Full text: Hessenland (16.1902)

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Kasseler Skizzen. 
Von W. B e n n e ck c. 
III. Gültige Theatergefchichlen. 
Gegen Ende der fünfziger Jahre des verflossenen 
Säkulnms stand die kurfürstliche Hosoper in Kassel 
wieder einmal in ihrer vollen Blüte. Es waren da 
engagiert als erster Tenor Theodor Wachtel, 
als Bariton N ü b sa in e n, als Bassist Hochheimer, 
ein Künstlerkleeblatt, das seines Gleichen suchte. 
Ebenbürtig gegenüber standen ihnen die Damen 
Seelig, Veith und Masius. Zu diesen trat 
noch die vortreffliche Soubrette Amalie Kraft, 
eine der begabtesten Vertreterinnen ihres Faches, 
deren Laufbahn leider nur eine kurze sein sollte, 
da sie das Leben mit allzu vollen Zügen genoß. 
Fräulein Veith war, ehe sie nach Kassel kam, in 
Frankfurt a. M. engagiert gewesen, dessen Theater 
leiter damals der Lustspieldichter Roderich Benedix 
war. Dieser, obschon ein hoher Vierziger, war von 
der Künstlerin noch in eine solche Begeisterung ver 
setzt worden, daß er, wenn sie in Kassel eine große 
Partie zu singen hatte, gerne vom Main an die 
Fulda eilte, um sich an ihrem reizenden Anblick 
und dem Wohllaut ihrer Stimme zu erfreuen. Das 
Erscheinen des Dichters bei solchen Gelegenheiten 
im Kasseler Theater fand jedoch so häufig statt, 
daß die Parterrebesucher schließlich behaupteten, 
Benedix litte an gelindem „Veitstanz". Fräulein 
Veith heiratete den obengenannten Baritonisien 
Rübsamen, beide aber verließen schon nach wenigen 
Jahren die Kasseler Bühne. 
Gleichzeitig mit Fräulein Seelig, der Prima 
donna, war der Schauspieler Albert Werse im 
Kasseler Hoftheaterverband. Wie es sein Fach als 
jugendlicher Held und Liebhaber verlangte, war 
er ein galanter, junger Mann von ansprechender 
Persönlichkeit, schlank und hochgewachsen, sodaß er 
den Beinamen der „schöne" Albert erhielt. Fräulein 
Seelig war dagegen eine nicht sehr große, aber um 
so rundlichere Dame, von welcher man sich ver 
schiedene amüsante Historien zu erzählen wußte; 
u. a. habe ihr Anblick vom Fenster aus einen 
biederen Holzhäcker so geistesabwesend gemacht, daß 
er nach dem Scheit Holz auch den Sägebock durch 
gesägt habe. Dieselbe Geschichte erzählt man sich 
jetzt auch von Fräulein Forma neck, die einige Jahre 
nach der vorgenannten Künstlerin hier engagiert 
war. Albert Weise und Rosalie Seelig wohnten 
in der Fünfsensterstraße (damaligen Wilhelmshöher 
Straße) nicht weit von einander, sodaß er jeden 
Morgen an ihrem Hause vorüber mußte. Da 
wollte man nun wissen, daß sie ihm zurufe: „Komm', 
Weise, laß' uns selig sein!" und er ihr erwidere: 
„Nein, Seelig, laß' uns weise sein!" 
Weises damaliges Engagement in Kassel war 
nicht von langer Dauer, zwanzig Jahre später 
aber kehrte er zurück, nachdem mittlerweile aus dem 
Liebhaber ein Heldenvater geworden war. Auch 
sonst war eine Veränderung mit dem schönen Albert 
vorgegangen, denn er hatte sich einen ^.eearit aigu 
zugelegt und nannte sich nunmehr Weisö. Als 
Grund dafür gab er an, daß es in „Donna Diana" 
stets Heiterkeit erweckt habe, wenn von ihm. als 
Don Cäsar, gleich zu Ansang des Stückes gesagt 
worden sei: „Ter Weise hat geredet." 
Einen ähnlichen Fall erzählte auch die Schau 
spielerin Buse. Als sie die „Pvrzia" im „Kauf 
mann von Venedig" in irgend einer Universitätsstadt 
dargestellt, sei bei den von ihr gesprochenen 
Worten: „Er soll die Buße haben, weiter nichts" 
und ferner bei der Stelle: „Tu sollst nichts haben 
als die Buße, Jude, die du auf eigene Gefahr 
magst nehmen —", regelmäßig ein allgemeiner 
Jubel ausgebrochen. Deshalb nannte sie sich aber 
doch nicht etwa Buse. 
Weise, der Heldenvater, wußte sehr hübsch zu 
erzählen und gab häufig im Freundeskreise kleine 
Geschichten aus seiner Vergangenheit zum Besten, 
von denen eine hier folgen möge. 
Als er sich in Amsterdam im Engagement be 
fand, bekam er einen Ruf nach Wien, um in 
Laubes „Bösen Zungen" aufzutreten, leider konnte 
er dies ehrenvolle Anerbieten nicht annehmen, da 
er bereits von Bodenstedt für das Meininger Hos- 
theater zum Gastspiel verpflichtet war. Betrübt 
reiste er also von Amsterdam nach dem kleinen 
thüringischen Städtchen, das ihm keinen Ersatz für 
die große Kaiserstadt zu bieten vermochte und be 
gab sich dort angekommen sofort zu dem Inten 
danten. Herr von Bodenstedt aber sah ihn 
groß an und sagte: „Ja, um's Himmelswillen, was 
wollen Sie denn hier? Ich habe Ihnen doch 
depeschiert, daß Sie nicht kommen sollten." Leider 
war die Depesche aber erst nach Weises Abreise in 
Amsterdam angelangt. Der Herzog, erklärte Boden 
stedt weiter, sei in Berlin und treffe erst in acht 
Tagen wieder ein, am Abend sei eine Tragödie 
von Aeschylos und gleich darauf reise der Herzog 
nach Italien, könne ihn also unmöglich sehen. 
Nun nahm Weise seine Zuflucht zu dem alten 
Direktor Grabowsky. Ter ist ein Biedermann, 
denkt er, der von der Pike auf gedient hat und 
weiß, wie es einem armen Komödianten unter 
solchen Umständen zu Mute ist. Der Grabowsky 
aber sicht ihn noch viel größer an als Herr von 
Bodenstedt und sagt ihm rund heraus, er wisse
	        

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