Full text: Hessenland (16.1902)

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erschöpflichen Kunstschätze der ewigen Stadt, die 
Trümmer und Ruinen einer großen Vergangenheit, 
die großartige Landschaft hielten den Sinn gefangen, 
es kam dazu die Ungebnndenheit und heitere Sorg 
losigkeit des Lebens, wie es keine andere Stadt aus 
zuweisen hatte. Wie dem Auge des Künstlers das 
malerische Volksleben mit seinen farbenprächtigen 
Trachten, seinen Mönchen und Bettlern und Modellen 
eine unerschöpfliche Quelle des Studiums bot, so 
machte der gesellige Verkehr, der noch nichts kannte von 
nationalen Antipathien, die Stunden der Erholung 
zu wahrhaft genußreichen. Auch arbeitete man nicht 
übermäßig stark; manchen Tag brachte man auf 
den Gassen zu oder man studierte die klassischen 
Linien der Campagua, das Skizzenbuch in der Hand. 
Lernte man doch im Spazierengehen, man war 
za in Rom, in Rom, dem Ziele unseres Sehnens. 
Wie manche prächtige Skizze, welche die Wände 
des Ateliers schmückte, verdankte ihr Entstehen der 
Reminiscenz an einen Abend- oder Nachtspaziergang. 
Freilich, mancher von den jungen Künstlern, die 
mit den besten Vorsätzen herkamen, gingen zu Grunde 
an seiner berauschenden Atmosphäre, vermochte sich 
zu energischer Arbeit nicht aufzuraffen oder verzettelte 
sich in unbedeutenden Farbenspielereien. Ihnen 
galt das damals oft zitierte Wort eines deutschen j 
Landschaftsmalers: „Rom ist das Paradies der 
Mittelmäßigkeit". Es wurde viel Schönes geplant, 
aber es kam sehr wenig zu stände. 
Non den steifen Formen und den Regeln ge 
sellschaftlicher Etikette, welche die sogenannte „Gesell 
schaft" in anderen modernen Städten um sich gezogen, 
kannte man in Nom nichts. Jeder ließ sich gehen, 
wie er es eben für gut fand, besonders Kleider- 
luxus war unbekannt. Die Parole des Tages schien 
zu sein: ..ich geniere mich nicht und niemand geniert 
mich". Daher denn auch die Menge von originellen 
Gestalten, denen man in den Straßen begegnete, 
die aller modernen Eleganz den Krieg erklärt zu 
haben schienen. 
In säst allen Fällen waren es Künstler, Malet, 
Bildhauer oder Musiker. Aber weit entfernt das 
Auge zu beleidigen, paßte diese Vernachlässigung 
des äußeren Menschen ganz vortrefflich zu den 
römischen Straßen und Lokalitäten jener Zeit. 
In den Kaffeehäusern lind Restaurants, welche 
vorzugsweise von Künstler» besucht wurden, herrschte 
eine ewige Dämmerung, welche in wohlthuender 
Weise die landesübliche Unsauberkeit verhüllte. 
Elegante und modische Toiletten sah man da selten, 
fast nie; die Habitues' des Cafe Zelle belle arti 
im Korso kamen in ihrem Atelierkostüm, nicht selten 
in Pantoffeln, um ihre gewohnte Ecke einzunehmen. 
Aber klangvolle Namen waren es, die diese Räume 
füllten, Namen, geweiht vom Genius der Kunst. 
„Tretet ein, auch hier sind Götter." 
Der alte Herr mit dem weißen Bart, angethan 
mit einer alten Sammetjoppe von ganz undefinierbarer 
Farbe, einen großen Hund an der Kette nach sich 
ziehend, ist der berühmte Landschaftsmaler Rein 
hardt, ein Baier, der noch mit Schiller im 
Körnerschen Hanse in Dresden verkehrte und in 
seinen Skizzenbüchern köstliche Zeichnungen aus 
jener Zeit bewahrte. Neben ihm der Mann mit 
den harten energischen Zügen, der stark gebogenen 
Nase und dem vollen starken Bart ist der Maler 
der zu ihrer Zeit so hoch geschätzten italienischen 
Genrebilder, Riedel; beide sind in eifrigem Ge 
spräch mit einem Herrn von imponierender Er 
scheinung. Der prächtige Kopf mit dem blonden Voll 
bart und den gesundheitstrotzenden Wangen ruht aus 
einer wahren Hünengestalt. Die geistvollen Züge 
belebt ein jovialer Zug, sie lassen den bedeutenden 
Menschen aus den ersten Blick erkennen. Das ist 
der Österreicher Ra hl, damals wohl der hervor 
ragendste Künstler der deutschen Kolonie. Daß er 
eben Schiukeuschuitte aus der Westentasche hervor 
zieht und mit Behagen verzehrt, thut der Würde 
seiner Erscheinung nicht den geringsten Eintrag. 
Im denkbar stärksten Kontrast zu ihm steht ein 
anderer hier selten gesehener Gast. In der schmächtigen 
Gestalt, in der priesterlich zugeschnittenen schwarzen 
Kleidung, m dem schmalen, bartlosen Gesicht mit 
den erustblickenden Augen wäre man versucht einen 
deutschen Dorfschulmeister zu sehen. Das ist 
Overbeck, der geniale Zeichner biblischer Ge 
schichten. 
Man traf in dem dunklen kleinen Cafe am Korso 
zu allen Tageszeiten Künstler, und wer gern ein 
paar Stunden herumschlendern wollte, konnte hier 
sicher daraus rechnen, Gesellschaft zu finden. Mich 
interessierte es besonders, in den ersten Wochen 
meines Aufenthalts hier Künstler aller Länder kennen 
zu lernen, und der Verkehr machte sich leicht und 
in der angenehmsten Weise. Noch ahnte man 
nicht, welche Stürme in wenigen Jahren über die 
europäische Welt losbrechen würden, und die Unter 
haltung in diesen Kreisen drehte sich fast aus 
schließlich um künstlerische Dinge oder um pikanten 
römischen Stadtklatsch, um Theater, Modelle oder 
Neuangekommene interessante Persönlichkeiten. 
Als täglicher Gast hatte ich mir bald ein be 
stimmtes Plätzchen an einem der kleinen Marmor 
tischchen ausgesucht und meine mezza-crema, Kaffee 
mit Rahm — wurde bei meinem Eintritt von dem 
aufmerksamen Kellner bald ohne weiteres serviert. 
Ein orgineller Bursch war dieser Kellner, der alte 
Pietro. In meinem Skizzenbuche steht das runzlige 
Gesicht mit der ungeheuren Nase und den freund 
lichen verschmitzten Augen wiederholt verewigt. Er
	        

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