Full text: Hessenland (16.1902)

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Das Studium in Paris gab der Stimme 
Stanzchens und ihrer gesamten künstlerischen 
Ausbildung den letzten seinen Schliff. Sie fand 
schnell eine Stellung als jugendlich - dramatische 
Sängerin an der Oper einer mitteldeutschen Stadt, 
wo sie zwar eine minder glänzende Gage, aber 
dafür eine Reihe bedeutender Partieen zu singen 
bekam, was einstweilen das Wichtigste für sie 
war. 
Ta sich die junge Künstlerin einen Teil ihrer 
Garderobe selbst anschaffen mußte und daneben ihre 
Schulden zu tilgen hatte, waren die folgenden 
Jahre keineswegs leicht für sie. So wurde sie 
fast dreiundzwanzig Jahre alt, ehe sic sich mit freiem 
Herzen über ihre Erfolge freuen konnte. Dann 
jedoch überhäufte sie das Glück wahrhaft mit köst 
lichen Spenden. Nach einer Vorstellung des „Lohen- 
grin", in der die Sängerin die Elsa unter außer 
ordentlichem Beifall gab, wurde sic von dem In 
tendanten der Oper in einer großen Stadt für diese 
Kunstanstalt sofort engagiert. Die Bedingungen 
des Vertrags waren glänzend für sie. Seitdem 
wirkte die Künstlerin mehrmals in Bayreuth mit, 
ist sie auch in großen Konzerten mit Erfolg aus 
getreten und hat als Gast an den bedeutendsten 
deutschen Bühnen gesungen. 
Nachdem sie kaum Primadonna der großen Oper 
geworden war, wurde sie von einflußreichen Persön 
lichkeiten ihrer engeren Heimat gebeten, in einem 
Konzert zum Besten der verarmten Einwohner eines 
vollständig niedergebrannten Dorfes unweit ihrer 
Vaterstadt mitzuwirken. Sofort sagte die nun 
unter dem Namen Konstanze Eberhard auftretende 
Sängerin ihren Landsleuten zu. Gleichzeitig schrieb 
sie an ihre Mutter und bat diese, den Vater zu 
veranlassen, das Konzert zu besuchen und ihr nach 
demselben Gelegenheit zu einem Wiedersehn zu 
geben. 
(Schluß folgt.) 
^><<4- 
Ritoriulk, 
© Blume der Haide! 
Du dürstest und der ©ucll im Thäte weinet. 
Gefesselt liegt er dort zu eurem Leide. 
© Blume der Liebe! 
Dein Auge späht und meines nach dem freunde. 
wird auch das deine dir von Thränen trübe? 
w i e ii. 
-» 
Aus alter ui 
Der Jungfrrnraub durch Ritter Holzappel 
vom Vetzberg*) (1476). 
Auf der Burg zu Diüenburg im Nassauerland 
wohnte vor mehr als 400 Jahren Gras Johann IV. 
von Nassau-Dilleuburg. Er hatte ein liebreizendes 
Töchterlein, zu dem Ritter Holzappel vom Vetzberg 
in heißer Liebe entbrannte. Vergebens bestürmte 
der Vetzberger den Grasen mit Bitten, das Edel 
fräulein aus seine Burg heimführen zu dürfen. 
Nicht vermochten die Thränen der Jungfrau und 
das Geständnis ewiger Treue und Liebe zu dem 
teueren Mann auf der Burg im Lahnthal das 
Herz des Alten zu rühren, der sein Töchterlein 
*) Jetzt Burgruine nordwestlich von Gießen, im Kreise 
Wetzlar. 
© Blume der Treue! 
tNeiu Trost bist du, denn wo du blühst im Herzen, 
verwandelt mir die Liebe sich in Reue. 
© Blume der Haide! 
Ruht mein Geliebter wieder mir am Herzen, 
Daun trinkest du die Thränen meiner Freude. 
fl. Crabert. 
•<S4> 
> neuer Zeit. 
für einen Grasen, aber nicht für einen wenig be 
güterten Edelmann bestimmt hatte. Da gute Worte 
nichts halsen, so suchte Holzappel vom Vetzberg sich 
mit Gewalt in den Besitz des Edelfräuleins zu 
setzen. Er sammelte seine Mannen, und im scharfen 
Trab ging's über die Höhe des Dünsbergs ins 
Dillthal. Durch List gelang es, die Jungfrau 
von der Burg zu entführen, und heimwärts ging's 
bergauf, bergab mit der kostbaren Beute. Doch 
kaum war das Edelfrüulein entführt, als der alte 
Graf die Frevelthat erfuhr. Mit seinen Getreuen 
fliegt er im Sturme daher, bietet unterwegs das 
Volk in den Dörfern aus, um dem Räuber nach 
zujagen. Am Fuße des Vetzbergs werden die 
Flüchtlinge eingeholt. Es entspinnt sich ein heißer 
Kamps. Trotz der tapfersten Wehr, trotz der
	        

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