Full text: Hessenland (16.1902)

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Seite des hier gerade zauberhaft--schön dahin 
fließenden, deutschen Rheinstromes. Es ist dies 
ein gut abgerundetes Gebiet, Wald- und wildreich, 
wie nirgends, ein wonniges Berg- und Hügelland, 
im Herzen Mittel-Europas oder All-Deutschlands, 
mit einem Umfang von etwa 28—28 '/2 Tausend 
Quadratkilometern, auf denen gegen Ende 1900 
ungefähr 3 */2 —3 3 /s Millionen Menschen, meist 
chattisch-hessischen Blutes, wohnen. Vergleicht man 
mit diesem unserm, ideal geforderten „all 
hessische n" Lande die nur wenig größere Pro 
vinz Posen*), in deren Flachland es keine nur 
mäßig bewohnbaren Berg- und Höhenzüge wie 
in Hessen-Nassau, Waldeck und im Großherzog- 
thnm Hessen gibt, so finden wir dort etwa nur 
halb so viel Einwohner als bei uns; ein beweisen 
des Zeichen dafür, daß trotz aller Kargheit alt 
hessischer Erde, doch unser Volksstamm zähe an 
der Heimat hängt, und daß der Hesse sein Land 
so dicht, als nur möglich, besiedelt hat, um den 
alten Spruch wahr zu erhalten: daß „wo Hesse 
und Holländer verderben, kann niemand mehr 
Nahrung erwerben". Ja, Hessen und Holländer, 
über denen beiden das nämliche Banner, leuchtend 
in Not-Weiß und Blau, flattert, von denen 
Tacitns in Chatten und Battaven uns eine wenn 
auch von neuester Kritik mit Recht angefochtene, 
engste Blutsverwandtschaft überliefert, und denen 
in Brabant und Hessen gemeinsames Fürsten 
blut seit 1247 floß, sie beide allein haben, seit 
dem grauesten Tagen urgermanischer Vorzeit, ihre 
Sitze selbst in den Stürmen der Völkerwanderung 
behauptet und bis heute sich im großen und 
ganzen erhalten, wie dies Jakob G r i in m, einer 
der größten Söhne der hessischen Erde, ja unseres 
ganzen deutschen Vaterlandes, in seiner „Geschichte 
der deutschen Sprachen" (1848) ebenso ruhmreich 
wie berechtigt-stolz von den Hessen und den 
Friesen, den Ahnen der heutigen Holländer in 
den nördlichen Niederlanden, niederschrieb, sich 
selbst und unserm hessischen Volksstamme, dem 
deutschesten der deutschen, zur Ehre. 
Wenn wir nun das gesamte Gebiet von All- 
Hessenland nochmals, abgesehen von Rinteln nebst 
Pyrmont und Schmalkalden, uns vor Augen 
stellen in einer gedachten Grenzlinie von Carls 
hafen bis Mihla a. d. Werra, dann weiter bis 
etwa 5 km westlich von Meiningen, dann bis 
Kissingen, Hammelbnrg, Gemünden unb ferner 
über Wertheim und Amorbach bis zum Katzen 
buckel im Süden; von da quer durch das Rhein- 
thal bis zum Donnersberg, dann von dort 
*) Ende 1900: 28906 Quadratkilometer mit 1.888.000 
Bewohnern. 
über Bingen, Coblenz und Altenkirchen zum 
Ederkopf, von wo es über Brilon und Mar 
burg, in leichtem Bogen dem Diemellaus folgend, 
nach Carlshasen zurückgeht, so läuft die Halbirungs- 
linie all dieser hessischen Lande vom Ederkopf aus 
etwa über Gießen, ferner über den Taufstein im 
Vogelsberg und über den Kreuzberg in der hohen 
Rhön bis gerade zum Einfluß der Streu in die 
fränkische Saale. 
Was nördlich dieses „allhcssischen Äquators" 
liegt, war oder wurde, im Kampfe mit den 
Cheruskern oder Hermunduren, altchattisches Ge 
biet, in welches selbst die weitherrschenden Römer 
nur Streifzüge unternommen haben, während 
südlich davon einst, geschützt durch den Limes 
Romanus und sein Vorland, römisches Wesen 
mehr oder weniger eingedrungen war, bis seit 
375 nach Christus die Woge der großen Völker 
wanderung die althessische Vollkraft in diese 
Gebiete hinüberschlagen ließ, wo dann die Chatten 
ein Neu-Hessen begründeten und der alten Nord- 
hälfte nach Süden hin, bis an die heutigen Rhein 
pfälzer, einen schönen Abschluß anfügten. Dabei 
aber wurde der tiefe Rheingraben im rheinischen 
Schiesergebirge, von Bingen bis Coblenz, nur bei 
St. Goar und Psalzfeld, wie ein vorgelagerter 
Brückenkopf, überschritten; denn sonst ergoß sich 
die überschäumende, chattische Urkraft, wie ein 
Gewitterstrom durchbrausend und jeden römischen 
Widerstand niederwerfend, von Coblenz mosel 
au sw ärts bis weit über Metz hinaus, um dort 
leider in wälschem Lothringertnm unterzugehen 
oder sich doch mit moselfränkischem Volksblute 
zu verschmelzen. Aber wie die vielen Volksstämme 
der Ostgermanen, z. B. die West- und Ostgothen, 
die Langobarden und Wandalen, einst in Italien, 
Gallien, Spanien und Nordasrika, bis auf geringe 
Spuren, untergegangen sind, so ist auch diese 
vorübergehende Wanderstrccke von Coblenz bis 
Metz unserm chattisch-hessischen Volkstume dauernd 
nie angegliedert; denn dies gelang, wie wir ja 
bereits wissen, nur in der lieblichen Südhülfte 
der allhessischen Lande. Hier sind eben die 
Gebiete des Westerwaldes, des ganzen engen Lahn 
thales, des weiteren Tannusgebietes, der Wetterau. 
des Rheingaues, des Frankfurter Beckens und 
des Kinzigthales, des Spessartes, des Odenwaldes, 
der oberkatzenellenbogischen Rheinebene bei Darm 
stadt und ganz „Hessen bei Rhein" mehr oder 
minder gründlich von den Chatten eingenommen 
und durchaus hessisch kolonisiert worden als 
„Nen-Hessenland"; einen Ausdruck, den wir den 
Forschungen des Darmstädter Germanisten Mar 
Rieger zur bequemeren Charakterisierung wohl 
entnehmen dürfen. — Wer sich aber ein Bild der
	        

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