Full text: Hessenland (16.1902)

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Daß solch ein Treffer auf Ihre Lebensnummer wo nicht 
bereits ganz darauf gefallen, doch ganz noch fallen möge, 
wünsche ich von Herzen." 
Kassel, 31. August 1852. Carl Schotten. 
Von rührender Anhänglichkeit an die hessische 
Heimat zeugen schließlich die Eintragungen der 
Gebrüder Grimm. So schreibt Jakob Grimm: 
„Sie traten, wertester Beruhardi. an meine Kasseler 
Stelle, als ich ihren Namen noch nicht hatte nennen hören. 
Später sind wir aber doch noch näher bekannt geworden 
und ich freute mich Ihrer Nachfolge. Mir selbst ist eS 
nicht gelungen an einer Bibliothek, zu der von jeher mich 
meine Neigung trug, mich zu behaupten und wider Willen 
mußte ich zweimal in Hessen, einmal in Göttingen die 
Schlüssel zurückgeben und eine neue Laufbahn beginnen. 
Dieser Abbruch des Fadens stört immer meine stille Thätig 
keit und zufriedene Gewohnheit, wie sie sich unter Ihren 
gepflegten Büchern einfindet. Doch ein weit stärkerer Faden 
bricht in mir und auch in Ihnen niemals ab, die Liebe 
zu Deutschland und zu Hessen. Mag auch der 
Kummer und das Leid, die wir um beide tragen, solange 
unser Leben noch währt, schwerlich weichen, glücklichere 
Nachkommen in besserer Zeit werden uns das Zeugnis nicht 
versagen, daß wir redlich nach unserem Vermögen zur Er 
hebung des Vaterlandes mitgestrcbt und mitgewirkt haben." 
Berlin, 24. Mai 1854. Jacob Grimm. 
1854 trug auch Wilhelm Grimm in das 
Stammbuch ein: 
„Wenn ich, an andere Verhältnisse und andere Lebens 
weise längst gewöhnt, wieder nach Kassel komme, wo ich 
dreißig Jahre und die glückliche Zeit der Jugend zugebracht 
habe, wenn ich das schöne, von dem Fluß belebte Thal, 
die Berge und Wälder am Horizont, die bekannten Wege, 
die hohen Bäume der Aue wieder erblicke, so regt sich das 
Gefühl der Heimat in mir. So war es auch, als ich im 
Jahre 1838 von Göttingen, wenn auch als Fremdling, 
dorthin zurückkehrte. Sie empfingen mich auf der Bibliothek, 
deren Bücker lange Zeit durch meine Hände gegangen waren, 
auf das freundlichste, und die warme Teilnahme au meinem 
Geschick werde ich niemals vergessen. Als ich das letzte 
Mal in Kassel war und am Abend die Sonne zwischen 
trüben Wolken hinter dem Habichtswald versank, aber am 
anderen Morgen in vollem Glanz wieder aufging, so schien 
mir das ein Bild der Hoffnung zu sein, die in dem 
menschlichen Herzen immer von neuem aufsteigt. Warum 
sollen wir sie zurückweisen?" 
Wilhelm G r i m m. 
weihnachtsfahrt 
Novelle von Valentin Traudì (Rothenditmold). 
„Die Kälte!" brummte der alte Postbote in den 
bereisten Bart, als er das Thor der über dem 
Städtchen an den Berg gelehnten Oberförsterei 
hinter sich ins Schloß warf. Das Hundegekläff 
verstummte. Ter schwerbepackte Mann stapfte müh 
sam durch den Schnee, auf welchem die Sonne mit 
den funkelnden Eiskrystallen spielte. Über der 
prächtigen Landschaft spannte der Himmel seinen 
blauen Bogen in jungfräulicher Reine. Die hohen 
Tannen, welche immer so träumerisch in das Ge 
triebe der Gassen hinuntersahen, schienen sich trotz 
der Schwere ihrer Schneelast emporzurecken in ur- 
ewiger Riesenkraft ... In dem kahlen, grauen 
Geäst des Gartens der Obersörsterei zwitscherten 
Meisen und Ammern und warteten, ob sich nicht 
bald das Fenster öffne und der Blondkopf der Frau 
zwischen den Gardinen erscheine, ihnen Futter ans 
das Blumenbrett zu streuen und, wenn sie dann da 
wären, ihren pausbäckigen Jungen emporzuhalten. 
Sie warteten vergeblich. 
Heute galt es, die angekommenen Packete zu 
öffnen oder sorgsam zu bergen und die Brief 
schaften zu studieren. Leichten Schrittes hüpfte dann 
die „Frau Oberförsterin" hinunter in das Arbeits 
stübchen ihres Mannes. 
„Nelly will kommen. — Du holst sie doch an 
der Haltestelle ab?" 
„So?" fragte er erstaunt. „Aber es geht nicht, 
Schatz, das heißt: ich kann nicht. Du weißt, ich 
muß noch nach dem Forsthaus Hornbruch fahren, um 
den Windfall zu besichtigen. Doch halt! 
Nein, es geht nicht." 
„Schade. Nelly kann und darf freilich nicht durch 
den dicken Schnee waten. Da muß Karl aus- 
helsen." 
„Nelly war doch im vorigen Sommer zwei Monate 
bei uns?" fragte er etwas verwundert. 
„Lies selbst." Damit überreichte sie ihm das 
duftige Brieflein. „Sie will einer unliebsamen 
Begegnung aus dem Wege gehen." 
Der Oberförster überflog das Schreiben. „Wer 
ist denn Anton Lindner? Ist das nicht ihr Zu 
künftiger?" 
„Davon weiß Nelly nichts. Es ist der Neffe 
ihres Vormundes." 
Die Asche seiner Zigarre abstreichend, bemerkte 
er: „Ich meine aber, sie wäre deshalb dem Doktor, 
Deinem Bruder Karl, immer ansgewichen?" 
„Ja. mein Bruder! — Der? — Wer weiß, wie 
er es angefangen hat?" lachte die junge Frau. 
„Er ist in sie und sie ist in ihn vernarrt; aber 
sie sehen nicht und hören nicht. Eigentlich passen 
sie ja auch gut zusammen." 
„Freilich!" sagte er trocken. „Der Lindner ist 
aber auch ein netter Kerl und scheint jedenfalls 
eine Zukunft zu haben." 
„Er ist aber nichts für die stille Freundin; zu 
sehr Lebemann, voller Salonlaune, egoistisch, eigen-
	        

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