Full text: Hessenland (16.1902)

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Nordhälfte aller hessischen Lande, freilich zumeist 
nur in touristischer Beziehung, machen will, findet 
dies, abgesehen von Rinteln, Pyrmont und Schmal 
kalden, a. a. O. in der ersten (Werbe-) Nummer 
der Touristischen Mitteilungen, geordnet nach 
24 Sektionen, von denen zwei dem Diemel- und 
Weser- und ebensoviel dem unteren Werra-Fluß 
gebiete angehören, während auf die obere Lahn 
in Oberhessen fünf Sektionen entfallen; das Gebiet 
des Fuldaflusses dagegen zerfällt dort in sieben 
Sektionen, denen sich fünf für die Edder und 
drei für die Schwalm noch angliedern. 
Eine touristisch nach allen Seiten begründete 
Sektionseinteilung der Südhälfte aller hessischen 
Lande steht zwar noch aus, soll aber in nicht 
allzulanger Zeit, wahrscheinlich noch im laufenden, 
XI. Jahrgang der von vr. Lange in Cassel 
herausgegebenen Touristischen Mitteilungen aus 
beiden Hessen rc., wie wir hören, nachgeliefert 
werden. 
Daß dabei auch die ethnographischen und 
historischen Grenzen ihre gebührende Berücksichti 
gung finden werden, dafür bürgt uns die mehr 
als neunjährige Beschäftigung des Verfassers mit 
deutschkundlichen und besonders allhessischen Studien 
und Streitfragen, unter denen die längst betriebenen, 
mundartlichen Forschungen gerade im letzten Jahr 
zehnte erfreuliche Fortschritte gemacht und allseitige 
Anerkennung, auch in Laienkreisen, namentlich seit 
Aufkommen der Heimatkunst und -Litteratur, ge 
funden haben. Freilich laufen dabei, selbst in 
vielgebrauchten Heimatkunden, die schon eine 4. Auf 
lage erlebt haben, drollige Sachen mit unter; daß 
man z. B. darnach annehmen müßte, Hessen- 
Nassau sei halb im niederdeutschen Sprachgebiete 
gelegen, während doch nur eine verhältnismäßig 
kleine Gegend, ganz im Norden der Provinz bei 
Hofgeismar platt redet, die große Masse aller 
Hessen aber den Mittel-, und nicht den Ober 
deutschen, die südlich von Karlsruhe enden, sprach 
lich zuzurechnen ist. 
Betrachten wir aber unser All-Hessenland, be 
stehend aus allen ehemals „chattischen" Landen, und 
aus allen „neuhessischen" Gebieten, im einzelnen, so 
ergeben sich sowohl für die nördliche als auch für 
die südliche Hälfte je drei in sich abgerundete Kreise 
oder Unterabteilungen, die wir hier um Cassel, 
Marburg a. L. und Fulda sowie dort um Lim 
burg a. 8., Hanau und Darmstadt am zwang 
losesten gruppieren können. Dabei kommen die 
drei südlichen Großstädte Frankfurt a. M., Mainz 
und Wiesbaden gerade in die Mitte der neu- 
hessischen Südhälfte zu liegen, während Gießen, 
am Nordwestrande des großherzoglichen Hessens, 
etwa den Mittelpunkt aller hessischen Lande samt 
den sechs Unterabteilungen bilden würde. In 
einem weiteren Aufsatz aber sollen diese einzelnen 
sechs allhessischen Bezirke behandelt werden. 
(Ein hessisches Stammbuch 
Mitgeteilt von Max Georg Schmidt. 
^or kurzem hatten wir Gelegenheit, ein hoch- 
™ interessantes, altes Stammbuch zu durchblättern. 
K. Bernhardt, der Nachfolger Jakob Grimms 
im Amt eines Oberbibliothekars an der ständischen 
Landesbibliothek in Kassel, hat dasselbe als Ver 
treter des 4. kurhessischen Wahlbezirks (Fritzlar) 
bei der deutschen Nationalversammlung in der 
Paulskirche in Frankfurt angelegt und darin die 
Handschriften der bedeutenderen Mitglieder des 
Parlaments gesammelt. Einen Auszug dieser Ge 
denksprüche haben wir im Septemberhest der 
Deutschen Revue unter dem Titel: „Ein Stamm 
buch aus dem Frankfurter Parlament" veröffentlicht. 
Außerdem finden sich jedoch im Album noch einige 
Eintragungen angesehener kurhessischer Männer aus 
den fünfziger Jahren, welche für die Leser dieser 
Blätter von Interesse sein dürsten. 
So schreibt der frühere Oberbürgermeister Hart 
wig: 
„Wir leben in einer schmachvollen Zeit und oft hört man 
den Ausruf: Wann wird diese Schmach enden!? Mancher 
verzweifelt an einer glücklicheren Zukunft, aber wir dürfen 
den Mut nicht verlieren, die Hoffnung nicht aufgeben, daß 
nach dieser trüben Zeit eine bessere folgt. 
Ich habe Arges erdulden müssen, aber dennoch halte ich 
fest an dem Glauben an eine ewige Gerechtigkeit." 
Kassel, am 19. Juli 1854. Hartwig. 
Finanzminister Wippermann, der Verfasser 
von „Kurhessen nach dem Freiheitskriege", unter 
dessen Geschäftsleitung das Papiergeld in Hessen 
eingeführt wurde, äußert sich ähnlich: 
„Die Wahrheit harrt mit sich'rer Wage 
im Wolkenzelt der Folgezeit, 
Bewegt die Spreu gedungner Sage 
und huldigt der Gerechtigkeit. 
Ihr Märtyrer für Menschenwürde, 
vertraut der Wahrheit und der Zeit! 
Vergänglich ist des Druckes Bürde, 
doch ewig die Gerechtigkeit!" 
Kassel, 30. Oktober 1852. 
Carl Wilhelm Wippermann.
	        

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