Full text: Hessenland (16.1902)

306 
Hessische Bücherschau. 
Neuling, Carlot Gottfrid. Der Schatzgräber. 
Bauerntomödie in 3 Akten. 94 S. (Theater- 
verlag Eduard Bloch, Berlin.) Preis Mk. 2.— 
Ich habe einmal in einem Essay über Renting darauf 
hingewiesen, daß er wohl Hesse, aber kein hessischer Dichter, 
kein Heimatsdichter ist. In dem vorliegenden Buch, das 
im Odenwalde bei Darmstadt spielt, vermittelt er uns 
nun zum ersten Male in seiner schriftstellerischen Wirksam 
keit die Bekanntschaft der Bauern seiner engeren Heimat — 
freilich auf eine etwas unerfreuliche Art. Denn Aber 
glauben. Sinnlichkeit. Taugenichtserei und all' die schönen 
Tinge, die Neulings neuestes Werk in seinen Charakteren 
zeigt, sind denn doch nicht die Wahrzeichen des Bauern 
tums. Es sind schon recht beschränkte Bauern, oder wenigstens 
ein recht beschränkter, der sich da. im Aberglauben an den 
großen Schatz, nasführen und bald um seine Frau betrügen 
läßt. Und der Seppl ist gar kein Bauer mehr. Das ist 
ein Schuft durch und durch — aber ihm geht alles das 
ab. was den echten Bauern ziert. 
Trotz alledem vermag ich inich des Werkes zu freuen, 
sticht im Sinne von Neulings Tendenz, sondern, daß wir 
wieder einmal den nicht unbeachtet zu lassenden Versuch 
haben, den hessischen Bauern, freilich von seiner unvorteil 
haftesten Seite, bühnenfühig zu machen. Die unvorteil 
hafte Seite ist wohl nicht ganz unbeabsichtigt gewählt. 
Denn — man lacht doch lieber über den dummen Bauern, 
als daß man die stille Größe, die in manchem gescheiten 
steckt, anerkenne. 
Der Dialekt des Stückes, das nebenbei gesagt am 20. 
September d. I. seine Erstaufführung im „Deutschen 
Theater" zu Berlin erlebte, ist wohl mit Rücksicht auf das 
Berliner Publikum stark gemildert. — Daß dasselbe 
Publikum, das dem frivolsten französischen Schwanke zu 
jubelt, dem Schatzgräber gegenüber auf einmal moralische 
Anwandlungen bekam, das läßt sich nur aus Psychologie 
der be—rühmten Berliner Theaterbesucher erklären. 
Akerander Würger. 
<»-<«>■ 
Holzamer, Wilhelm. Carnesie Colonna. 
Leipzig (Verlag von Hermann Seemann Nach 
folger) 1902. 
Tie sie mir gab. 
Dir geb' ich sie nun wieder. 
Erträumten Glückes 
Und stiller Sehnsucht Lieder. 
Diese der ganzen Sammlung vorgesetzten Verse lassen 
uns mehr als alle Worte den ganzen Inhalt des neuesten 
Buches von Wilhelm Holzamer erkennen. Lieder erträumten 
Glückes und stiller Sehnsucht — ein elegischer Hauch durch 
zieht das ganze Buch. Wilhelm Holzamer gehört zu den 
modernen Dichtern, die beachtet werden müssen. Er ist 
jetzt mit diesem Werke, wenn auch noch oft an seinen 
Meister Storm gemahnend, doch ein Eigener geworden. 
Hier findet er nun Töne tiefsten Schmerzes, aber auch 
ergebungsvoller Entsagung, wie sie die neuere Lyrik selten 
darbietet. Wie herrlich einfach ist z. B. das Gedicht „Das 
Grab", das ich statt jeder weiteren Ausführung hier ganz 
abdrucken will. 
Ich hab' ein Grab gegraben 
In einem stillen Grund. 
Da weint kein Auge Thränen. 
Da klagt kein trauriger Mund. 
Da ist es schweigend — öde. 
Die Schatten liegen weit. 
Und grau und starr am Wege 
Hockt da die Einsamkeit. 
Nur wenn die ersten Sterne 
Heben die Lider empor 
Und aus den drängenden Wolken 
Scheu lugt der Mond hervor. 
Geht ein seufzendes Wehen 
Durch das tote Thal — 
Das ist meiner weinenden Liebe 
Unstillbare Sehnsnchtsgual. 
Äkerander Würger. 
Personalien. 
Verliehen: dem Forstmeister a. D. König zu Friede 
wald der Rote Adlerorden 3. Kl. mit der Schleife; dem 
Gymnasialdirektor Dr. Baier zu Frankfurt a. M. der 
Rote Adlerorden 4. Kl.; dem Oberpostdirektor Geh. Lber- 
postrat H o f f m a n n und dem Landessekretär Henkel, 
beide in Kassel, die China-Denkmünze aus Stahl; dem 
Revierförster a. D. Reiß zu Lohra, den Hegemeistern a. D. 
Kniese zu Neukirchen und Röder zu Gensungen. den 
Förstern a. D. Meckbach zu Willersdorf und Vetter 
zu Wahlershausen, dem Eisenbahn-Betriebssekretär a. D. 
Roh de zu Kassel, dem Eisenbahn-Stationsvorsteher a. D. 
T e t e b e r g zu Wahlershausen und dem Eisenbahn-Betriebs 
werkmeister a. D. Knippschild zu Wahlershausen der 
Kronenorden 4. Kl.; dem Königl. Oberförster Sch roth 
in Rotenburg der Titel Forstmeister mit dem Range der 
Räte 4. Kl. 
Ernannt: Regierungsrat v o n A s ch o f f in Melsungen 
zum Landrat daselbst. 
Geboren: ein Sohn: Regierungsassessor Dr. Hans 
Fechner und Frau Paula, geb. Renner (Kassel, 
2. November). 
Versetzt: Landgerichtsdirektor Dr. Meyer in Magde 
burg in gleicher Eigenschaft an das Landgericht zu 
Kassel. 
Gestorben: Kurfürstlicher Hof-Silberverwalter a. D. 
Friedrich Junghenn. 78 Jahre alt (Wehlheiden-Kassel, 
1. November); Privatmann Joh. Dietrich Wein 
traut (Marburg, 1. November); verw. Frau Rentenbank 
sekretär Anna Wiese (Kassel. 1. November); Frau 
Gräfin Sophie v. Schlitz, gen. v. Görtz. 44 Jahre alt 
(Berlin. 2. November); verw. Frau Geh. Regierungsrat 
Luise Wenderhold, geb. Gleim (Kassel. 3. No 
vember); verw. Frau Gräfin Anna v. Schlitz, gen. 
v. Görtz. 75 Jahre alt (Schlitz. 5. November); Oberst 
leutnant z. D. Viktor Penther (Kassel, 7. November); 
Frau Frieda Großeurth, geb. Zwen ger, 50Jahre 
alt (Kassel, 8. November); Schriftstellerin Frau Luise 
Braun, geb. Stamm, 54 Jahre alt (Berlin, 9. No 
vember); Königl. Hofzahnarzt Karl Zimmer. 63 Jahre 
alt (Kassel, 9. November); Frau Antonie Daltrop, 
geb. Kneer. 55 Jahre alt (Kassel, 11. November); Privat 
mann Konrad Krauß, 66 Jahre alt (Kassel. 11. No 
vember). 
Für die Redaktion verantwortlich: W. Bennecke in Kassel. Druck und Verlag von Friedr. Scheel. Kassel.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.