Full text: Hessenland (16.1902)

auf den inneren Appell und folgt ihm mit fröhlicher 
Zuversicht. 
Nachwort der Herausgeberin. 
Dieser wahren Geschichte habe ich nur noch eine 
Mitteilung hinzuzufügen. Konstanze Eberhard — die 
unvergleichliche Nachtigall nuferer Oper — ver 
lobte sich vor einigen Wochen mit dem berühmten 
Geigenspieler Professor Mellinor, ihrem ehemaligen 
Gesangslehrer in der Mädchenschule der kleinen 
hessischen Stadt. Beide haben Jahre laug nicht mit 
einander in Verbindung gestanden. Entscheidende, 
meist traurige Verhältnisse machten es Mellinor un 
möglich, persönlich in den Entwicklungsgang seiner 
einstigen kleinen Freundin einzugreifen. Aus der 
Ferne freilich hatte er ihn immer mit Teilnahme 
verfolgt und ist, wie er mir selbst sagte, stets im 
Stillen glücklich darüber gewesen, daß Andere dem 
großen Talente die Wege ebneten, dessen Förderung 
ihm selbst nicht vergönnt war. 
Vor mehreren Monaten wirkte das Künstlerpaar 
in einem Museumskonzerte in Frankfurt am Main 
--*»■ 
Kasseler 
Von W. n 
I. Der Lieutenant und der Schreiner. 
Vor der großen Erweiterung Kassels nach allen 
Himmelsrichtungen hin, also vor dem Jahre 1866, 
nahmen Offiziere nicht selten in der Altstadt ihr 
Quartier, besonders die Jüngeren, und so kam es. 
daß in der Mittelgasse ein Premierlieutenant vom 
Leibregiment wohnte, ja sogar ein adeliger Premier 
lieutenant — wir wollen ihn von Cardinal nennen. 
Obgleich die „Konräderchen", wie das Leibregiment 
bekanntlich genannt wurde, im Verhältnis zur Garde 
aus kleineren Leuten bestanden, so war Lieutenant 
von Cardinal, wie auch noch viele andere seiner 
Kameraden im Regiment, von ansehnlicher Körper 
länge, aber dabei von einer Magerkeit, die ihres 
gleichen suchte. Hatte er keinen Dienst, so liebte 
es Herr von Cardinal des Morgens eine Stunde 
im Fenster seiner au premier befindlichen Wohnung 
zu liegen und seinen mit seidenem Band umwickelten 
Tschibuk zu rauchen. Wenn er so im grauen 
Schlasrock aus dem Fenster schaute, mit dem hageren, 
todblassen Gesicht, in das rechte Auge ein Glas 
geklemmt, aus dem Haupte einen roten Fes mit 
blauer Quaste, so sah er wirklich selbst im hellsten 
Sonnenschein ein wenig gespensterhast aus, wodurch 
es kommen mochte, daß die Jungen einen so heil 
losen Respekt vor ihm hatten, und wenn sie vor 
seiner Wohnung Soldaten spielten und es ihm Spaß 
machte, sie zu kommandieren, ihm aufs Wort gehorchten. 
zusammen. Diesem beglückenden Wiedersehn folgte 
alsbald die Verlobung. Der Professor ist seit etwa 
anderthalb Jahren Wittwer. Er war mit der 
berühmten Pianistin Ernestine Degner vermählt, die, 
wie bekannt, in bereits sehr vorgerückten Jahren 
mit ihrem Jugendgeliebten, dem genialen Schauspieler 
Börner, gemeinsam in den Tod ging. Schon hieraus 
dürfte ersichtlich sein, daß die Ehe keine glückliche 
war. Die Frau soll ihrem Manne eine Reihe 
schmerzlichster Enttäuschungen bereitet und ihm die 
Ausführung seines Berufes oft sehr erschwert 
Wer Stanzchens Geschichte aufmerksam las, weiß, 
daß Koustanze Eberhard auch bei ihrer Wahl dem 
Inneren Appell" folgte, llnbewußt hat sie Mellinor 
schon als ganz junges Mädchen geliebt und ihn nie 
vergessen können. Sie wird ihm deshalb auch nach 
so viel bittern Erfahrungen ein echtes Glück schenken 
und sicher selbst glücklich werden. Die Verheiratung 
erfolgt binnen kurzem. Koustanze Eberhard ver 
läßt die Bühne, um später nur noch in Konzerten 
ihre schöne Stimme hören zu lassen. 
Skizzen. 
8 en necke. 
Einige Monate lang hatte von Cardinal in der 
Mittelgasse gewohnt und morgens im Fenster ge 
legen und den Spielen der Nachbarskinder zugesehen, 
als ihm auffiel, daß an der gegenüber befindlichen 
Straßenseite allmorgendlich ein Mann stand, der 
ihn aufmerksam zu beobachten schien. Der Kleidung 
nach konnte es ein Handwerksmeister sein — was 
aber hatte dieser für ein Interesse an dem Lieutenant, 
der doch keinen eigenen Hausstand besaß und auch 
nicht auf Freiersfüßen ging, sodaß er etwaige 
Bestellungen hätte machen wollen. Lauge grübelte 
Cardinal darüber nach, während er die blauen 
Wölklein aus seinem Tschibuk emporsandte und 
dazwischen den exerzierenden Jungen hin und 
wieder ein „Schritt gehalten, Ihr Himmelhunde!" 
zurief, ohne durch sein Nachgrübeln jedoch klüger 
zu werden. 
Nachdem acht Tage so verflossen waren, und 
der Meister da drüben eben so regelmäßig auf 
seinem Beobnchtuugsposten erschienen war, als der 
Lieutenant am Fenster, sing den letzteren doch 
die Neugierde zu plagen an und er befahl seinem 
Burschen den Mann in unverfänglicher Weise aus 
zuforschen. Da der Bursch für diesen Auftrag 
passender war als der Bruder Bouafides im „Nathan 
den Weisen", so konnte er seinem Lieutenant gar 
bald berichten, daß der Handwerksmeister ein Schreiner- 
aus der Nachbarschaft sei, der im Hinblick aus das 
so überaus schlechte Aussehen des Herrn von Cardinal
	        

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