Full text: Hessenland (16.1902)

319 
Frische und Gesundheit, die Kraft und das Heit preist, 
das in weltfernen Thälern am Herzen der Natur und 
schlichter Pflichterfüllung lebt und für die übermüdeten 
Kinder unserer modernen Tage Rettung bringen könnte. 
Vielleicht läuft da und dort ein wenig zuviel Idealismus 
mit unter, vielleicht ist es einem inmitten seiner Standes- 
genossen erwachsenen Vertreter des Adels von heute nicht 
ganz so leicht, alle Bande seiner Gesellschaft zu zerreisten, 
alte eigenen Vorurteile seines Standes abzustreifen. wie 
dem Helden des Ekensteenschen Buches, vielleicht sollte seine 
Umwandlung in ähnlicher Weise tief motiviert sein wie 
die des Tolstoischen Fürsten Nechljudow in dem gewaltigen 
Roman „Auferstehung"; aber die Verfasserin wollte keinen 
psychologischen Roman schreiben, sie wollte ein Lebensbild 
geben, in dem schon alles in Handlung umgesetzt ist. die 
Lösung eines sozialen Problems unternehmen. Das Buch 
enthält einige sehr packende Schilderungen und eine Fülle 
anmutender Gedanken und sympathisch gezeichneter Cha 
raktere. Cs ist leider durch modern sein sollende unschöne 
Illustrationen entstellt, während die Ausstattung außerdem 
durchaus vornehm ist. M. Kerkert. 
Aus allen Augenblicken meines Lebens. 
Nene Gedichte von Karl Ernst K n o d t. Mülheim 
a. Ruhr (K. Schimmelpfeng). Geb. M. 5.— 
Dieser neue Gedichteband ist ein würdiger Bruder des 
wenige Monate älteren „Ans meiner Waldecke". Die 
Eigenart religiös-lyrischer Empfindungsweise in modernem 
Sprachgewand ist auch hier, ist in verstärktem Maste an 
zutreffen. „Lasset diese Kindlein zu euch kommen", möchte 
ich den Freunden deutscher Lyrik zurufen; denn es ist mir 
nicht möglich jedes einzelne in seiner keuschen Lieblichkeit 
vorzustellen. Ich möchte zur Empfehlung dieser frommen 
Kinderschar nur auf eins hinweisen: Wo lebt diese Schar, 
welches ist der Schauplatz, auf dem sie sich tummelt? Wo 
ist des Dichters Land? 
Um mich verständlich zu machen, was ich mit dieser 
Frage will, muß ich etwas anderes vorausschicken. 
Lyrische Gedichte sind nicht nur Empfindung. Dieses 
feine ätherische Wesen, welches wir Empfindung nennen, 
muß einen Leib, eine Gestalt haben, sonst können wir 
durch unsere Sinne gefesselten Menschen sie nicht verstehen. 
Empfindung allein wäre Rosenduft ohne Rosen, wäre Brot 
aroma ohne Brot. Davon läßt sich nicht leben. Empfindung 
allein wäre elektrische Kraft ohne Geber und Empfänger. 
Was ist nun der Leib, die Gestalt der Empfindung? Offen 
bar das Erlebnis. Das Erlebnis ist das Sichtbare, das 
Wahrnehmbare. Dies Erlebnis mit wenigen meisterhaften, 
anschaulichen Strichen unseren Sinnen zugänglich zu machen, 
daß unsere Seele in des Dichters Seele aufgeht, das ist 
die Kunst des Lyrikers. 
Die Seele Knodtscher Dichtung ist Sehnsucht nach der 
göttlichen Heimat. Was aber sieht seine Seele, was hört 
sie, worauf tritt ihr Fuß, in welcher sinnlichen Welt lebt 
sie. wo ist das Land des Dichters? Fast möchte ich sagen, 
der Dichter hat gar keines; er hat keines mehr. Was 
dünkt ihn die Erde? Der Dichter Knodt strebt ja unaus 
gesetzt von dieser Erde fort. Die Welt des Sichtbaren 
bietet ihm offenbar kein Ganzes mehr, sie bietet nur Augen 
blicke: Aus allen Augenblicken meines Lebens. So hätte 
Knodt die Herkunft seiner Gedichte nennen müssen, auch 
ohne auf K. F. Meyer sich zu berufen. Nun gibt es 
doch noch eine ganze Reihe Erdendinge, mit denen sich die 
Phantasie des Dichters beschäftigt. Von seinem lieben 
Walde kommt er doch nicht so ohne weiteres los. Und 
da sehe ich gar Winter. Frühling. Sommer. Herbst, Ernte. 
Musik. Menschen und Liebe, ja sogar Humoristisches „aus 
meinem Weltwinkel"! O, wie hat mich das gefreut! Ja. lieber 
Freund. Du meintest, wir werden an einem Tage sterben. 
Gewiß! Weißt Du auch wann? Wenn unsderHumor ausgeht. 
Neben diesen genannten Erdendingen stehen aber die 
ernsten Gestalten Abend und Heimweh, Tod und Einsam 
zeit, Gott nnd Ewigkeit. Wo ist des Dichters Land? so 
frage ich noch einmal. Bei diesen ernsten Gestalten oder 
dort bei den Erdendingen? Indem ich so überlege, finde 
ich eine Merkwürdigkeit in den Knodtschen Gedichten, die 
sich mir noch bei keinem Dichter so deutlich geboten. Wenn 
er nämlich seine Stoffe aus der sichtbaren Welt nimmt 
(Winter, Frühling u. s. w.), vergeistigt, ich möchte sagen, 
verfielt er das Sichtbare; und da, wo er ins Ewige greift, 
in die unsichtbare Welt, taucht er seinen Stift in die glut 
vollsten Farben, die ihm unsere Erde bietet. Das ist sehr- 
natürlich. So will es die Poesie. Nnd so will es dieser 
Dichter. Er strebt aus der Welt der Sinne hinaus, nicht 
ohne den milden Glanz des Himmels auf sie zu legen und 
er lebt in der Ewigkeit, nicht ohne ihr den reichen Mantel 
irdischen Schmuckes zu verleihen. 
Treten wir also ein in des Dichters Land! Die 
Gedichte, welche den Untertitel „Erntezeit" tragen, weisen 
am deutlichsten den Übergang von der Berseelung des 
Sinnlichen zur Versinnlichung des Seelischen auf. In 
der Erntezeit klagen die Ähren, daß sie sterben müssen, 
aber ihr Sterben ist heilig; in Wahrheit sterben sie nicht 
einmal, sie werden nur verwandelt und geben uns heiliges 
Brot. Dergleichen nenne ich Berseelung. Und wenn der 
Dichter die Ähren die Krone Gottes nennt, so halte ich 
das für Versinnlichung von Seelischem. In der Einsam 
keit erscheinen dem Dichter Engel mit Friedenskrünzen 
auf den Häuptern, während seine Füße ihnen bereits im 
Äther entgegenschweben. Der Abend, der Vater der 
Einsamkeit, öffnet heimliche Thüren; durch sie locken Engel 
in die Ewigkeit einzutreten. Sie geleiten ihn. Unterdessen 
singen unbekannte Stimmen ein Sehnsuchtslied über den 
Wassern. Mildes Licht ist überall ausgegossen. In der 
Luft entspinnt sich zwischen bösen Geistern und dem Ent 
schwebenden ein Kampf, aber Gottes Nähe verhilft ihm 
zum Siege. Engel dienen dem Sieger, schmücken ihn mit 
weißer Seide, reichen ihm Siegespalmen und führen ihn 
zur Himmelsleiter. An vielen, leuchtenden Sternen steigt 
er vorüber, an den Sternen, den stillen Betern der Nacht 
und am toten Monde; schlackenbefreit tritt seine Seele in 
die Sonne. Da ist Gottes Altar, da legt er die unent- 
weihte Siegespalme nieder. Unter ihm liegt die Erde, ein 
mondbeglünztes Thal, die Wiesen leuchten wie weiße Linnen; 
die Wege der Zeit dehnen sich, die Stunden rinnen in das 
Meer der Ewigkeit. Über die versunkenen Wege auf der 
Erde sind goldene leuchtende Funken gestreut. — Auf gleicher 
Höhe steht die Phantasiethätigkeit des Dichters in den 
Heimatgedichten. Das Land seines Heimwehs hat goldene 
Ufer, an denen rote Abendrosen blühn. Leuchtende Stege 
führen dahin. Von ihm her ertönt ein Heimruf, der Himmel 
und Erde durchbebt. Hundert helle Heimatstimmen fallen 
mit mächtigem Chore ein: Hallelujah über Grüften, Halle 
lujah über Lüften. Leise Sternenlichter sind Wegweiser. 
Während die Natur mit dem Dichter Heimweh verspürt — 
Blumen duften und Wellenschlägen sind Heimwehtreiben — 
kommt der Engel Tod zu dem Sänger. Er geht willig 
mit. sein Lied ist Gottcsatem, Heimatsterne rauschen und 
reden von roten Sonnen und ewigen Wonnen. Sie ent 
zünden der Sehnsucht schlafende Flammen, welche mit seinen 
Liedern zusammenlohen und ihn durchs letzte Thor tragen. 
Still geht die Wanderung in die Heimat weiter. Der 
Wanderer spricht nicht viel, er schaut nur in die Sterne. 
Manchmal ruft die Seele ihr Heimweh in den Himmel 
hinein nnd eine zitternde Antwort schwebt ihr entgegen. 
Goldene Türme werden sichtbar, die Sehnsucht baut sich 
Altäre. — Auch der Tod entlockt dem Dichter phantasievolle
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.