Full text: Hessenland (16.1902)

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ein längeres Schreiben des Juweliers Wilhelm 
Fischer zn Berlin, welchem die Sache zum 
weiteren Verfolg übergeben worden war, ein. 
Herr Fischer beantwortet zwar die gestellte Frage 
auch nicht, hält es aber für höchst unwahrschein 
lich , daß der Kasseler Knpserschmiedemeister 
allein das großartige Kunstwerk geschaffen, 
dagegen nahe liegend, daß Küper die groben 
Formen gebildet und sich für die seinen Treib 
arbeiten einen Goldschmied in Lohn und Brot 
genommen. Dafür spreche, daß Anthoni, dem 
Drange eines Künstlers folgend, sich im Kopfe 
verewigte, was nicht in ausfälliger Weise hätte 
geschehen dürfen, weil Küper als der Schöpfer 
des Werkes habe gelten wollen, und es sei an 
zunehmen , daß Landgraf Karl ihm als einem 
Inländer die Sache übertragen habe. In Hessen 
gelte der Knpserschmiedemeister als der Erzeuger, 
aber es sei seiner Zeit mindestens aufgefallen, 
daß ein solcher die Figur gemacht, und gerade 
dies Auffallende sei von Generation zu Generation 
weiter erzählt worden, so daß dies noch heute 
alle Kasselaner mit besonderem Stolze hervor 
höben. Alle Goldschmiede der damaligen Zeit 
hätten mit Hammer und Punzen umzugehen ver 
standen, jedenfalls die tüchtigen. 
So die Ansicht eines Fachmanns über die 
streitige Angelegenheit, welche die oben entwickelte 
unterstützt. In der köstlichen Lokalposse von 
1859: „Herkules oder Ambos und Actien" von 
W. Lyncker und I. Braunhofer will einem Aus 
länder, der den Herkules gesehen, nicht einleuchten, 
daß denselben ein Kasseler Kupferschmied und 
nicht ein Künstler gemacht, während die Ein 
heimischen an der überlieferten Erzählung fest 
halten und ein Nachkomme Küpers den Ausländer 
bekämpft. 
Nach den Marburger Archiv-Rechnungen und 
der Angabe auf der Platte ist Anthoni 1713 
bis 1717 in Kassel bezw. Umgegend gewesen als 
Verfertiger der Herkules-Statue, also nach der 
obigen Mitteilung des Geburtsjahres 36—40 
Jahre alt, während Küper damals nur 25 Jahre 
alt war. Dafür daß Anthoni früher hier ge 
wesen, fehlt jeder Anhaltspunkt- Einträge in 
den Kirchenbüchern der Altstädter Gemeinde über 
Geburten in der Familie von 1700, 1702 und 
1704 beziehen sich der erste auf einen Bleicher, 
die zwei anderen aus einen Maurer Anthoni. 
Der Vorname des Vaters ist keinmal angegeben. 
Wohl aber ist derselbe nach den weiteren Er 
mittelungen des verewigten Di-. Grotesend *) noch 
mindestens zwei Jahre (1718 und 1719) in 
') „Hessenland" n. a. O- 
Kassel geblieben ititb für ein Grabmal des 
Fritzlarer Kanonikus Theodor Philipp von Nehem, 
welches in der Petri-Stiftskirche zu Fritzlar auf 
gerichtet werden sollte — ob dasselbe noch dort 
vorhanden, wird nicht angegeben —, thätig gewesen 
(vergl. das.). Anthonis fernere Schicksale und sein 
Todesjahr sind noch nicht ermittel worden. Trotz 
der Genauigkeit der Archiv-Rechnungen bezüglich 
der Zulieferung der Werkzeuge und Materialien 
ist nirgends der Betrag des von ihm bezogenen 
Gehaltes zu ersehen, und ebensowenig, daß ein 
hölzernes Modell, über welches die Herkules- 
Statue getrieben, von ihm oder einem Anderen 
gemacht worden sei, während ein solches doch 
nicht zu entbehren war. Verfertigt wurde das 
selbe nach einer Überlieferung unter Küpers 
Nachkommen in dem nahe der oben erwähnten 
Edelsteinschleiferei im Schlvßgraben gelegenen 
Modellhause, woselbst auch das Modell des 
Wasserwerkes auf dem Karlsberge, 220 hessische 
Fuß hoch, 1709 vom Mvdellisten Wachter be 
gonnen und eine sehr genaue Vorstellung gebend, 
gezeigt wurde. Z 
Welche Schwierigkeiten nun die Fortschasfung 
und Ausstellung der Bildsäule ans der Pyramide 
des Oktogons, abgesehen von der Wegentfernung, 
verursacht haben mag, kann man ungefähr er 
messen, wenn man vernimmt, daß vom Fuße 
der Kaskaden bis in die Keule des Herkules 
902 Treppenstufen gezählt werden, die Bildsäule 
selbst 10 Meter hoch ist und der Scheitel derselben 
596 Meter hoch über dem Meresspiegel liegt. 
Gleich unter dem Piédestal dieser kupfernen Bild 
säule — von Holz mit Kupferüberzug — nach 
vorn zn, befinden sich zwei Statuen der F a m a. 2 ) 
Diese, Posaune blasend, in Relief ausgeführt, 
paßt auch dahin, weil nach der griechischen Götter 
lehre die Fama (der Ruf, das Gerücht), jüngste 
Tochter der Gaea (Erde) von dieser geboren 
wurde, um sich an den Göttern wegen Nieder 
werfung ihrer Söhne, Titanen und Giganten, 
zu rächen, indem dieselbe noch die anstößige Ge 
schichte derselben offenbarte. Die noch weiter 
für das Piédestal und die Plattform geplanten 
Figuren blieben fort, wahrscheinlich der Kosten 
und Schwierigkeiten wegen. 
Nach dem Verschwinden Anthonis kommt 
plötzlich der italienische Baumeister Euer ui er i 
wieder in Kassel vor. Wie bereits früher mit 
geteilt, sind die dritte und vierte Ausgabe seines 
Bauplans vom Riesenschloß in den Jahren 1727 
6 Schminke a. n. O. S. 192. 
y Beschreibung des Kurf. Landsitzes Wilheliiishöhe dey 
Kassel, S. 39.
	        

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