Full text: Hessenland (16.1902)

Aus alter nnb neuer Zeit 
Die Kassel er „National garde" unter König 
Jérôme. In alten Papieren blätternd, fällt mir 
ein Schriftstück aus der westfälischen Zeit in die 
Hände, das heute nach fast 100 Jahren nur noch 
wenig bekannt sein dürfte, wenn es nicht vielleicht 
ganz der Vergessenheit anheimgefallen ist. Mit 
Veröffentlichung desselben glaube ich daher im 
Interesse der Allgemeinheit zu handeln. Außerdem 
aber wirst es aus die Prachtliebe und den Sinn 
Jérômes für das Äußerliche, sowie ans die ganze 
damalige Zeit so interessante und bezeichnende 
Streiflichter, daß ich glaube den Lesern dieser Zeit 
schrift einen Dienst zu erweisen, wenn ich im Nach 
stehenden den Inhalt bekannt gebe. Bemerken will 
ich noch, daß das Schriftstück sowie die Unterschriften 
Original sind. Die dritte Unterschrift ist sehr- 
verschnörkelt und schwer zu lesen, ich kann daher 
keine Verpflichtung übernehmen, ob sie richtig von 
mir gelesen wird. Das Schriftstück lalltet: 
„Seine Majestät der König haben, wie es der hiesigen 
Bürgerschaft bereits bekannt ist. zu wiederholten malen 
den Wunsch geäußert, die Casselsche National Garde 
uniforniirt zu sehen, ein Wunsch, der um so billiger er 
scheint, da die National Garden mehrerer benachbarten 
Städte, selbst die der Stadt Frankfurth, deren Souverain 
nur ein geistlicher Fürst ist. bereits mit Militärischer 
Kleidung versehen sind. 
Die der Stadt vorgesetzten Behörden haben diesen Wunsch 
Sr. Majestät zu der Kenntniß ihrer Bewohner gebracht. 
Indessen hat ihm die Mehrzahl derselben, uneingedenk, 
daß jener Wunsch jeden Augenblick in einen ausdrücklichen 
Befehl verwandelt werden kann. — daß in demselben für 
ächte Unterthanen schon ein hinreichender Antrieb zu seiner 
Erfüllung liegen sollte — bisher kein Gehör gegeben. 
Der Verwaltungsrath der National Garde im Verein 
mit der Municipalität glaubt daher der Bürgerschaft nicht 
verbergen zu dürfen, daß Seine Nlajestät in Gegenwart 
der angesehensten Staats-Beamten dem Herrn Maire von 
Ganstein persönlich ihre Unzufriedenheit darüber zu er 
kennen gegeben haben, und daß dieselben auch wohl aller 
dings ein ganz anderes Benehmen von denjenigen ihrer 
Unterthanen hätten erwarten können, die die unverkenn 
baren Vortheile der Residenz genießen; die das Glück haben, 
täglich ihren Souverain zu sehen, deren Handel und Wandel 
jetzt einen neuen vorher gänzlich unbekannten Flor erhalten 
hat, die die Producte ihrer Industrie theuer und gewiß 
absetzen können, und welche endlich die hohen Hausmiethen 
gegenwärtig beziehen. 
Erscheinen nicht die Einwohner von Gassei, die bisher 
nur Beweise der Liebe, Milde und des Wohlwollens ihres 
Monarchens aufzuweisen gehabt haben, als undankbar, 
verdienen sie nicht, daß ihnen die Königlichen Wohlthaten 
entzogen werden, wenn sie noch länger fortfahren, sich dem 
Wunsche ihres Souverain zu wiedersetzen, und ihrem eigenen 
Vortheil entgegen zu handeln ? Denn sehr leicht wäre es 
möglich, daß Seine Majestät überdrüßig ihre Wohlthaten 
an'Unerkenntliche zu verschwenden, den dringenden Bitten 
einer anderen großen Stadt unseres Königreiches Gehör 
gäbe, die die größten Aufopferungen nicht gescheut und 
Sie unzweideutigsten Beweise ihrer Anhänglichkeit an die 
Person des Monarchen gegeben hat, um dadurch würdig 
zu werden, seine Person in ihren Mauern zu besitzen. 
Endlich glaubt der Verwaltungsrath der National Garde, 
vereint mit der Municipalität der Bürgerschaft nicht ver 
bergen zu dürfen, daß Seine Majestät, wenn Vorstellungen 
keinen Eingang finden werden, wahrscheinlich ihr König 
liches Ansehen geltend machen, und die zuerst geäußerten 
Wünsche in einen ausdrücklichen Befehl verwandeln dürfte. 
In diesem Falle würde die Bürgerschaft also nur das 
unbedeutende Verdienst des Gehorsams haben, statt daß sie 
ihrem Souverain gegenwärtig durch freiwillige Uniformi- 
rung ihrer National Garde einen unzweideutigen Beweis 
ihrer Dankbarkeit für die Königlichen Wohlthaten, ihrer 
Anhänglichkeit an Seine geheiligte Person und ihres auf 
richtigen Leidwesens, nur einen Augenblick die höchste 
Unzufriedenheit auf sich gezogen zu haben, ablegen kann. 
Was wird aus der Stadt Gassei werden, wenn Se. 
Majestät ihre Residenz verlegten, wenn mit ihr die ersten 
Staatsdiener sie verließen? In dieser beunruhigenden und 
traurigen Lage der Sache hat daher der Verwaltungsrath 
der National Garde dem versammelten Municipal Rath 
der Stadt Cassel von dieser für die Einwohner beun 
ruhigenden Aeußerung Sr. Majestät des Königs sofort 
Kenntniß gegeben, und ist im Einverständniß mit dem 
selben beschlossen worden: die zur National Garde ein 
geschriebenen Bürger ungesäumt zu einer eigenhändigen 
Erklärung aufzuforden: 
Ob sie die Uniformen aus eigenen Mitteln, binnen 
14 Tagen, sich anschaffen können 
oder 
auf eine Unterstützung Anspruch machen 
und hofft der Verwaltungsrath der National Garde von 
dem Patriotismus und von der Rechtlichkeit der Gassel'schen 
Bürger ein angenehmes Resultat jener Erklärungen sich 
im Voraus versprechen zu dürfen. 
Die Glieder des Municipalraths haben sich, uni ihren 
Eifer zu Erfüllung der Wünsche Sr. Nlajestät an den 
Tag zu legen und um zugleich allen Nachtheil von der 
Stadt abzuwenden zu suchen, rühmlichst bereit finden lassen, 
gemeinschaftlich mit dem Herrn Quartier Commissarius 
jene Erklärungen zu sammeln und die Sache möglichst zu 
befördern. Zur Entfernung aller Mißverständnisse über 
den Zweck der National Garde, wird die verschiedenlich 
mündlich geschehene Versicherung hier wiederholt: 
„daß nach dem buchstäblichen Inhalt des Organisation 
„Decret der Zweck der National Garde schlechterdings nur 
„darin bestehen soll, um während der Abwesenheit und 
„bey nicht zureichender Garnison im Inneren der Stadt, 
„für die Erhaltung der Sicherheit der Person und des 
„Eigenthums zu wachen." 
Auch darf nicht unbemerkt bleiben, daß es zu hoffen 
steht, es werde die bereitwillige Erklärung zu Anschaffung 
der Uniformen auf die nähere Bestimmung über die jetzige 
starke Einquartierung einen für die Stadt wohlthätigen 
Einfluß haben. 
Cassel, den 26ten Februar 1810. 
Der Verwaltungsrath der National Garde der Stadt Cassel. 
Nein. Berenger. W. F. von Buttlar (?) Canstein. 
Rüppel. 
Wille. 
An 
Herrn Municipalrath Meyer u. Quartier 
Commissarius Mergard." K. M.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.