Full text: Hessenland (16.1902)

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auf dessen baldige Abfahrt zur grüßen Armee 
rechnete und sich die Gelegenheit nicht entgehen 
lassen wollte, der erste am Platze zu sein, ihm 
das Maß zum Sarge zu nehmen, denn Sarg 
magazine wie heutzutage gab es damals noch nicht. 
Donnerwetter noch' mal! Als das der Lieutenant 
hörte, wollte er fast bersten vor Lachen, denn er 
fühlte sich so gesund wie ein Fisch im Wasser, 
und als er sich einigermaßen erholt hatte, rief er: 
„Sag' dem Teufelsbraten, ich that' schon seit zehn 
Jahren sterben, das sei eine meiner Liebhabereien, 
aber nun wär' durch das verd Rauchen es 
bald Matthäi am Letzten, und ich roch' nach Tannen 
holz von oben bis unten!" Und dann entwarf 
er einen Plan, der denn auch bis zu Ende aus 
geführt wurde. An einem der nächsten Tage er 
schien der Lieutenant ohne Tschibnk am Fenster, 
dann einige Tage lang mit einem dicken wollenen 
Shawl um den Hals, dann hinter dem geschlossenen 
Fenster und zuletzt wurde er gar nicht mehr sichtbar. 
Der Meister hatte dies alles wohl beobachtet und 
nicht ermangelt bei seinem neuen Bekannten, dem 
Burschen, Erkundigungen über das Befinden des 
Herrn Lieutenants einzuziehen, die aber immer 
-8- 
Aus Heirnat 
Hessischer Geschichtsverein. Der Verein 
für hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel 
hielt Montag, den 3. Februar, im Evangelischen 
Pereinshanse seine Monats-Versammlung ab. Nach 
dem der erste Vorsitzende, Herr General Eisen traut, 
die Anwesenden begrüßt und einige geschäftliche 
Mitteilungen gemacht hatte, kam eine Angelegenheit 
zur Sprache, welche den letzten wissenschaftlichen 
Unterhaltungsabend betraf. An demselben war aus 
der Mitte der Versammlung auf das im Verlag der 
Vietorschen Hosbuchhandlnng in Kassel erschienene 
Buch „Die Bilstein er" von Lotte Gubalke 
aufmerksam gemacht worden, da dasselbe „einen 
schweren sittlichen Vorwurf gegen das hessische 
Landvolk enthalten solle". Unter der Voraus 
setzung, daß dies der Fall sein könne, hatte die 
Versammlung Protest gegen die Anschuldigung 
unseres ehrbaren Bauernstandes erhoben. Dieser 
Protest, betonte Herr General Eisentraut, sei 
hauptsächlich durch die in dem Buch enthaltenen 
Ortsbezeichnnngen „Bilstein" und „Boineburg" 
hervorgerufen worden, die ans bestimmte Ört 
lichkeiten in Hessen hinzudeuten scheinen. Eine 
Richtigstellung des Sachverhalts gab nunmehr 
Herr Ober-Bibliothekar Di-. Brunner vermittels 
eines Briefes der Verfasserin, in welchem dieselbe 
ausführt, daß der Schauplatz ihrer Erzählungen in 
schlechter lauteten, bis der Bursche eines Morgens 
die Trauerbotschaft brachte, daß sein Lieutenant 
in der Nacht gottselig entschlafen sei. Schnell wie 
der Wind sprang nun der Schreiner die Treppe 
hinaus, denn daß kein anderer als er dem Lieutenant 
den Sarg machen solle, hatte er mit dem Burschen 
in der „Stadt Stockholm" feierlich verabredet. 
Neben der Stube des Lieutenants befand sich ein 
Alkoven durch ein Gntlicht erleuchtet und da 
lag nun der Cardinal lang und steif im Nacht 
hemd ans dem Bett, säst schon wie ein Skelett 
anzusehen, so schrecklich mager war er. Der Meister 
zog sein Maß hervor und fing nun an herum 
zuhantieren, als er aber im besten Messen war, 
richtete der Lieutenant sich plötzlich himmellang im 
Bett in die Höhe und schrie, einen Ausklopfer 
hervorziehend mit hohler Stimme: „Was störst Du 
mich in meinem ersten Schlaf?" daß der erschrockene 
Meister alles stehn und liegen ließ und Hals 
über Kopf davon rannte. 
Am andern Morgen lag der Lieutenant seinen 
Tschibnk rauchend nach wie vor im Fenster; der 
Meister Schreiner aber ward nicht wieder vor 
ihm sichtbar. 
uirö Freinde. 
Hessen nicht zu suchen ist. Auch erwähnte Herr 
Ober-Bibliothekar Dr. Brunner, daß bereits eine 
ähnliche Erklärung in einer Sitzung der Kasseler 
Schriftstellervereinignng „Freie Feder" abgegeben 
worden sei. Der Geschichtsverein spreche seine volle 
Befriedigung über die erhaltene Erklärung aus, 
wodurch der unter Vorbehalt ausgesprochene Protest 
zurückgezogen werde. Noch kurz das Buch als 
litterarische Erscheinung streifend, bemerkte Herr 
Dr. Brunner, daß sein Inhalt eine Fülle poetischer 
Gedanken aufweise. Nunmehr erteilte der Vor 
sitzende dem Herrn Oberlehrer Grebe das Wort 
zu dem angekündigten Vortrag: „Ludwig der 
Fri edsame". Herr Grebe hatte schnell für Herrn 
Dr. Krollmann einspringen müssen, welcher durch 
Unwohlsein verhindert war, den in Aussicht gestellten 
Vortrag über die „Sittenzustände in den hessischen 
Ritterburgen zur Zeit des ausgehenden Mittelalters" 
zu halten. Wohl der hauptsächlichste Grund, aus 
welchem der „princeps pacis“ und seine Zeit ge 
schildert wurde, war darin zu finden, daß am 
6. Februar d. I. die 500. Wiederkehr des Geburts 
tages dieses bedeutenden Hessenfürsten verzeichnet 
werden konnte. Außerordentlich sympathisch berührte 
die Einleitung zu der Geschichte Ludwigs, in der 
Herr Oberlehrer Grebe der Sehnsucht, welche die 
deutschen Kaiser und ihre Völker nach Italien ge-
	        

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