Full text: Hessenland (16.1902)

334 
viele Leser eine dankenswerte Neuheit sein. Von din- 
reißender Liebenswürdigkeit erscheint ferner die ebenfalls 
neu mitgeteilte Dichtung „Die Mooseiche" von Heinrich 
Winter. Anch andere, beute noch schaffenslustige poetische 
Landsleute haben sich mit trefflichen Beiträgen eingefunden. 
wie z. B. Jeanette Bramer mit einer stimmungsvollen 
Träumerei, auch Henriette Keller-Jordan und Karl Preser. 
Dem Gedicht von Anna Ritter dagegen haben wir dies 
mal keinen reinen Gindrnck abzugewinnen vermocht. Bei 
einer Verherrlichung Marburgs berührt es doppelt un 
angenehm. das Gebiet der Phrase betreten zu sehen. Oder 
glaubt die geschätzte Dichterin allen Ernstes, daß wie die 
Elisabethkirche „kein Dichter" einen „Traum je schöner 
träumen thüt". daß also ein Ariost. ein Calderon. ein 
Shakespeare, ein Goethe mit aller ihrer Phantasie nichts 
Schöneres erträumen könnten als die Elisabethkirche in 
Marburg >. Ta müßte denn doch die Poesie, gerade ats 
Kunst der bloßen Phantasie, nicht die viel höhere Kunst 
sein, die sie in der That ist. gegenüber den bildenden 
Künsten, und auch der Musik, was hier nicht weiter be 
gründet zu werden braucht, was sich aber wohl begründen 
l ä ß t. Ebenso erscheint der Umstand, daß Valentin Traudt 
Marburgs, des „Mädels" lein total unhessischer Ausdruck). 
Auge „lind" hat „blitzen" sehn. einigermaßen unwahr 
scheinlich. Was endlich die Ausstattung des Buches betrifft, 
so hat auch diese manche Änderungen erfahren, und zwar 
ebenfalls zum Vorteil des Ganzen. Die größeren Photo- 
typicn sind meist geblieben und vermehrt, die vortrefflichen 
Zeichnungen von Oskar Schulz freilich verschwunden, da 
gegen neue Federskizzen von Ludwig Müller hinzugekommen, 
die zwar gerade in zeichnerischer Hinsicht, technisch, den 
Schulzschen Leistungen nachstehen, dafür aber durch die 
Eigenart ihrer Motive und die Poesie ihrer Auffassung 
überraschen und erfreuen, ja z. T. entzücken. Der Künstler 
hat allerlei heimliche Ecken herausgeholt, verstohlene Winkel, 
in denen die Poesie noch nnerweckt wie ein Dornröschen 
saß. und mit sinnigem Auge ihre malerische Wirkung 
erfaßt und mit rascher Hand festgehalten. So können 
wir denn das liebenswerte Buch auch in seiner neuen 
Gestalt herzlich und dankbar begrüßen und ihm noch 
manchen andern Liebhaber als die Marburger Studenten, 
denen es diesmal, als den natürlichsten Verehrern der 
Stadt, gewidmet ist. leicht und zuversichtlich vorhersagen. 
Kans Äktmüll'er. 
Happel, Ernst. Mittelalterliche Befesti 
gungsbauten in Niederhessen. Mit 
52 Ansichten und 5 Grundrissen. 8 °. Kassel 
(Victor) 1902. 
Das vorliegende Werk stützt sich, wie der Verfasser aus 
drücklich in dem Vorwort betont, weniger auf archivalische 
Forschung als auf eigene Anschauung und soll unsere 
Kenntnisse auf dem Gebiet der hessischen Burgenkunde in 
wirksamer Weise fördern. Das Ziel, das sich somit der 
auf diesem Gebiete bereits wohlbekannte und wohlbefähigte 
Autor hier gesteckt hatte, ist mit diesem Werk in rühm 
licher Weise erreicht wie eine kurze Darlegung seines 
Inhaltes zeigen wird. Auf eine allgemeine Einführung.' 
in welcher die Entwickelung der Burgenkunde überhaupt, 
wie in Hessen im besondern, behandelt wird, folgt ein 
Kapitel mit dem Titel: Einteilung der Wehrbantcn. Aus 
gehend von der Thatsache, daß alle Befestigungsbauten 
eine systematische Entwickelung durchgemacht, sich selbst der 
zli jeder Zeit herrschenden Bewaffnung angepaßt haben, 
teilt Herr Happel die in Rede stehenden Bauten in vier 
Gruppen. von denen die erste und der Zeit nach älteste 
die Wallburgen mit Pallisaden bildet; die zweite 
Gruppe umgreift die älteren Steinburgen mit vorwiegender 
Vcrtikalbefestigung lbis 1400). die dritte die Burgen für 
Feuerverteidigung (bis 1520) und die vierte die eigentlichen 
Festungen (Kasematten u. s. w.). An dieses Kapitel schließt 
sich sodann der Hauptteil des Buches, die Beschreibung 
der noch vorhandenen Befestigungsbauten in Niederhessen. 
Aus Zweckmäßigkeitsgründen. wohl mit Rücksicht auf das 
bisher von ihm gesammelte Material, begrenzt hier der 
Autor den Begriff Riederhessen in der Weise, daß er nur 
den Teil nördlich von Fritzlar bespricht, das Werrathal 
aber gänzlich ausschließt. Er wählt die nicht unpassende 
Forni einer Wanderung, die von Fritzlar ihren Ausgang 
nimmt und schließlich mit Spangenberg endet. An der 
Hand zahlreicher Zeichnungen werden in einer höchst klaren 
und lichtvollen präzisen Tarstellnngsweise die Wehrbauten 
einer Menge von hessischen Burgen und Städten vorgeführt, 
wobei die beigegebene» Grundrisse das Verständnis erheb 
lich fördern. Einzelne Unklarheiten. welche uns beim 
Durchlesen dieses interessanten und höchst lehrreichen Buches 
anssticßen. bedürfen vielleicht der Richtigstellung. So heißt 
es auf Seite 15: „Vereinzelt kommt bei Wolfhagen nörd 
lich eine Landwehr vores ist hierzu zu bemerken, daß 
die Einrichtung einer Landwehr, welche die städtische Feld 
mark abschloß. zur Regel gehörte und in ihren Resten 
noch mehrfach erhalten ist. so z. B bei Zierenberg und 
Niedenstein. Ferner dürfte das „Bastonadensystem" 
! — Bastionssystem iS. 65) wohl auf einem lapsus calami 
beruhen und bei einer Neuauflage zu verbessern sein. — 
i Der Autor wie die Verlagshandlung hat sich durch die 
Veröffentlichung des in seiner Art für Hessen bisher einzig 
dastehenden Merkchens ein großes Verdienst erworben. 
Möge die Arbeit des Autors, wie die von dem Verlage 
aufgewandten wohl nicht unerheblichen Kosten nun auch 
ihren Lohn findeir, indem „die mittelalterlichen Befestigungs 
bauten" fleißig gekauft werden! Niemand wird das Buch 
! ohne Befriedigung und reiche Erweiterung seiner Kennt- 
! nisie aus der Hand legen. Dr. ^ge. 
Holzainer. Wilhelm. Der arineLukns. Eine 
Geschichte in der Dämmerung. Leipzig (Hermann 
Seemanns Nachf.) 1902. 
Wilhelm Holzamer hat die Muße. die ihm das Ver 
ständnis seines Landesherrn für dichterisches Streben ein 
geräumt. auszunützen verstanden. Nicht weniger wie 
5 Bücher aus seiner Feder sind auf einmal vom Verleger 
angekündigt worden. Drei davon sind nun schon erschienen: 
„Carnesie Colonna". „Der arme Lukas" und „Der heilige 
Sebastian", welch' letzteres Buch ich wegen der Kürze der 
Zeit erst in nächster Nummer besprechen kann. 
„Der arme Lukas, eine Geschichte in der Dämmerung" 
erinnert in manchem an „Peter Nockler", den es in der 
Gesamtkomposition wohl nicht erreicht. Auch hier handelt 
cs sich lim einen Menschen, dem das Teuerste entrissen 
wird, das geliebte Mädchen Peter Nockler geht aber auch 
nach diesem Schicksalsschlag ruhig seine Lebensbahn weiter. 
„Ter arme Lukas" ist feinnerviger veranlagt, ihm fehlt 
der Lebensinhalt, und so sinkt er tiefer und tiefer — bis 
er eben der „arme Lukas" wird, der den Leuten die kleinen 
Reparaturen macht, die sich so im Haushalt ergeben. 
„Ich bin halt auf dem Wege abgestrichen worden, ich bin 
nicht in die rechte Furche gefallen", sagt er von sich selbst. 
Und hierin liegt das Tragische in dem Buche. Es ist die 
Geschichte einer ungemein zartfühlenden Natur, iu die das 
Leben mit seiner harten Hand greift. Man lese nur die 
wirklich prächtige Stelle, wo sich Lukas und Luischen, noch 
als Kinder, das Versprechen geben, jeden Abend, wenn die 
Sterne aufgehen. an einander zu denken. „Aber jeden 
Abend Packte es mich seltsam. Ich war für alles rings
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.