschliche Wohlwollen. 
Beide Vorwürfe der Unliebenswürdigkeit und 
des Mangels an menschlichem Wohlwollen sind 
in der Uneingeschränktheit, in der sie erhoben 
werden, keineswegs begründet.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.