Volltext: Hessenland (16.1902)

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überhaupt von nichts. Tie „Nibelungen", in denen 
Weise nach der Ansicht der Intendanz den „Sieg 
fried" spielen solle, seien ja gar nicht studiert. 
Nun aber stellte der schöne Albert sich auf die . 
Hinterfüße und erschien jeden Tag als lebendige 
Anklage aus dem Jntendantnrburean bis Boden- 
stedt ihm endlich sagte, daß deb Herzog morgen von 
Berlin mit dem Prinzen Albrecht und vielen 
Generalen komme. Nach dem „Orest" sei große 
Tafel, da könne er also das Probespiel nicht ab 
legen. Aber am darauffolgenden Tag. einem Freitag, 
zwischen 12 und 1 Uhr Mittags wolle er es ein 
zurichten suchen. Ein Freitag — o weh! man 
braucht kein Schauspieler zu sein, um einen Freitag 
als nicht sehr geeignet für eine Prüfung zu halten, 
von der die nächste Zukunft abhängt. Die Monologe 
des „Hamlet" sollte er sprechen und zwar im Kostüm. 
Der feierliche Augenblick war endlich da, Weise- 
Hamlet vor dem Souffleurkasten, Grabowsky am 
Regietisch und der Herzog in seiner Loge. „O, welch 
eiil Schurk' und niederer Sklav' bin ich —", sowie 
„Sein oder nicht sein. das ist hier die Frage" —, 
waren bedeutungsvoll genug vorübergegangen, als 
der Herzog plötzlich mit dem „Hamlet" abbrach 
und eine Kvnversationsrvlle verlangte — den 
„Bolingbroke" im „Glas Wasser". Aom „Hamlet" 
zum „Bolingbroke" — auch gut — ob aber Seine 
Königliche Hoheit das Hamletkostüm dabei nicht 
störe? Keine Spur — nur tüchtig mimen und 
zwar die Szene mit „Masham". Aber es fei ja 
kein „Masham" da. Herr Grabowsky müsse diesen 
markieren. Und so geschah es. Ter alte Direktor mit 
dem grauen Kops legte sich als junger schmachtender 
Fähnrich aus der Zeit der Königin Anna in seiner 
modernen Kleidung in einen Lehnstuhl, schloß die 
Angen und seufzte: „Ah!" und Weise - Boliug- 
brokc im Hamlctkostüm weckte ihn aus seinem 
Schlummer. . 
Trotz dieser wenig empfehlenden Umstände und 
trotz — des Freitags wurde Weise an das Meininger 
Hoftheater engagiert und war mehrere Jahre lang 
ein gern gesehenes Mitglied dieser hochangeseheneil 
Bühne. Weise verheiratete sich später mit der 
ersten Solotünzerin A m a n d a He r h v l d und war 
mit derselben uon 1876 bis 1883 am Kasseler 
Hoftheater engagiert. 
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Aus alter nnb neuer Zeit. 
Ein Kasseler Berlagsgeschüft. Seit dem 
Jahre 1730 bestand in Marburg in Hessen die 
I. C. Kriegersche Buchhandlung, die 1807 nach 
Kassel verlegt wurde. Dort übernahm sie vor 
nunmehr 40 Jahren und zwar am 1. Januar 
1863 der Buchhändler Theodor Kay. Derselbe 
behielt die alte Firma für den Berkehr mit dem 
Buchhandel bei, fügte aber für den Platzverkehr 
und den von ihm ins Leben gerufenen Bnchverlag 
seinen Namen hinzu. Bon dem Kayschen Bnch 
verlag, der 1892 in den Besitz einer Franksiirter 
Firma überging, sei hauptsächlich in seiner Be 
ziehung zu Hessen nachfolgend eine Übersicht gegeben. 
Schon 1865 kam in dem Kayschen Verlag ein 
Werk Di-. B. Stillings „Untersuchungen über 
den Bau des kleinen Gehirns des Menschen" mit 
vielen photographischen und lithographischen Ab 
bildungen (Preis 110 M.) heraus. Zahlreiche 
größere und kleinere Werke aus verschiedenen Ge 
bieten der Wissenschaft folgten. Ihnen reihten sich 
bedeutende militärische Schriften von W. v. Breit- 
haupt, Darapsky, v. Ditsurth, du Bignau, 
Pfaff, Rüdgisch und v. Wittich an (dessen 
„Aus meinem Tagebuch 1870/71" erschien auch in 
französischer Übersetzung), sowie das große Werk: 
„Allgemeine Kriegsgeschichte aller Bölker und Zeiten, 
redigiert vom Fürsten N. S. Galitzin, ans dem 
Russischen übersetzt von General Streccins" 
(16 Bände, Preis mit Karten und Plänen 166 M.). 
Als Anerkennung für die Herausgabe dieses hervor 
ragenden Werkes wurde dem Verleger der St. Stanis 
laus-Orden 3. Klaffe verliehen. Zwischendurch er 
schienen mit besonderer Sorgfalt hergestellte Schul 
bücher von Dr. Baum garten (15 verschiedene 
Bände), Dr. Bier bäum, Dr. Lauckhardt, 
Julie Legvrju, Dr. Leimbach („Deutsche 
Dichtungen", 9 Bände). Wiegand („Flora von 
Hessen"), Dr. Adler. („Teutsches Lesebuch für- 
israelitische Schulen") n. a. Bon belletristischen 
Werken sind zu erwähnen: Karl Altmüller's 
„Gedichte" und dessen Büchlein über den „Humor", 
Alex. Hehlers „Annunziata", Richard Boß' 
Schanipicl „Unfehlbar", Martin Greifs „Prinz 
Eugen" und Wilhelm von Isings „Gedichte". 
Bemerkenswert ist auch, daß im Theodor Kayschen 
Verlag die erste Übersetzung des Jbsenschen Dramas 
„Brand" und zwar von einem hessischen Lands 
mann, P. F. S i e b o l d ans Witzenhausen, erschienen 
ist, welcher ebenfalls bei Kay das Schauspiels „Der 
Elsenhain" nach Heibergs „Elverhoi" und „Engel 
brecht und seine Dalekarlier" nach A. Blanche 
veröffentlichte (siehe „Hessenland" Jahrgang 1889, 
S. 140). An geschichtlichen Werken weist der Verlag 
Kays auf: „Der Übertritt des Erbprinzen Friedrich 
von Hessen zum Katholizismus" von Dr. Hartwig, 
„Tie Entstehung des Luthertums" von Dr. Heppe,
	        

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