Full text: Hessenland (16.1902)

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sei gestattet diesem fein ausgearbeiteten Bilde des 
Menschen und Gelehrten eine anspruchslose Skizze 
nachzuzeichnen. 
Karl Renatus wurde am 23. Mai 1751 als 
der älteste Svhu des bekannten Juristen Heinrich 
Christian v. Senckenberg in Wien geboren. Sein 
Vater bekleidete die Stelle eines Reichshofrats, für 
einen Frankfurter und Protestanten, der er war, 
eine seltene Auszeichnung. Trotz der Geschästslast, 
die ihn drückte, fand er Muse zu wissenschaftlicher 
Thätigkeit in der Jurisprudenz und der mit dieser 
eng verschwisterten Historie. In diese Fächer seinen 
Ältesten so früh als möglich einzuführen war des 
Reichshofrats eifriges Bemühen. Bis zum neunten 
Jahre alte und neue Sprachen, Geographie und 
Mathematik, dann neben und über diesen allen die 
Rechte: das war der inhaltsreiche Stndienplan, bei 
dem es nichts verschlug, daß der jugendliche Schüler 
geistig überfüttert, körperlich geschädigt wurde. Eine 
Reise, welche Vater und Sohn zur Krönung 
Josephs II. nach Frankfurt führte, durste nicht 
zur Erholung dienen, sie bot dem alten und jungen 
Juristen erwünschten Anlaß in die düstern Ge 
heimnisse des Teutschen Staatsrechtes tiefer ein 
zudringen. Erst der Tod des Reichshofrats im 
Mai 1768 bereitete dem gewaltsamen Lehrbetrieb 
ein Ende. Im Herbst d. I. bezog Renatus die 
Universität Göttingen, die damals noch in frischer 
Jugend blühende Stiftung Münchhausens. — 
Zart und schwächlich, ein Büchermensch freund 
lichen Sinnes, ein wenig altklug: so tritt der 
kleine neunjährige Gelehrte uns ans dem Titelbilde 
der Hauptschen Festschrift entgegen. Nicht viel 
anders wird der siebzehnjährige Student geartet 
gewesen sein; eine hoffnungssrohe Prognose können 
wir seinem Leben nicht stellen. — 
Von dem studentischen Leben zog er sich, wie 
wir hören, in Göttingen scheu zurück; studieren, 
nur studieren! Ebenso wird er es in Straßburg 
gehalten haben, wohin er sich 1771 aus Gesundheits 
rücksichten begab. Auch in Wetzlar, wo er als 
Rechtspraktikant beim Reichskammergericht im Herbst 
1772, dann von Mai bis Oktober 1773 sich aus 
hielt , gehörte er schwerlich der Rittertasel an, in 
welcher sein Kollege Goethe sich vor kurzem über 
mütig getummelt hatte. Es trat damals eine nicht 
leichte Aufgabe an ihn heran. Sein Oheim, der 
Frankfurter Arzt Johann Christian S., der jüngste 
Bruder seines Vaters, starb im November 1772. 
Er hatte fast sein ganzes Vermögen den von ihm 
begründeten Stiftungen vermacht, die heute noch 
sein Andenken rühmen, und der junge juristische 
Neffe sollte die schwierigen Geschäfte führen, die 
der Tod des Erblassers unvermeidlich machen würde. 
Renatus hat btefen Auftrag mit Aufopferung von 
viel Zeit und Kraft treulich ausgeführt. 
Den Abschluß seiner Vorbereitung für den Lebens 
beruf fand Renatus in einer Reise nach Italien, 
die ein volles Jahr in Anspruch nahm. Hier sind 
es nicht die Wunder der Natur und die Schütze 
der Kunst, die ihn entzücken oder gar begeistern: 
nein, er schwelgt in historisch-antiquarischen Remini 
scenzen. „Horaz und Virgil waren bei Besuch der 
von ihnen erwähnten Örter meine steten Begleiter." 
„Die Erinnerung an die alte Geschichte Roms hatte 
etwas unaussprechlich Süßes für mich." Daneben 
werden höchste, hohe und Standespersonen besucht. 
Es ist lehrreich zu sehen, in welcher Stimmung 
und zu welchen Zwecken ein sehr gebildeter Durch 
schnitts-Deutscher in den Tagen Winckelmanns und 
Goethes zu den klassischen Städten pilgert. — 
Nach der Rückkehr in die Heimat (Januar 1775) 
erhielt Renatus ein Amt: er wurde Beisitzer bei 
der landgräslichen Regierung 511 Gießen. Anderthalb 
Jahre darauf verheiratete er sich mit Anna 
Margaretha von Ranen. 1777 ward ihm eine 
Tochter geschenkt; sie ist das einzige Kind ge 
blieben. 
Im folgenden Jahr tritt das Schicksal furchtbar 
in sein Leben. Es ist eine Tragödie, die sich ab 
spielt; leider nur ist er kein Held. 
Bei den Ansprüchen, die Österreich gelegentlich 
des Todes von Maximilian Joseph (1777) ans 
einen großen Teil des Kurfürstentums Baiern er 
hob und die von dessen Nachfolger, Karl Theodor 
von der Pfalz, anerkannt wurden, hatte eine Ur 
kunde, nach welcher 1426 Herzog Albrecht von 
Österreich von Kaiser Sigmund mit jenen Gebiets 
teilen belehnt war, die entscheidende Rolle gespielt. 
Die Echtheit der Urkunde und die Ansprüche Öster 
reichs wurden von Herzog Karl von Zweibrücken 
und vor allem von Friedrich dem Großen bestritten. 
Es kam am 3. Juli 1778 zur Kriegserklärung 
Preußens an Österreich. 
Nun hatte Renatus unter Anleitung seines Vaters 
vor Zeiten eine Urkunde abgeschrieben, die in 
direktem Widerspruch stand zu der von Österreich 
präsentierten. Nach diesem Dokument hatte der 
nämliche Herzog Albrecht am 30. November 1429 
ans die fraglichen baierischen Gebiete verzichtet. 
Darnach also waren die österreichischen Ansprüche 
schon seit 350 Jahren null und nichtig. Eine 
Abschrift dieses Instrumentes teilt Senckenberg am 
21. Juni, also noch v 0 r erfolgter Kriegserklärung, 
dem ihm befreundeten baierischen Rat Lamey in 
Mannheim mit. Sie wird dem preußischen Hose 
bekannt, Friedrich benutzt sie bei diplomatischen 
Verhandlungen schon am 17. Juli und bringt sie 
wenige Tage später dem Regensburger Reichstag
	        

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