Full text: Hessenland (16.1902)

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V. 
Niemals hat es Stanzchen bereut, der inneren 
Mahnung gefolgt zu sein. Freilich hatte sie noch 
schwere Tage zu durchkämpfen, ehe sie damals die 
Vaterstadt verließ und nach strenger Abhängigkeit 
mit freier Selbstbestimmung und eigner Ver 
antwortung die ersten Entschlüsse für ihre nächste 
Zukunft fassen durfte. 
Der Abschied von der geliebten Mutter und dem 
Brüderchen, die sich beide gar nicht von ihr trennen 
konnten, erfüllte ihr Herz nnt namenlosem Weh 
und rüttelte noch einmal an ihren Vorsätzen. Um 
sich und die Anderen vor neuen leidvollen Erregungen 
zu schützen, faßte sie rasch den Entschluß, zu dem 
verabredeten letzten Zusammensein nicht mehr zu er 
scheinen, der Mutter vielmehr als letzten Gruß einige 
Zeilen zu senden. 
Wie sehr Frau Betty Müller an der Stieftochter 
hing, wie fest sie an das ungewöhnliche Talent des 
Mädchens glaubte, bewies eine von ihr ausgeführte 
Liebesthat, deren Kühnheit eigentlich im grellsten 
Widerspruch zu ihrer ursprünglich schüchternen Natur- 
stand. Um Stanzchen vor Not zu schützen und ihr die 
ersten Schritte zu ihrer Ausbildung zu ermöglichen, 
verschaffte sie sich auf ungemein schlaue Weise den 
Schlüssel zum Schreibtisch ihres Mannes und nahm 
ein Sparkassenbuch über siebenhundert Mark heraus. 
Die Enkelin hatte dasselbe von der Großmutter 
geerbt, und diese äußerte noch kurz vor ihrem Ende, 
daß die Summe bestimmt sei, Stanzchen den Weg 
für ihren künftigen Berus zu ebnen. Mehr als 
ein Jahr verging, ehe Meister Müller etwas von 
dem Abhandenkommen des Sparkassenbuchs merkte. 
Da seine Tochter wegen ihrer bedeutenden Stimme 
von Ansang an eine Freistelle am Konservatorium 
und aus einer Stiftung weitere Unterstützungen 
erhielt, machte er sich schon deshalb keine Sorgen 
mehr um- die Entartete, weil er vermutete, seine 
Frau würde diese schon genügend unterstützen. 
Im Stillen hatte er auch gar nichts mehr dagegen 
einzuwenden, ja, er vergaß sogar öfters absichtlich, 
das Kästchen mit den Goldstücken zu verschließen, 
und ließ nicht das geringste merken, wenn später 
eins oder zwei davon fehlten. 
Um sein Ansehen zu retten, wollte Meister Müller 
zwar die junge Frau über ihre dreiste eigenmächtige 
Handlungsweise ganz gehörig vornehmen, allein es 
fehlte seinen Worten diesmal doch der rechte innere 
Nachdruck. Seitdem er einmal einen Prüfungs 
bericht des Konservatoriums in einer bedeutenden 
Zeitung las und die glänzenden Stimmmittel und 
außerordentlichen musikalischen Anlagen seiner 
Tochter besonders hervorgehoben sah, wurde es ihm 
oft recht unbehaglich bei dem Gedanken, daß sein 
Kind, ein doch immerhin recht vermögendes Mädchen, 
ganz ans fremde Hülse angewiesen sei. Manchmal 
drückte den Mann dies Bewußtsein derartig nieder, 
daß er oft lange in sich gekehrt und schweigend 
in seinem Lehnstuhl saß oder in kurzen Selbst 
gesprächen seinem Herzen Lust machte. 
Aus dem Inhalt derselben erfuhr auch Frau 
Betty den allmählichen Wandel im Herzen ihres 
Mannes. Sie war mittlerweile viel klüger ge 
worden, fühlte ganz genau heraus, daß es mit dem 
Zorn des Meisters nichts weiter ans sich habe, und 
ließ keinen seiner Vorwürfe gelten. Sie behauptete 
einzig und allein ihre Mutter-pflicht erfüllt zu haben 
und wies weiter aus deu letzten Wunsch der ver 
storbenen Großmutter hin, deren Absicht es doch 
gewesen war, das Geld für denselben Zweck zu ver 
wenden. Als der Mann merkte, daß seine Frau 
das Übergewicht behielt, schritt er brummend hinaus 
und schlug die Thür hinter sich ins Schloß. Er 
wußte sich nicht anders zu Helsen und glaubte 
wenigstens seine Manneswürde dadurch gewahrt zu 
haben. 
In den ersten Jahren konnten sich Mutter und 
Tochter nur durch Vermittlung Anderer Nachrichten 
von einander zukommen lassen. Später jedoch 
kamen Stanzchens Briese offen ins Haus, erzählte 
Frau Betty sogar ihrem heranwachsenden Sohne 
im Beisein des Vaters den Inhalt derselben. Meister- 
Müller sagte nie ein Wort dazu, als aber nach 
Stanzchens Abgang vom Konservatorium ein Brief 
aus Paris die Mitteilung brachte, eine reiche Dame 
habe ihr einige tausend Mark geliehen, um sich dort 
bei einer berühmten Gesangsmeisterin noch weiter 
auszubilden, konnte sich der am Schreibtisch stehende 
Alaun des Ausrufs nicht enthalten: „Nee, nee, nee, 
so ^en Frauenzimmer! Worim ist doas nu keen 
Mann worn? Kurasche hoat's doch für zehn!" — 
Obwohl Stanzchen nie etwas davon schrieb, er 
wuchsen ihr neben reinen- Freudeil doch nach und 
nach auch schwere Sorgen. Der Aufenthalt in Paris, 
namentlich aber die teuren Stunden, verschlangen 
große Summen und nötigten sie, ihre Gönnerin 
uin einen weiteren beträchtlichen Zuschuß zu bitten. 
Die Mutter hatte sie zwar über die zu ihren 
Gunsten umgewandelte Stimmung des Vaters ans- 
! geklärt und außerdem versichert, derselbe würde 
jetzt gewiß keine Umstände mehr machen, ihr mit 
einer Summe zu Helsen, allein zu einer solchen 
Bitte konnte sich Stanzchen nicht entschließen. Sie 
fühlte, daß sie stolz bleiben müsse, um die mühsam 
errungene Achtung des Vaters nicht wieder zu er 
schüttern. Hatte sie soviel ohne seinen Beistand 
erreicht, so wollte sie jetzt auch aus eigener Kraft 
ans Ziel kommen. Gelang ihr dies nicht, starb sie, 
ehe dasselbe erreicht war, so konnten ihre Schulden 
ja durch ihr mütterliches Vermögen gedeckt werden.
	        

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