Full text: Hessenland (16.1902)

„Eine herrliche Fahrt", unterbrach sie nun das 
Schweigen. „Sehen Sie, wie die Sterne funkeln am 
großen Weihnachtsbanm und wie der Wald so zu 
traulich herüberblickt. Es ist doch eine schönere 
Welt hier draußen wie in der dunstigen Stadt. 
So frisch, so gefestet iu sich selbst." 
„Aber Fräulein, die Bälle, die Salons, die 
Konzerte — —!" 
„Halten Sie ein! Was ift's damit? Fühlen 
Sie sich nicht glücklich hier auf dem Lande, hier 
in den Bergen? Haben wir nicht im Sommer 
mehr gehabt in den weiten Hallen der Wälder bei 
Vogelfang und Kuckuckruf? Was bedeutet da ein 
stiller Winter!" 
Gierig lauschte er ihren Worten, und seine Stimme 
zitterte, als er fragte: „Könnten Sie, das ver 
wöhnte Großstadtkind, hier leben in Zufriedenheit?" 
„Sicherlich, ich strebe sogar danach!" 
„Aber, — Sie werden Ihrem Manne doch folgen 
müssen?" Das klang doch recht komisch, und be 
lustigt entgegnete sie: „Freilich; aber ich kann ihn 
mir danach aussuchen!" Und das kam gerade so 
komisch herausgesprudelt. Es lag eine ziemliche 
Dosis Übermut in den Worten. Der Doktor schwang 
die Peitsche, die Pferde machten einen Seitensprung, 
daß der Schlitten umzustürzen drohte und Nelly 
fast auf des Gefährten Schoß geschleudert wurde. 
Taun flog der Schlitten dem Gipfel des Berges 
zu. Von keinem Laut bewegt, lag die krystallene 
Luft auf den Höhen. Vertraulich nickten die Schnee 
häupter der Bäume. Die Pferde fauchten nird 
tummelten sich, übermütig mit den Köpfen spielend, 
vor dem Schlitten dahin. Irgendwo, weit hinter 
den Bergen krachte das Eis und die frostige Nacht 
erbebte ... Er hatte das Gefühl, als schmiege 
sie sich fester an ihn, und er neigte sich sanft nach 
ihr hinüber. Keines wagte die Stille zu brechen . . . 
Ta tönten aus verschiedenen Walddörsern die Christ 
glocken heraus und weckten in den Bergen ein 
wunderbares Wiederklingen. 
„Christnachtglocken!" sprach sie leise vor sich hin. 
„Und wer sich ihrer freuen kann", erwiderte er 
melancholisch. „Einst im Elternhaus — ja — 
aber jetzt so einsam —" 
Nelly wurde bewegt bei diesem elementaren Herzens 
erguß des Mannes. Unbewußt legte sie die leichte 
Hand auf seinen Arm, und ihre Worte klangen 
tröstend, als sie sprach: „Aber ich erst. Wenn ich 
Alma nicht hätte, wenn ich mich nicht in das liebe 
Bergnest flüchten könnte!" 
„Vor wem? Wer will Ihnen ein Leid thun?" 
Resigniert klang es zurück: „Mein Vormund." 
„Das darf nicht sein!" sagte der „stille Doktor" 
bestimmt, und seine in sich fest beharrende Persönlich 
keit kam zum Durchbruch, gerade so sicher und 
wuchtig, als rede er in einer Ärzteversammlung, 
als gälte es, seine reichen Kenntnisse in die Wag 
schale zu werfen, eine schwierige Frage zu entscheiden. 
„Ich vertraue auf Ihre Schwester!" 
„Auch ein wenig aus mich?" 
„Ja", flüsterte sie leise. 
Dann schwiegen sie wieder. Der Schlitten eilte 
bergab. Zwischen den Baumstämmen funkelten die 
Lichter des Städtchens in die Nacht, und schon war 
die große Kirche erhellt. Den beiden Menschen 
kindern war es, als schauten lachende Engelsköpfe 
aus den hohen Fenstern zu ihnen herüber. Endlich 
stand der Schlitten, das Hofthor öffnete sich, und 
der Arzt führte den Besuch wohlbehalten in die 
Arme seiner Schwester. Tann begab er sich, da 
der Schlitten sofort von dem Knecht abgeholt worden 
war, zu Fuß in sein Heim, zog sich um, besuchte 
noch einige Kranke und stieg wieder zur Ober 
försterei empor. Schon leuchteten die Weihnachts 
kerzen im Salon und schon waren die Gaben verteilt. 
„Du kommst etwas zu spät," schalt die Schwester, 
„aber wir haben Dir doch etwas ausgehoben." 
„Eigentlich müßte ich Ihrer auch gedenken. Sie 
verdienen einen so großen Lohn. Aber ich weiß 
nicht, was Ihnen zusagt, Doktorchen, und bitten 
darf ich Sie nicht lassen; denn dann könnte ich es 
am Ende doch nicht geben." Mit diesen Worten 
reichte ihm Nelly die Hand. Der Oberförster war 
mit seiner Frau etwas zur Seite getreten und 
spielte mit seinem Jungen. 
„Wenn er nicht wäre, würde ich am Ende doch 
eine Bitte wagen und Sie — Sie könnten sie er 
füllen, Nell — Fräulein Nelly." 
„Wer nicht wäre?" 
„Anton Lindner", gab er gepreßt zurück. 
„Nun höre einmal, Alma, Dein Bruder faselt 
da auch von Herrn Lindner." 
Die junge Frau sprang herbei: „Er redet im 
Fieber!" 
Verlegen klang es von seinen Lippen, als er ent 
schuldigend sprach: „Dann verzeihen Sie; aber 
ich — ich —" 
„Ach Du", schmollte die Frau. Sie nahm von 
dem Weihnachtsbaum einen Engel herab und sagte 
dann zu Nelly: „Das bist Du, und so meint er's — 
da der ,stille Doktor' mit Dir!" Und damit biß 
sie dem Zuckerengel den Kops ab. 
Errötend schauten sich die Zwei an, errötend und 
freudig beseelt. Die junge Frau verschwand verständ 
nisvoll hinter den weiten Zweigen des Christbaums. 
„Fräulein Nelly, wissen Sie was?" 
„O, gewiß!" lachte sie. 
„Fräulein Nelly, dürste ich wagen?" 
„Aber nicht zu viel, Doktorchen." 
Und er näherte sich ihr.
	        

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