Full text: Hessenland (16.1902)

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„Wir Heinrich von Gottes Gnaden Landgraf 
zu Hessen, und Wir Otto, sein Sohn, bekennen 
mit Unseren Erben öffentlich an diesem Briefe, 
daß wir Unseren lieben Getreuen, den Burg- 
männern und Bürgern gemeiniglichen Unserer 
Stadt zu Felsberg und Unseren Leuten zu Gensungen, 
Sundheim, Beuern, Heßlar und Melgershausen, 
die zu Felsberg gehören, haben befohlen und be 
fehlen an diesem Briefe Unser Holz, genannt Hasen 
winkel, Beuerholz, Hilgenberg und Gassenstruth, 
die da antreten an dem Wege von Melgershausen 
bis an den Weg gegen Milsungen von dem Kessel 
auf und an das Elfershäuser und Hilgershäuser 
Holz, und sie sollen die Holze getreulich hegen 
und sollen es nicht roden noch verkaufen, noch 
fremden Leuten geben, sondern sie sollen ihre 
Mark darinnen haben und das gebrauchen zu 
ihrer Notdurft nach möglichen Dingen, und was 
Unsere ehegenannten Bürger einträchtiglich über- 
(ein)kommen, um die Holze zu hegen oder zu 
ihrer Notdurft zu hauen, das sollen Unsere Burg 
mannen und Landleute ehegenannt gefällig sein 
und das also halten; auch sollen sie keine Wellen 
zu Wehren darinnen hauen, noch niemals ge 
statten zu hauen. 
Wo sie das nicht thäten noch hielten, als vor 
stehet geschrieben, so wollen Wir und mögen Uns 
des Holzes wieder unterwinden, als vor, ohne 
Widerrede. Hierum sollen Unsere Bürger und 
Leute der ehegenannten Dörfer Uns jährlich aus 
St. Martini-Tag geben 12 Malter Hafer, auch 
sollen die vom Eppenberge ihre Mark in diesen 
Holzen behalten, als sie die vorgehabt haben, und 
sollen es mit allen Stücken halten, als Unsere 
Burgmannen, Bürger und Leute vorgenannt das 
halten, und sollen Uns jährlich davor geben, als 
sie vorhin gethan. 
Des zu Urkund geben Wir ihnen diesen Brief, 
versiegelt mit Unserm Jnsiegel, nach Christi Geburt 
dreizehnhundert in dem sechzigsten Jahre, an dem 
Sonntage Niserieoräms Domini." 
Diese Urkunde bildet die unerschütterliche recht 
liche Grundlage bei der Abweisung der im Lause 
der Jahrhunderte vom Fiskus oft wiederholten 
Versuche, das Beuerholz in seinen Besitz zu bringen. 
Es ist das Verdienst der Generalkommission zu 
Kassel, in dem erwähnten Urteil eine aus wissen 
schaftlichen Grundlagen beruhende Auslegung der 
landgräflichen Urkunde in juristisch unanfechtbarer 
Form gegeben zu haben, so daß nunmehr für alle 
Zeiten ein Eingriff in die Rechte der Mürkerschaft 
ausgeschlossen erscheint. Es verlohnt sich der Mühe, 
aus einige Punkte dieser Urteilsbegründung näher 
einzugehen. 
Der königlich preußische Forstfiskus, der am 
23. Februar 1868 auf Ablösung der der Märker 
schaft zustehenden Berechtigungen klagte, sah in der 
landgrüflichen Verordnung von 1360 nur die Ver 
leihung von bestimmten Holz-, Hute- unb Mast 
berechtigungen und nahm für sich das alleinige 
Eigentumsrecht in Anspruch. Das Urteil der 
Generalkommission weist aber in scharfsinniger 
Weise nach, daß der Landgraf den vier Gemeinden 
den Wald als unumschränktes Eigentum gegeben 
habe. Es handelt sich bei der Auslegung der 
Urkunde zunächst und hauptsächlich um das Wort 
befehlen. 
. . . „Wir haben besohlen und befehlen Unser 
Holz . . Unseren lieben Getreuen. ." Im Urteil 
wird dazu folgende sprachlich unanfechtbare Be- 
merkung gemacht: der Ansdruck „befehlen" mit 
dem nachfolgenden Accusativ der Sache und Dativ 
der Person bedeutet >mch der Sprache der damaligen 
Zeit — wie Grimms Deutsches Wörterbuch be 
zeugt — nicht ein Gebieten, sondern ein Über 
gebe». Der Landgraf hat ihnen also den Be 
sitz des Waldes übergeben, wie auch dadurch bestätigt 
wird, daß er zum Schluß erklärt, er würde sich, 
falls die Beliehenen die ihnen auferlegten Be 
dingungen nicht erfüllen sollten, des Holzes unter 
winden; denn „sich der Sache unterwinden" 
heißt nach „Eichhorns deutschem Privatrecht § 157" 
sowie nach „Albrechts Geweren S. 26 und 70" 
nichts anderes als die Revindikation und Reap- 
prehension der Sache. — Diese sprachliche Aus 
legung, namentlich des Wortes befehlen, entscheidet 
ein für alle Mal die Streitfrage. 
Das Urteil begnügt sich aber mit dieser Beweis 
führung nicht; es findet für die Übertragung des 
Eigentums noch andere Gründe. Die Urkunde 
sagt: . . . „sie sollen ihre Mark darinnen haben 
und das gebrauchen zu ihrer Notdurft nach mög 
lichen Dingen." Der Wald soll also eine Mark 
bilden, die Bürger sollen darin märkerschastliche 
Rechte ausüben. Mit dem Begriffe Mark ist 
aber der Begriff des Eigentums unauflöslich 
verbunden. Wenn ein Markwald vorhanden ist, 
so ist dadurch so ip8o das Eigentum der Mark- 
genvssen oder Märker erwiesen. Das Urteil stützt 
sich bei dieser Auslegung auf Maurers Geschichte 
der Markenverfassung in Deutschland (Erlangen 
1856) und auf Kramers Wetzlarsche Nebenstunden. 
Wenn der Landgraf fortfährt, daß sie sich des 
Waldes „zu ihrer Notdurft nach möglichen Dingen 
gebrauchen sollen", so liegt darin nicht bloß die 
Einräumung bestimmter Gebrauchs-Rechte — 
wie der Fiskus annimmt —, sondern es wird 
ihnen dadurch im Gegenteil aller nur mög 
liche Gebrauch zugestanden, zwar nur zu ihrer
	        

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