Full text: Hessenland (16.1902)

VI. 
Dieselbe Hand, die das trotzige Stanzchen einst 
von der Schwelle des Vaterhauses wies, hat Kon 
stanze viele Jahre später, vor Erregung zitternd, j 
wieder in ihr altes Heim eingeführt. Der große Er 
folg ließ auch bei den Leuten in der Stadt ihre einstige 
Handlungsweise mit einemmale in ganz anderem 
Lichte erscheinen. Es war ein solcher Umschwung 
in der Stimmung der Verwandten und Bekannten 
eingetreten, daß man es sogar als eine hohe Ehre 
betrachtete, wenn die berühmte Sängerin da und 
dort einen Besuch machte. Sie sah denn auch nach 
all den alten Freundinnen, die teuere Jugend- 
erinnerungen mit ihr teilten, und trug ihnen die 
einstigen Vorurteile nicht nach. Freilich waren es 
stets nur sehr kurze Besuche; denn Konstanze wollte 
die wenigen freien Tage zum innigsten Verkehr mit 
ihren Familienangehörigen ausnutzen. 
Namentlich bereitete ihr das Zusammensein mit 
dem Bruder herzliche Freude. Er war ein begabter 
Junge, gleichfalls musikalisch veranlagt und so be 
geistert für alles, was echte Kunst hieß, daß er in 
der geliebten Schwester seine höchsten Ideale ver 
körpert sah. Da Bernhard das Gymnasium be 
suchte, empfing er von früh an eine bessere Bildung. 
Mit dieser paarte sich aber ein großes technisches 
Geschick, das ihn nach dem Verlassen des Gymnasiums 
bestimmte, der Gelehrsamkeit zu entsagen und einen 
praktischen Beruf zu wählen. Bernhard ist Elektro 
techniker geworden,, er hat die Absicht, die Schlosser 
werkstätte des Vaters zu einer großen Fabrik aus 
zugestalten. Sein eiserner Wille, seine reichen Gaben 
und sein angeborenes Erfindertalent werden ihn sicher 
an ein schönes Ziel führen. 
Meister Müller ist so weit gekommen, sogar offen 
zu bedauern, daß er einst gegen Stanzchen zu hart 
gewesen sei. Freilich, wie er stets hinzufügte, war 
das ja nur geschehen, weil sie ein Mädchen war, das 
nach gut bürgerlicher Anschauung nun einmal keinen 
Willen haben durste. Ost hat sich der Mann sogar 
später selbst als warnendes Beispiel hingestellt, wenn 
in ähnlichem Falle die Eltern eine Tochter mit Gewalt 
vom selbst erwählten Wege hinweg zwingen wollten. 
Deshalb wird Meister Müller auch nicht böse 
werden, sollte ihm jemals diese Geschichte vor Augen 
kommen. Er weiß ja, daß Konstanze Eberhard, 
die als Bühnenkünstlerin seinen Vornamen als 
Zunamen erwählte, heute noch so treu an ihm 
hängt wie einst Stanzchen Müller. Was der 
Mann that, entsprang ja nicht böser Gesinnung, 
sondern alten tieseingewnrzelten Vorurteilen. So 
genannte hochgebildete Leute kämpfen ja auch oft 
dagegen vergeblich, besonders, wenn ihnen von der 
wohlmeinenden Ansicht guter Freunde die Waffen 
ans der Hand gewunden werden. 
Stanzchens Vater weiß jetzt, eine andere Zeit 
ist angebrochen, nach den alten verknöcherten An 
schauungen kann man heutzutage die Menschen 
nicht mehr beurteilen, ohne hart und ungerecht 
zu werden. Daß die begabte Tochter einer Ver 
wandten eine Kunstschule besuchen darf, ist Meister- 
Müllers Werk, weil er die Kosten dafür bezahlt. 
Er bespricht jetzt auch alle wichtigen Dinge mit 
seiner Frau und duldet sogar deren Widerspruch. 
Obwohl Meister Müller noch frisch wie früher 
ist, hat er als fürsorglicher Mann doch bereits sein 
Testament gemacht. In einer Verfügung desselben 
vermachte er dem Konservatorium, das seine Tochter 
ausbildete, eine sehr ansehnliche Summe. Was ihn 
immer gedrückt, wollte er damit ausgleichen; denn 
er hatte sich nie anders wie als stillen Schuldner 
der Anstalt gefühlt und besaß viel zu ehrenhafte 
Gesinnungen, um die Sache ohne Ausgleich zu lassen. 
Frau Betty ist das stille gefügige Wesen von 
einst nicht mehr. Erlebnisse und Erfahrungen, ganz 
besonders aber der Einfluß der Stieftochter, haben 
sie längst zu einer entschiedenen Frau erzogen und 
ihr den Mut zur eignen Überzeugung eingeflößt. 
Heute noch ist Frau Betty die beste Freundin 
Konstanzens. Nie hat ein Mißverständnis das 
Einvernehmen zwischen den zwei sonst so ungleichen 
Frauen getrübt. Für Frau Betty giebt es wie für 
ihren Sohn nichts Höheres, nichts Schöneres als 
Konstanze, die stets für beide das alte Stanzchen 
bleibt, einmal singen zu hören. Und über die 
Sängerin kommt stets eine eigene Weihe, wenn sie 
Mutter und Bruder unter den Zuhörern weiß. Der 
Mutter ist sie doch unter allen Menschen den meisten 
Dank schuldig. Das möchte sie zum Preise der 
treuen Seele stets jubelnd in alle Welt hinaus singen. 
Tie Zeiten ändern sich; wie die Ideale, so 
wandeln sich auch die Ansichten über die Rechte der 
Persönlichkeit. Jedoch Kämpfe für den Einzelnen, 
der aus engem Gehege hinaus auf eine freiere Höhe 
strebt, wird es wohl stets geben. Hier liegt die 
tiefste Tragik des Lebens verborgen; denn wer nicht 
oben ankommt und wieder in die Tiefen zurückfällt, 
darf aus den Glauben der Menschen an seine Be 
rufung 31t Besserem nicht rechnen, muß vielmehr 
darauf gefaßt sein, die grausamen Seiten der 
menschlichen Natur gründlich kennen zu lernen. Es 
ist oft kein Verdienst, sich durchzuringen, und keines 
wegs Schuld oder Alangel an ernsten Willen, aus 
dem Kampf nicht als Sieger hervorzugehen. 
Wohl dem, der gesund ist, dem die innere Stimme 
immer wieder neu den Mut stählt und genau anzeigt, 
was zu ergreifen ist und was zu fliehen. Heute, 
wo die Errungenschaften der Künstlerin in Wider 
streit gerieten mit alten Herzenswünschen des Weibes, 
heute hört Stanzchen Müller wieder still beglückt
	        

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