Full text: Hessenland (16.1902)

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Auch L. Schwarzenberg klagt über die jämmer 
lichen Zustände der Zeit: 
„Wenn wir zusammenhielten treu ohne Zagen, 
es würde unser Ruhm die Welt durchjagen! 
Wir wären nicht gestoßen aus der Schar 
der Völker, die am Freihcitshochaltar 
der Freiheit bringen ihre Opfer dar. 
Wenn wir zusammenhielten treu und fest, 
so wäre unser Auge nicht benäßt, 
wcnn's die Geschichte liest, die uns verkündigt, 
wie sehr wir an der Freiheit uns versündigt. 
Das Stallbkorn einzeln am Wege liegt 
beim leisesten Windhauch verweht, verfliegt. 
Doch fließt es zusammen und bleibt im Verein, 
so wird eü ein mächtiges Felsgestein; 
und weht der Sturmwind fort und fort: 
Er rückt es nimmer von seinem Ort. 
Geschrieben in der Zeit einer schmachvollen Reaktion, 
aber mit der festen Zuversicht einer bald sich verwirklichenden 
besseren Zukunft, welche gesetzlicher Freiheit eine feste Stätte 
bereitet und alle deutschen Stämme zu einem großen, einigen 
Volk verbindet." 
Kassel. 20. XI. 53. L. Schwarzenberg. 
Der durch Vilmar zwangsweise versetzte Kon- 
sistorialrat Kraushaar schrieb „bei seinem ge 
zwungenen Abschied von Kassel am 24.Oktober 1852": 
„Die Kanzel ist's, wohin zuletzt das freie Wort sich flüchtet 
und mit zweischneid'gem Schwert der Wahrheit Feinde richtet 
Die Wahrheit aber siegt, mag auch im Bund mit blindem 
Glauben 
Gewalt dem freien Wort die letzte Freistatt rauben." 
Auch Kraushaars Amts- und Schicksalsgenosse 
Asbrand ist mit einem längeren Abschnitt aus 
seiner Kasseler Abschiedspredigt im Album verewigt. 
Der vortreffliche hessische Jurist B. W. Pfeiffer- 
trug hochbetagt am 12. November 1851 seinen 
Wahlspruch ins Stammbuch Bernhardts ein: 
„Was der Mensch nicht aufgiebt, hat er auch nicht 
verloren. (Prinz Albrecht v. Preußen.) 
Zur freundlichen Erinnerung an einen alten treuergebenen 
Freund, dem jener trostreiche Wahlspruch unter den miß 
lichsten Verhältnissen zum Leitstern seiner Handlungen im 
öffentlichen Leben gedient hat." 
Der berühmte Leiter der Kasseler Theaterkapelle 
weckt die Erinnerung an das Jahr 1848 mit 
folgender Eintragung: 
„Die obigen Anfangstakte des Sextetts, op. 140, ge 
schrieben in der freudigen Begeisterung des Jahres 1848 
bei der Erhebung Deutschlands zu Freiheit und Einheit 
mögen hier ein Plätzchen finden als wehmütige Erinnerung 
an jene Zeit." *) 
Kassel, 28. Xl. 51. Louis Spohr. 
*) In seinem Kompositionsverzeichnis hatte Spohr bei 
Aufnahme des Sextetts die Worte hinzugefügt: „Geschrieben 
im März und April zur Zeit der glorreichen Volks 
revolution zur Wiedererweckung der Freiheit, Einheit und 
Größe Deutschlands." Anm. d. Red. 
Auch Sylvester Jordan, der schwergeprüfte 
Schöpfer der kurhessischen Verfassuugsurkunde, widmet 
sein niedliches Gedichtchen „seinem langjährigen 
Freunde zur Erinnerung an die Zeit des deutschen 
Parlaments": 
„Warum kommt denn im deutschen Aaterlande, 
die heißersehnte Einheit nicht zu Stande? 
Die Antwort giebt uns kurz und klar 
des deutschen Reiches Doppelaar. 
deß' einen Leib zwei Köpfe drücken, 
die sich einander nie anblicken; 
von denen jeder will allein 
des Leibes Haupt und Zierde sein; 
doch wenigstens, da dies mißlingt, 
auf gleiches Recht der Herrschaft dringt. 
< Solang zwei Köpfe wollen oberherrlich walten, 
kann sich die Einheit Deutschlands nicht gestalten; 
cs müßte denn den Diplomaten — 
worüber sie schon lang beraten — 
das immer noch mißlung'ne Werk gelingen, 
" zwei Köpfe unter einen Hut zu bringen. 
Denn schwerlich wird uns Gott so gnädig sein 
und unsern Aar von einem Kopf befreien." 
Ebenso erinnert Hermann Koch an das Frank 
furter Parlament: 
„In aufrichtigem, auf Liebe zu Gott gegründetem Ver 
langen nach Vervollkommnung allein besteht die wahre 
Größe, das wahre Glück des Menschen; dies Verlangen 
macht ihn getreu, selbstverleugnend und ausdauernd, selbst 
wenn die besten Absichten verkannt werden. 
Indem ich diese Worte, deren Wahrheit Sie, verehrtester 
Freund, gewiß an sich selbst erprobt haben, mit Hinweisung 
auf die von Goethe kurz vor seinem Heimgänge in ein 
Stammbuch geschriebene Zusprache Walthers Fürst (in 
Schillers Tell): 
.Erwartet nur und faßt Euch in Geduld' 
Ihnen zurufe, bitte ich Sie noch mal in später Zukunft 
sich zu erinnern, was ich Ihnen bei Ihrer Abreise zur 
Nationalversammlung zu Frankfurt im April 1848 in 
Hinsicht auf die Wahl eines österreichischen Prinzen zum 
Reichsoberhaupt und auf die Teilnahme von Vertretern 
Österreichs an jener Versammlung äußerte, des demnächstigen. 
jedenfallsigen Anschlusses der deutschen Elemente sicher und 
eingedenk des Ausspruches des Sophokles: 
,Nach Unmöglichem sich sehnend, warf schon mancher, 
was er hatte, weg'." 
Weniger politisch angehaucht sind die Verse, welche 
der Geheime Finanzrat Schotten in unser Album 
eingetragen hat: 
„Denn wer mit dem, was ihm beschieden 
und dem Berufe treu zufrieden 
im Kreise seines Wirkens lebt, 
nach höherem Schattenglück nicht strebt, 
wer Honig saugt aus jeder Blume, 
aus Mammon nicht und eitlem Ruhme 
die Pläne seiner Zukunft webt, 
wer Frohsinn auch bei trüben Stunden 
in stiller Häuslichkeit gefunden, 
wen Liebe lohnt, wen Freundschaft hält 
daß er im Lebenssturm nicht fällt, 
und wer sich freut der schönen Welt, 
der hat den rechten Lauf begonnen, 
der ist der Täuschung Qual entronnen, 
der hat — das große Los gewonnen.
	        

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