Full text: Hessenland (16.1902)

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bie sie verkauften, war große Nachfrage im damaligen 
Jahrhundert, wie in allen (!) Jahrhunderten . . . 
Wir wollen etwas eingehender die speziellen Erben 
aller Tugenden betrachten, welche Söldner nach 
Amerika sandten. Der bedeutendste warFrie d ri ch II., 
Landgraf von Hessen Er soll (!!) mehr als 
100 Kinder gehabt haben. Wilhelm, der älteste 
Sohn Friedrichs, stand seinem Vater an Würde 
nach, kam ihm aber gleich an Sinnlichkeit. Als 
Wilhelm ein natürliches Kind zu unterhalten 
hatte, schlug er den Preis eines jeden Sackes Salz, 
den seine Unterthanen von den Salzminen brachten (!), 
um einen Kreuzer auf. Als seine Nebenkinder 
74 erreicht hatten, mußten die ärmeren seiner 
Unterthanen mit dem Salz sparsam umgehen. 
Obschon der Fürst im Jahre einige 12 000 Pfund 
Sterling als Subsidien*) erhielt, so glaubt(!!) 
Kapp, daß er keine Steuern erließ 
Bauern, die einen Deserteur festnahmen, bekamen 
einen Dukaten, aber wenn ein Deserteur ein Dorf 
passierte, ohne festgenommen zu werden, so mußte 
das Dorf für ihn bezahlen.**) Wirtshäuser, wo 
Rekruten einquartiert wurden, mußten besondere 
Räume haben, möglichst eine Treppe hoch und mit 
vergitterten Fenstern (!).... Erschien ein Rekrut 
verdächtig, fliehen 31t wollen, so mußten ihm die 
Hosenträger und Knöpfe abgeschnitten werden, so 
daß er die Hosen mit der Hand halten mußte. . . . 
Die Bildung der Offiziere beschränkte sich im all 
gemeinen auf ein gewisses Maß von Fertigkeit im 
Schreiben und auf ein wenig barbarisches Französisch... 
Friedrich korrespondierte mit seinen Offizieren 
in Amerika, um — allen seinen Einfluß nutz 
bringend (?!) fühlen zu lassen." 
Das ist so ungefähr der Tenor einer wissen 
schaftlichen Einleitung in diese Geschichte des nord 
amerikanischen Krieges, in der wir eine Hauptrolle 
spielen und dafür mit amerikanischem Hosenträger- 
Humor reguliert werden. Doch die Sache ist zu 
ernst, als daß ich nicht fragen sollte, wie es denn 
hier um die Pflicht des Geschichtsschreibers steht, 
der doch, zur besseren Erkenntnis, alle sich ihm 
bietenden Quellen, auch diejenigen Hilfsmittel nicht 
unbenutzt lassen darf, die ihm ganz unwillkürlich 
entgegen treten müssen, namentlich wenn seine 
Darstellungen, in dem Drange nach Wahrheit, eine 
ganze Reihe von eigenen Urteilen wagen. Wo 
aber ist hier überhaupt wissenschaftliche und un 
*) Nach Artikel XII des Vertrags betrug die jährliche 
Subsidie 25,050 Thaler Banco. D. V. 
**) In Österreich zahlte man drei Spezies-Dukaten 
für einen gefangenen Deserteur. Wer dagegen den Deser 
teur unterstützte, der sollte „beym Kopf genohmen nnd mit 
denen Unseren ansrcißern gewidmeten Strafen beleget 
werden." 
parteiische Geschichtsschreibung? Wo ist zwischen 
allen den Schmähungen in den ersten Kapiteln dieses 
Büches auch nur die Spur von einer Untersuchung der 
reichsrechtlichen und landesrechtlichen Grundlage für 
die Handlungsweise Friedrichs II. zu finden? Wo 
werden wir aufgeklärt über die behauptete „Politik 
des Kaiserreichs (!)", mit der „die Handlungsweise 
des Landgrafen nicht im Einklänge stehen" soll? 
Warum ist das Werbesystem in Hessen getadelt, 
während es doch, bis hinab zur Donau, in kaum 
einem anderen deutschen Lande milder gehandhabt 
wurde? Und wo ist auch nur eine Idee aus 
gesprochen über die Bedeutung des damaligen 
deutschen Heerwesens, als eines Durchgangspnnktes 
in der Fortentwicklung desselben vom alten Lands 
knechtssystem bis zum stehenden Heere des modernen 
Staates mit der allgemeinen Wehrpflicht? Wo 
ist ein Vergleich zwischen den hessischen Allianz- 
Verträgen nnd den Subsidien-Vertrügen anderer 
Länder und Staaten bis hinaus zum größten? oder 
war es für Hessen eine Sünde, zu thun, was auch 
die Anderen thaten, und nach Reichsrecht zu thun 
berechtigt waren? Und wie kann Mr. Lvwell, 
der doch anstandslos die Tagebücher hessischer Offiziere 
benutzt, die Bildung des hessischen Ossiziercorps 
bis aus „ein gewisses Maß von Schreibfertigkeit" 
herabsetzen? Er, der wegen seiner Herabsetzung 
des Landgrafen Friedrich weit in die Geschichte 
zurückgreift, sollte er nicht gefunden haben, wie 
schon Landgraf Moritz (1618), Landgraf Karl 
(1710) und gerade Friedrich (1764) aus die 
kriegswissenschastliche Ausbildung ihres Offiziercorps 
bedacht waren? Er hebt hervor, daß^Friebrich II. 
als katholischer Fürst ein protestantisches Land 
regiert habe, aber welchen Dank das evangelische 
Deutschland, nnd namentlich Preußen, diesem Fürsten 
für seine „unschätzbaren Dienste" schuldet, davon — 
ist einfach keine Rede. Und doch sagt v. Stamsord 
sehr richtig: „Es ist unzweifelhaft, daß Friedrich 
der Große im siebenjährigen Krieg ohne das alliierte 
Heer .... feine Existenz nicht hätte bewahren 
können, ohne das hessische Corps wäre 
aber das alliierte Heer ohnmächtig 
gewesen." 
Was der Geschichtsschreiber, nach seiner Quelle 
„es wird erzählt", aus Seite 41, aus einer 
angeblichen Unterhaltung zwischen dem Landgrafen 
und dem General-Leutnant von Heister mit 
teilt, darf füglich bezweifelt werden, denn erstens 
ist die ganze Form der Unterhaltung unglaub 
würdig und dann steht sie nicht im Einklang mit 
Heisters Schreiben vom 23. Januar 1776, das 
ich, nach dem im Marburger Staatsarchiv befind 
lichen Originale, in meinem „Soldatenhandel" 
mitteilte. Lückenhaft erscheint auch die Abberufung
	        

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