Full text: Hessenland (16.1902)

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kannte alle Lente und war die lebendige Chronik 
seines Stadtviertels. Die Besucher des Cafes redete 
er nach italienischer Weise immer mit ihren Vor 
namen an, und ich brauchte mich nur an ihn zu 
wenden, wenn ich näheres über einen Gast wissen 
wollte. Sv hatte schon seit einigen Wochen eine 
Persönlichkeit mein lebhaftes Interesse erregt, und 
doch hielt mich eine gewisse Scheu ab, dem all 
wissenden Pietro meine Neugier zu verraten, ich 
mochte den Zauber nicht zerstören, den die eigen 
tümlich sesselnde Erscheinung des Fremden um mich 
gewoben hatte. 
Es war ein Mann in den Vierzigen, die hohe 
Gestalt ein wenig nach vorn gebeugt, ein schwarzer, 
schon leichtergrauter Bart umrahmte das ernste 
blasse Gesicht, und das wirre, wenig gepflegte Haupt 
haar fiel säst bis auf die Schultern herab. Ten 
langen schwarzen, aus einem dünnen Stoff gefertigten 
Mantel legte er trotz der Wärme nicht ab. Wie 
säst alle Besucher hatte er seinen bestimmten Platz, 
aber nie sah ich ihn in Unterhaltung mit Andern, 
man schien ihn gern sich selbst zu überlassen. 
Mußte der schöne Kops mit dem großen traurigen 
Augen das Interesse des Malers erwecken, so zog 
mich ein wirkliches Mitgefühl für den offenbar 
Leidenden noch mächtiger an. — Der Zufall ver 
mittelte endlich die Bekanntschaft und ließ mich 
ihm näher treten. Er hatte die Gewohnheit, so 
bald er sich an seinem Tische niedergelassen, ein 
kleines abgegriffenes Notizbuch neben sich zu legen 
und dann und wann mit dem Bleistift hastig kurze 
Sätze niederzuschreiben. Eines Nachmittags - ich 
war in meine Zeitung vertieft gewesen und hatte 
«8» 
Renatus Karl 
Von A u g. N e i 
(Schi 
ohl dürfen wir Haupt in dem Urteil bei 
stimmen, daß Senckenberg nicht aus Gewinnsucht 
und mit betrügerischer Absicht jenen verhängnisvollen 
Schritt gethan hat. Aber nach meiner Ansicht 
zeugt es doch von einer schwer entschuldbaren Selbst 
überschätzung, daß der Mann der Bücher und Akten 
glaubte, durch Veröffentlichung einer vergilbten 
Urkunde den Stein, der ins Rollen gekommen war, 
aushalten zu können, ja zu müssen. Der klare 
Blick für die Folgen seines Schrittes hat ihm ge 
fehlt, weil er sich durch einen Ehrgeiz, den wir 
sonst nicht an ihm gewahren, blenden ließ. Als 
er anfängt zu begreifen, wie sich Konsequenzen, die 
er nicht vorausgesehen hat, unerbittlich ergeben, 
da verliert er völlig den Kops. Erst die un 
fein Fortgehen nicht bemerkt — sah ich das Notiz 
buch an der Erde liegen und beeilte mich, es in 
Sicherheit zu bringen, denn es konnte ja einen 
wertvollen Inhalt bergen, und es schien mir nicht 
ratsam, es einem Kellner zur Rückgabe anzuvertrauen. 
Auf meine Erkundigung bei Pietro erfuhr ich, daß 
man den Gast nur schlechtweg den Schweden nannte 
und daß er irgendwo am Monte Pincio wohne. 
Es konnte mir nicht schwer fallen, ihn dort zu er 
fragen, und ich beeilte mich, ans dem nächsten Wege 
dorthin zu gelangen. Ich hatte kaum die ersten 
Stufen der spanischen Treppe erstiegen, als ich meinen 
Mann langsam von oben herab kommen sah. Er 
wußte offenbar noch nichts von seinem Verlust und 
sah mich, als ich direkt zu ihm hinschritt, etwas 
verwundert an. Ich hatte das kleine Buch in ein 
Zeitnngsblatt geschlagen und beeilte mich, es ihm 
zu überreichen und zu sagen, wo ich es so eben ge 
funden. Er griff hastig an seine Taschen, gleich 
sam um sich zu überzeugen, daß er es wirklich ver 
loren habe, und nahm es dann mit den lebhaftesten 
Dankesworten entgegen. Er zog das Buch rasch 
ans der Umhüllung, öffnete es, wie um sich zu über 
zeugen , daß nichts von dem Inhalt abhanden ge 
kommen. „Verzeihen Sie," sagte er mit der eigen 
tümlich scharfen Silbenbetonnng der Nordländer, 
„das Buch enthält nichts, was für einen Andern 
von dem geringsten Wert wäre, neben abgerissenen 
Gedanken, die ich gelegentlich zu Papier bringe, 
bewahre ich darin einige Briefe aus, die ich um 
nichts in der Welt missen möchte. Wie lieb ist es 
mir, daß gerade Sie es finden mußten." 
(Fortsetzung folgt.) 
•<&> 
v. Senckenberg. 
lter, Marburg. 
' ß-) 
barmherzige Peinigung durch seine sogenannten Richter 
giebt ihm Kraft und Klarheit wieder. — 
Aus diese schmerzlichste Zeit seines Lebens, — 
die, nebenbei bemerkt, ihn von einer großen Carriere 
dauernd ausschloß, — folgen einige Jahre amtlicher 
Thätigkeit. — 1780 wird er Regiernngsrat, 
daneben juristischer Schriftsteller und Ansang 1784 
quittiert er den Dienst. Das Amtszimmer, in dem 
es gilt fremden Interessen sich zu widmen, fordert 
gerade von dem wissenschaftlich interessierten Manne 
eine stete Selbstverleugnung, wie Senckenberg sie 
nicht üben will oder kann. Da seine finanzielle 
Lage es gestattet, zieht er sich, — im Alter von 
dreinnddreißig Jahren, — in das otium cum 
dignitate zurück.
	        

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