Full text: Hessenland (16.1902)

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„Russische Adelsgeschichte" von Dr. A. Klein- 
schmidt, „Der nordamerikanische Krieg" von 
Pfister, „Geschichte des Kasseler Hoftheaters" 
von W. Lynker, „Die Beziehungen Frankreichs 
zu Deutschland unter Napoleon III." von Gri- 
court. Das zuletzt genannte Werk ist hauptsächlich 
aus dem Grunde interessant, weil Mr. Gricourt 
kein geringerer ist als Napoleon III. selbst. 
Ferner: „Tie Alsfelder Passionsspiele" und „Ter 
Heliand" von Di. Grein und „Thomas a Kempis", 
bearbeitet von Konsistorialrat Dr. Ebert, mit 
Holzschnitten von Karl Merkel. Mit besonderer 
Liebe unternahm auch die Kaysche Berlagshaudlung 
schon 1866 die Herausgabe der großen bis-dahin 
im Kunsthandel noch unbekannten Schätze der 
Kasseler Gemäldegallerie und des Mu 
seums. Es erschienen zuerst 100 Blatt Photo 
graphien nach den Bildern der Kasseler Gallerie. 
Tie Auswahl derselben wurde von Professor A. Menzel 
aus Berlin bestimmt. Ta die Photographie in 
ihrer damaligen Entwicklung die Schwierigkeiten 
der klaren Wiedergabe alter Ölgemälde noch nicht 
überwinden konnte, so ließ der Verlag durch Pro 
fessoren und Schüler der Kasseler Malerakademie 
50 der bedeutendsten Bilder in Kreide nachzeichnen 
und danach Photographien in verschiedenen Großen 
herstellen. Zu gleicher Zeit erschienen auch Photo 
graphien der Schätze des Museum Friderl 
ei an um, des Marmorbades, der Zimmer 
des Wilhelmsthaler Schlosses und der 
Wilhelmshöher Anlagen. Eine Auswahl 
Raphaelischer Bilder, die in Kays Auftrage 
von Professor G. Koch nach den Originalen in 
Kreide gezeichnet wurden, war eine so hervorragende 
Leistung auf diesem Gebiete, daß Seine Majestät 
König Wilhelm I. die Dedikation dieses Werkes 
annahm und Herrn Kay dafür das Prädikat „Königl. 
Hof-Kunsthändler" verlieh. 
Aus Heimat und Fremde. 
Hessischer G e s ch i ch t s v e r e i n. Am 1. De 
zember fand der monatliche wissenschaftliche Unter 
haltungsabend des hessischen Geschichtsvereins zu 
Kassel statt, an welchem zunächst der erste Vor 
sitzende Herr General E i s e n t r a u t über den Wert 
und die Bedeutung der für historische Forschungen 
bestimmten sog. Grundkarten, deren Herstellung der 
Bezirksverband mit 1500 Mark unterstützt hat, 
ausführliche Mitteilungen machte. Hieraus brachte 
Herr Major von Löwenstein das Ergebnis 
weiterer Nachforschungen, die er betr. des im Fürsten 
garten zu Kassel lagernden Torsos eines Standbildes 
des Landgrafen Wilhelm IX. angestellt hatte, zur 
Kenntnis. Indem er aus zwei den Landgrafen ver 
herrlichende Gedichte und aus Berichte über die 
dankbaren Gefühle der Kasseler Bürgerschaft hin 
wies, glaubte Redner annehmen zu müssen, daß das 
Standbild des damaligen Landgrafen infolge des 
im Jahre 1795 mit Frankreich abgeschlossenen 
Friedens errichtet sei. Umsomehr sei die Zertrüm 
merung desselben zu bedauern. Herr Dr. Schwarz- 
kops hielt es für wahrscheinlich, daß die Franzosen, 
die das Standbild des Landgrafen Friedrich in 
Kassel entfernt, auch dieses zerschlagen hätten. 
Herr Dr. S ch w a r z k o p s ergriff noch weiter das 
Wort, um im Anschluß an einen verdienstvollen 
Vortrag des Herrn Kanzleirat Neuber eingehende 
Mitteilungen über die Denkmäler des alten Kasseler 
Friedhofs zu machen. Nachdem der Redner die 
jenigen der Philologen, Ärzte, Staatsmänner und 
Militärs besprochen hatte, kam er aus das hier 
beigesetzte leichtlebige Volk der Künstler zu sprechen 
und gab eine Fülle interessanter Einzelheiten, von 
denen hier nur einige erwähnt seien: Der Kapell 
meister des Landgrafen Moritz Georg Otto, der 
Kapellmeister des Landgrafen Karl Eberlein 
fanden hier ihre letzte Ruhestätte, ebenso der Sänger 
Signor Morelli, der als Kind dem Erdbeben 
von Lissabon nur wie durch ein Wunder entronnen 
war. Der Tenorist C i a m p i, die Zierde der Oper 
des Landgrafen Friedrich II., Ludwig Löwe, 
der Freund und Kollege Seydelmanns, der 1828 aus 
der Bühne vom Schlage getroffen wurde, der Bassist 
B e r t h o l d, der Sänger P i st o r, der in der Garde 
robe durch Selbstmord endete, der Sänger Fried 
rich Gerstücker, der Vater des berühmten Welt 
reisenden, die Sängerin Lampmann und noch 
viele andere ruhen hier. Auch der fremden Na 
tionalitäten gedachte der Redner und wies aus die 
Grabsteine der zahlreichen Franzosen, Engländer, 
Schweden, ja sogar den einer Ungarin und einer 
Türkin hin, deren Lebensschicksale die Denksteine aus 
führlich verkündeten. Zum Schluffe erwähnte Herr 
Dr. Schwarzkops noch den Grabstein seiner Ur 
großmutter, die von Boston ihrem Gatten nach 
Beendigung des amerikanischen Krieges nach Kassel 
gefolgt war, und auf deren Grab noch jetzt ein 
von ihr selbst einst gepflegter herrlicher Rotdorn 
baum steht. Das Bild der jugendlich schönen 
Amerikanerin hat Wilhelm Tischbein gemalt, es 
wird von dem Urenkel noch alljährlich, wenn der 
Rotdorn blüht, mit den Zweigen dieses ihres Lieb 
lingsbaumes in pietätvoller Weise bekränzt. — 
Zum Schluß kam Herr General Eise nt raut
	        

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