Full text: Hessenland (16.1902)

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Und wahrhaft würdig hat Senckenberg die 
sechzehnjährige Muse seines noch übrigen Lebens 
verwendet. Vor allem nahm ihn die Ausarbeitung 
zahlreicher juristischer Arbeiten in Anspruch. Sie 
können hier nicht alle angeführt werden. Erwähnen 
will ich nur seine Hauptwerke: die Fortsetzung der 
Teutschen Reichsgeschichte von Häberlin, die in 
sieben Bänden das 17. Jahrhundert behandelt, und 
die Fortführung der von Lipenius begründeten um 
fassenden juristischen Bibliographie. 
Das zweite Werk zeigt ihn als den passionierten 
Bücherfreund, der er war. Vom Vater hatte er 
eine umfangreiche Büchersammlnng überkommen. 
Sie zu mehren und zu bessern war sein stetes 
Bemühen. Im Verkehr mit den stummberedten 
Freunden des Gelehrten wird er manche genuß 
reiche Stunde verlebt haben. 
In jungen Jahren war er zu Nom in die 
Akademie der Arkadier ausgenommen worden. Unter 
dem Namen Polydorus Nomeaeus, mit dem ihn 
damals die modernen Arkadier begabt hatten, ver 
öffentlichte er 1785 griechische und lateinische 
Gedichte. Diesen folgten 1787 „Gedichte eines 
Christen", 1796 gar eine Tragödie Charlotte 
Corday; diese Heldin besang er gleichzeitig in 
lateinischen Versen. Nicht ganz also blieb Sencken 
berg von dem poetischen Geiste, der seine Zeit 
durchwehte, unberührt; aber er gehörte nicht zu 
den Wiedergeborenen dieses Geistes: das zeigt seine 
Ablehnung des „süßen Werthergistes" und seine 
Empörung über die Genien, „den Schimpf-Musen- 
Almanach". Bedeutender als seine Pvesieen scheint 
eine Schrift, in der er sich um die grammatische 
Regelung der Muttersprache bemühte: „Gedanken 
über einige Gegenstände, die Teutsche Sprache 
betreffend" (1798). Dennoch galt ihm das Deutsche 
nicht für würdig die Geheimnisse der Jurisprudenz 
zu verkünden; für die Wissenschaft war ihm Latein 
das einzig angemessene Ausdrncksmittel. 
So hat Senckenberg vorwiegend als Gelehrter 
und Litterat dahingelebt. Aber ein warmes Inter 
esse für das Ergehen der Mitmenschen und für 
das große Ganze hat er dabei bewahrt und nicht 
selten durch die That bewiesen. Wenn wir von 
der an ihm gerühmten steten Fürsorge für die 
Armen absehen, so zeigte er Mut und aufrichtiges 
Wohlwollen, als er 1796 nach dem Abzug der 
Franzosen für die am meisten geschädigten ober 
hessischen Städte mit einem Schristchen eintrat; 
er verlangte Ersatz aus öffentlichen Mitteln. Für 
die bedrängte Lage der hessischen Schulen, welche 
besonders finanziell viel zu wünschen übrig ließ, 
hätte er gern etwas Durchgreifendes gethan. Er, 
als Privatmann, veranstaltete eine Art Enquote, 
die die Grundlage für Resormvorschläge bilden 
sollte. Zu diesen selbst ist es freilich nicht ge 
kommen. Zur Oberaufsicht über die Anstalten 
seines Oheims in Frankfurt war er durch dessen 
Testament verpflichtet, er hat diese Pflicht uner 
müdlich geübt. ohne sich durch den Widerspruch 
und die Undankbarkeit der dortigen Verwaltung 
beirren zu lassen. — 
Tie zärtliche Liebe zu seiner einzigen Tochter 
veranlaßte Senckenbergs frühen Tod. Während er 
in Frankfurt in ärgerlichen Geschäften sich aufhielt, 
erkrankte sie in Gießen an den Pocken. Er eilte 
an ihr Sterbebett und erlag bald darauf derselben 
Krankheit. (11. Oktober 1800.) — 
Diese Zeilen haben ihren Zweck erfüllt, wenn 
sie dazu dienen das Interesse an dem trotz mancher 
Schwächen edlen und verehrungswerten Manne zu 
beleben. In dem von ihm so sehr geliebten Gießen 
wirkt er durch seinen Bücherschatz weit über sein 
Erdendasein hinaus. 
Dom Kasseler Hoftheater 
Ich schloß meine letzte Betrachtung mit beut November 
ab, — begonnen hatte ich sie mit einer Klage über das 
wenige Neue, das zu berichten war über die letzten Monate. 
Was die Oper anlangt, so hat diese Klage auch heute noch 
ihre Bercchtiguitg, denn außer zwei einaktigen Opern 
haben wir auch bis jetzt noch nichts Neues wieder erlebt. 
Die eine derselben: „Ein Stücklein vom Schill" von 
Gustav von Rößler ist ein harmloses und linbedeutendes 
Machwerk, sowohl,, was Handlung wie Musik anlangt. 
Die andere: „Der Überfall", deren Text nach einer Wildeu- 
bruchschen Novelle bearbeitet ist. behandelt den tragischen Zwie 
spalt. den die Vaterlandsliebe und die Liebe zum Manne in 
der Seele eines Weibes aufreißen und der sie schließlich in den 
Tod treibt; die hochdramatische Musik Heinrich Zöllners 
bietet viel Interessantes und Fesselndes. Bei der Anfführnng 
fand besondereit Beifall bei Kritik und Publikum Frau 
M o r n y als die Darstellerin der französische» Bäuerin. 
Erwähnung dürfte hier wohl noch finden das Ballet 
„Phantafieen im Bremer Ratskeller", eine freie Be 
arbeitung des Hanffschen Werkes, das in farbenprächtiger 
Ausstattung und geschickter Inszenierung zu den flotten 
Tanzweisen der dazu gehörenden Musik von Ad. Steinmann 
aufgeführt wurde und sehr gefiel. Sonst wurde das 
Rcpertoir vielfach durch die leidigen Gastspiele beeinflußt, 
die ja nicht zu umgehen sind, immerhin kamen eine Reihe 
von bewährten Tonschöpfungen zu guten Aufführungen 
wie „Troubadour", „Fidelio". „Carmen", „Walküre", 
„Hans Helling", „Tristan und Isolde", „Rienzi" u. a. m. 
Für den schon längere Zeit unpäßlichen Herrn Bartram 
ist eine zeitweilige Vertretung in Herrn Marsano ge 
funden worden. Eins der drei Abonnementskonzerte in 
dieser Zeit bot besonderes Interesse durch das Auftreten
	        

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