Full text: Hessenland (16.1902)

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Stanzchen. Wie Sturmgebrause rauschten des 
Vaters Drohungen und Scheltworte eindruckslos 
an ihrem Ohre vorbei, sie hörte nur die Mahnungen 
der inneren Stimme, die ihr jetzt vernehmlicher und 
öfters den Rückertschen Vers zuries: 
„Vor Jedem steht ein Bild, deß. das er werden soll. 
Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll." 
Wie es in kleinen Landstädten zu gehen pflegt, 
wo jeder des Andern Verhältnisse genau kennt und 
sich durch alle möglichen Umstünde für berechtigt 
hält, in sie einzugreifen, mischten sich auch wieder 
eine große Anzahl Leute in den Streit zwischen 
Vater und Tochter. 
Die einen suchten ihn mild zu stimmen und 
machten ihn aus den großen Abstand der Jahre 
zwischen dem sechzehnjährigen Stanzchen und dem 
um dreißig Lenze älteren Schreinermeister Peter 
aufmerksam, die anderen jedoch meinten, bei den 
Alten sei man gut gehalten. Sie erinnerten an 
Müllers eigene glückliche zweite Ehe und verstanden 
es noch, durch allerlei Bemerkungen das Feuer so 
gut zu schüren, daß der erregte und verblendete 
Mann znm Äußersten gereizt wurde. 
Ja, ja, Stanzchen erfuhr es in bitterster Weise, 
welche grausamen vernichtenden Gedanken aus dem 
Herzen sogenannter ehrbarer Leute aufsteigen können, 
wenn es gilt, ein armes ringendes Menschenkind, 
dem die Natur seine Ziele vorgeschrieben, in Kämpfe 
zu stürzen oder durch die Wasser der Trübsal zu 
treiben. Wer mischte sich nicht all ans guter Meinung 
in die heikle Angelegenheit! Wer trug nicht in 
frommem Glauben Holz zu dem Scheiterhaufen herbei, 
ans dem die Entschlüsse der kühnen Empörerin gegen 
männliche Obergewalt in nichts Verladern sollten! 
Jedoch Stanzchen blieb in allen Stürmen un 
beugsam. In ihr steckte ein gutes Stück gesunder 
Selbstsucht. Sie hatte in der kleinen Stadt in 
manch verkümmertes Frauenleben tiefen Einblick ge 
than. sie kannte, obwohl noch jung, die Tragödie 
manches verschwendeten und verbitterten Mädchen- 
daseins und schauderte bei dem Gedanken an ein 
ähnliches Los. Lieber wollte sie sterben, als unter 
harter Bevormundung aus Furcht ihr Heiligstes 
dem Moloch überlebter Anschauungen zum Opfer 
bringen! — 
Jeden Morgen und jeden Abend versammelten 
feste Vorsätze Stanzchens Widerstandskräfte und 
gaben ihr neuen Mut, wenn ihr trotz allem in heißer 
Kindesliebe am Vater hängendes Herz in dem 
Streite mit ihm zu erliegen drohte. 
Die gereizte gegenseitige Stimmung entlud sich 
eines Tages in einem furchtbaren Auftritt. Kaum 
noch Herr über sich, erklärte Meister Müller, die 
Tochter müsse sich entweder seinen Wünschen fügen 
oder sofort ans dem Hause. 
Stanzchen fühlte, daß von dem Verhalten in 
dieser Stunde ihre ganze Zukunft abhing. Ein 
wahrer Heldenmut kam über sie. Trotzdem jeder 
Nerv an ihr bebte, erklärte sie dem Vater mit 
eiserner Ruhe und Festigkeit, sie würde weder 
den Schreinermeister Peter noch einen Anderen 
heiraten: 
„So?" rief der Mann außer sich, „woas hoast 
De dann sonst vor?" 
Keineswegs eingeschüchtert durch den drohenden 
Klang der Worte, versetzte das Mädchen mit der 
selben Festigkeit wie vorhin: „Das werde ich Dir 
jetzt offen sagen, Vater. Ich will mich der Kunst 
widmen und, wenn es mir gelingt, eine tüchtige 
Bühnensängerin werden." 
Meister Müller fuhr zurück. Einen Augenblick 
schien er das Ungeheuerliche nicht fassen zu können, 
alsbald jedoch trieb ihm der Zorn das Blut ins 
Gesicht, verlor er den letzten Rest von Selbst 
beherrschung. In sichtlicher Angst trat Frau Betty 
: eiligst zwischen Vater und Tochter und versuchte, 
des Mannes Händen zu umklammern. Dieser machte 
i sich jedoch nach kurzem Ringen frei, schlenderte die 
Gattin beiseite und wollte sich ans die Tochter 
stürzen. Zur Ausführung dieses Vorhabens aber 
war es zu spät. Gerade noch im rechten Augen 
blick schlüpfte Stanzchen hinaus. Wie betäubt eilte 
sie durch die Hinterthüre über eine kurze Treppe 
I in den Garten. Mit fliegenden Pulsen lies sie über 
einige Wege und blieb dann tief aufatmend am 
nahen Gitterthore stehen. 
Indessen war Meister Müller an ein Fenster ge- 
! treten und hatte die Flüchtige, mit den Blicken ver- 
! folgt. Die Augen von Vater und Tochter trafen 
sich noch einmal mit gegenseitig entschlossenem Ans- 
druck. Dann hob der Mann die Rechte drohend 
I empor und rief mit seiner kräftigen Stimme so 
I laut, daß es weit hinaus schallte: „Führ Dein 
! sauwern Plan nor gleich aus, Don Ausbund ans 
: gonrer Oart, Don! Werd' 'ne Komödiantin — bist 
! ja doch zu nix besser nutz!" 
Trotz der harten Worte wallte in diesem ent- 
! scheidenden Augenblick Stanzchens Liebe zu dem 
Vater heiß aus. Es war ihr zu Mut, als dürfe 
sie nicht hinweg, als müsse sie umkehren, sich ihm 
zu Füßen werfen und ihr kühnes Geständnis wider 
rufen. Allein plötzlich erhob sich heftiger Wider 
spruch in ihrer Brust; er lähmte erst durch 
leise, dann immer lauter werdende Zurufe ihre 
Schritte. 
„Fort!" klang es immer und immer wieder, 
„fort! Der rechte Augenblick ist gekommen, 
Stanzchen! Du darfst nicht mehr zurück, wenn 
! Du Dich wirklich frei machen und Tein Ziel erreichen 
i willst!" —
	        

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