Full text: Hessenland (16.1902)

„Fräulein Nelly, mein Herz." Wieder stockte er. 
Mitten in den Jubel, den das Kind mit seinen 
Eltern anstimmte, klang dann seine verschämte Bitte: 
„Wollen Sie mein Glück werden?" 
Und das Mädchen fiel ihm um den Hals, und 
Thränen rannen über seine zarten Wangen. „Mein 
Glück!" sagte sie leise. 
Die Christbaumkerzen flimmerten, leise schwangen 
die farbigen Kugeln an den goldenen Fäden, und 
ein starker Tannendust durchzog das weite Gemach ... 
„Das war eine prächtige Weihuachtssahrt!" 
meinte endlich, das lange Schweigen brechend, der | 
Oberförster wie ahnungslos. „Ich fuhr an den 
Klippen vorbei, dann durch die Ludener Brüche —" 
„Halt ein, halt ein!" rief seine Frau. „Laß 
uns denen da erst einmal Glück wünschen. Die 
haben alles so geheim für sich gehalten, um sich 
am Ende selbst recht überraschen zu können. — Das 
war eine Weihnachtsfahrt, nicht, Karl?" 
„Aber man kann sie nur einmal machen", sagte 
der Oberförster und reichte den Verlobten die Hand. 
„Nun hat der liebe Bengel wenigstens auch eine 
Tante", meinte Nelly und nahm den Kleinen auf 
den Arm. 
„Das war gewiß auch Deine einzige Sorge und 
j Du kamst, ihm so was Schönes zu schenken?" 
„Immer noch die Alte", lachte das glückliche 
i Mädchen. . . . 
Weihnacht. 
Mar das ein Jauchzen aus dem Kindermunde, 
wenn's galt, den heil'gen Abend zu begrüßen, 
wenn schon die Kerzen glühten, uns die Stunde, 
Die weltgeheimnisvolle, zu versüßen: 
Dann alle Glocken in die Freude klangen, 
Als mär' der Pimmel selber bei dem Feste. 
war das ein Glück! — wir jauchzten und wir sangen. 
Indeß laut knisterten die Fichten-Äste. 
Mar das ein Jubeln, als ich, Mann geworden, 
Im eig'nen paus das heil'ge Fest bestellte, 
Allzeit beschirmt von dem Penaten-Grden, 
Der über dieses paus sein Machtwort fällte. 
Die Glocken klangen und die Sterne glühten, 
Als wär' der Fimmel selbst bei diesem Feste. — 
war das ein Glück! — Ich schwur, cs treu zu hüten, 
Und lauter knisterten die Fichten-Aste. 
Und nun? — Nun ist das Letzte noch geschieden, 
Fern glühn den Kindern ihre eignen Kerzen, 
Das Vaterhaus ist leer, es ist gemieden 
von all den frohen, jugendlichen Perzen. 
Zwar glühn auch jetzt noch Kerzen an dem Baume, 
Doch sinnend steh'n die Alten stumm beisammen, 
Und hört ihr's knistern zu dem weihnachstraume: 
Ach, — nur zwei Thränen sielen in die Flammen. 
wächlersbcich. prcser. 
Das Christkind naht! 
Das Christkind naht 
Auf eisigem Pfad: 
Rings ist es öd, kein Auge wacht. 
Nur Wald und woge brausen 
Und winterstürme sausen 
Im Nebelgrau der Nacht. 
Und dennoch weckt die weihenacht, 
Im Kerzen, wie die Maiennacht, 
Nur linde Lettzestriebe: 
pörst Du den Glockenschall 
von allen Thürmen klingen, 
Mit Hellem Silberhall 
Sich bis zum Fimmel schwingen? 
0, zweifle, Mensch, nicht länger! 
So mahnt des Glaubens Sänger; 
Der Heiland mahnt zur Liebe — 
Das Christkind naht 
Mit possnungssaat! 
«assel. Albert Weiss. 
Die macht der Liede. 
(Weihnachtsmärchen.) 
„Lin ich im Traum? welch' nie geschaute pelle 
Crgießt sich, wie ein Strom, in meine Zelle? 
porch! welche Laute irren an mein 0hr?" 
vom Lager hebt sich der Gefangene empor: 
„wer naht so spät?" — — Der Mutterstimme Ton 
Bebt durch den Raum. Cin Zittern saßt den Sohn. 
Cr weicht zurück — — er hält den Atem an. 
Cin Cngelwesen schwebt zu ihm heran: 
„Ich wußt' es droben in der ew'gen Stadt, 
Daß Deine Seele keinen Frieden hat. 
Inmitten aller Gottes-Seligkeit 
Crlitt ich Pein ob Deines perzens pärtigkeit. 
vor meinem Auge heut' der Weihnachtsstern verblich — 
Mein armes Kind, so bangt' ich mich um Dich!" 
Da weint der finst're Mann, der Thränen nie gekannt. 
Cin Paradies, aus dein er längst verbannt, 
Lebt vor ihm auf. Cr kniet. Cr schmiegt sich dicht 
An die verklärte an: sein starrer Trotz zerbricht. 
Die Mutter neigt sich tief — die Schleier ihn untrinnen — 
Und lächelt leiderlöst und hebt sich leis von hinnen. 
Doch vor dein weihnachtsglanz, den sie herabgetragen, 
verstumint des Sünders Mund, erstirbt sein Klagen. 
Nie wird die Pracht verweh'n, in Staub verfliegen: 
Aus seinem Paupte bleibt sic krönend liegen. 
N a v o I 3 l) tJ u f e n. SilSCfUl fclftV
	        

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