Full text: Hessenland (16.1902)

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Ich hatte mich nach dem großen Bau begeben, 
wo. natürlich abgesondert von den Verwundeten, 
die Schwerkranken lagen. Das Befinden eines 
jungen französischen Sergeanten flößte mir Besorg 
nis ein, das furchtbar hohe Fieber wollte keinem 
Mittel weichen. Er phantasierte und warf sich in 
qualvoller Unruhe auf seinem Lager hin und her. 
Hier waren Eisumschläge dringend nötig. Mit 
einem Seufzer der Erleichterung dachte ich daran, 
daß ich hierzu das unbrauchbare Engelchen doch 
würde verwenden können, und ging rasch hinweg, 
um die nötigen Anordnungen zu treffen. 
Eisbeutel waren nicht mehr da, in Eiswasser 
getauchte Handtücher mußten sie ersetzen. 
Ich packte Schwester Jane, die mich mit ängst 
lichen Blicken ansah, stumm aber energisch am Arm, 
zeigte ihr, was sie zu thun habe und verstärkte 
meine Anweisungen noch durch die Worte: „water 
on kop.“ Wohl hatte ich selbst das Gefühl, daß 
es kein ganz einwandfreies Englisch war, was da 
eben dem Gehege meiner Zähne entflohen, aber ich 
sah, daß meine reizende kleine Unbrauchbare mich 
verstanden hatte, und das genügte mir für den 
Moment. 
In diesem Augenblick kam Kunz Schölten atem 
los, eine Depesche in der Hand schwenkend, in den 
Saal gerannt. 
„Herr Sanedütsrat, ich suche Ihne je wie 'ne 
Stecknadel, in zwei Stunden kommt M Eisenbahn 
zug mit 300 Kranke un Verwundete an." 
Ich griff mich an den Kops. 
„Dreihundert, Schollen, und wieviel Betten sind 
frei?" 
„Etwan 45." 
„Mehr nicht, ja dann muß ich sofort in die 
Stadt und muß dort Rat schaffen." 
Ehe ich mich entfernte, warf ich noch einen be 
sorgten Blick aus Schwester Jane und den sehr- 
unruhigen. laut phantasierenden Fieberkranken; ich 
sah gerade noch, wie sie bei Erneuerung des Um 
schlags eine Wasserflut aus das Bett des Unglück 
lichen ergoß und sich dann, sichtlich befriedigt von 
ihren Leistungen, mit gefalteten Händen an dem 
Bette niederließ. Unvergeßlich ist dies Bild in 
meine Seele gegraben. Kein Maler hätte sich ein 
entzückenderes Bild eines Engels der Barmherzigkeit 
als Borwurs wünschen können. 
Aber die Zeit drängte, es gab noch viel zu er 
ledigen, wenn wir beim (Eintreffen des Zuges mit 
allen Vorbereitungen zum Empfang der Kranken 
fertig sein wollten. Mein Wagen stand bereit. 
Am Schlag stehend, wollte ich Schölten gerade an 
empfehlen, lieber aus alle Fälle noch 'mal nach 
Schwester Jane zu sehen, als ein markerschütternder 
Schrei unser Ohr traf. Uns umwendend, sahen 
wir einen nur mit einem Hemd bekleideten Mann 
aus der direkt ins Freie führenden Thür der 
Baracke hinausstürzen und pfeilschnell über das 
Feld dem nahen Wald zurenneu. Hinter ihm her, 
fortgesetzt laut schreiend, die arme kleine Unglücks 
schwester Jane. 
Einen Moment standen wir sprachlos da. dann 
lies Schölten um den Wagen herum und beteiligte 
sich an der Verfolgung. Schwester Jane hatte er 
bald überholt, nicht so den Unglücklichen, dem Todes 
angst und Fieberwahn Riesenkräfte verliehen hatten. 
Schon glaubte ich fürchten zu müssen, daß er, ehe 
Schotten ihn eingeholt, den Wald erreichen würde, 
in dem die Verfolgung natürlich sehr schwer ge 
wesen wäre, als er plötzlich hinstürzte. 
Ich sah nun, wie erst Schölten. dann auch 
Schwester Jane sich dem Kranken näherten und 
wie ersterer eifrig, aber natürlich erfolglos, aus 
die Schwester einredete. 
Doch ich tonnte mir vorstellen, was mein braver 
Schölten begehrte, und sandte sofort zwei Lazarett 
gehilfen mit einem immer bereit stehenden Kranken 
korb nach der Unglücksstätte. Sie brachten den 
ohnmächtig gewordenen Sergeanten zurück. 
Wie wir nachher erfuhren, hatte sich das Engelchen 
wieder in sein Buch vertieft (daß es ein Gebetbuch 
war, mag ihr als mildernder Umstand angerechnet 
werden) und darüber die Umschlagserneuerung ver 
gessen. Plötzlich war der Fieberkranke direkt über 
sie hinaus gesprungen nnb hatte durch die der Hitze 
wegen offenen Thüren ungehindert das Freie gewinnen 
können. 
Tie Geschichte war aber doch ruchbar geworden, 
und Ihre Königliche Hoheit forderte Bericht. Der 
selbe wurde der Wahrheit gemäß abgefaßt und 
infolgedessen über die niedliche kleine Jane ander 
weitig verfügt. 
„Zu brauche war se jo net," meinte Kunz Schölten, 
als ich es ihm mitteilte, „das muß schon wahr 
sein, awer e ganz goldiges Schnuckelche war's doch, 
m'r konnt'm net bes sein." 
Ja, er hatte recht, der brave Kerl, denn noch 
einmal muß ich's wiederholen, ich habe nie in 
meinem Leben etwas Lieblicheres gesehen als diese 
Schwester Jane, das Engelchen.
	        

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