Full text: Hessenland (16.1902)

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wie er in der Bibel stand. Der kam nicht reumütig nach 
Haus, strunzte lieber als Fittch in der Welt herum. Lb 
die Christine auf den Jakob hatte anspielen wollen, weil 
sie alles so hübsch nachsprechen that? Schon möglich, sie 
war seelengut. Ihm war sell viel auf der Zunge gelegen, 
er hatte es aber Hinuntergeschluckt. Was sollt' er dem 
Mädchen oorlaincntiercn! Das verschloß man gottseben 
am besten in sich. Sie kannte den Jakob nur voiit Hören 
sagen, wußt' nicht, wie grundverdorben er war. An dem 
war alle Predigt verloren. Die Sünde nahm er auf sein 
Gewissen: Der Bnb war bei ihm ausgethan. — 
Vom Dorf her drangen abgerissene Klänge, der Wächter 
hörnte Mitternacht. Der Flnrschütz schlug einen Feldweg 
ein und näherte sich bcm Hollerbach. Auf dem Wasser 
lag ein Nebelstreif, darüber goß der Mond sein Licht. 
Ein Lüftchen hatte sich ausgemacht und trieb das Silber- 
gcfpinnst hin und her. Da formten sich seltsame Gestalten. 
Alraune und Wichtel, eilt ganzes Heer. Ja. wer an den 
Spnk noch glanben mochte. Bei Gott! Dort drüben regte 
sich was. Kein Heinzelmännchen, ein leibhafter Mensch. — 
Mit einem Satz sprang der Flurschütz über den Bach, 
ging einer schmalen Furche nach und sah den Wolfsacker 
vor sich liegen. 
Über den Grenzstein bückte sich ein Mann. 
„Wer da?" rief ihn der Flurschütz an. 
„Ich sein's", gab eine heisere Stimme zurück. 
Der Flurschütz war auf Schrittlänge herangekommen. 
„Hobach? Du?" 
„Ja. ich." 
„Was schaffst Du hier?" 
„Kümmert's Dich? Ich denk', ich steh'n auf meinem 
Grund." 
„Nachts?" 
„Jawohl, nachts." 
„Und lawerierst wieder da am Grenzstein herum?" 
„Was fällt Dir ein?" 
„Hobach. fass' ich Dich noch einmal, kommst Du unter 
drei Jahr' nicht weg." 
„Ich hab' den Grenzstein nicht angerührt." 
„Ich sag' Dir's in Gutem. Hobach, geh' heim." 
Der Mann machte keine Miene zu gehen. 
„Ich bleib'! Du hast mir nix zu kommandier'»." 
Jetzt donnerte der Flnrschütz ihn an: 
„Galgenstrick, gleich gehst Du mit!" 
Da zuckte der Justus Hobach zusammen, zog blitzschnell 
etwas aus der Tasche hervor und drang auf sein Gegen 
über ein. 
Des Flurschützen Adlerblick war ihm gefolgt. Im Nu 
sauste sein Knotenstvck nieder und traf mit Wucht des 
Gegners Kopf. Ein Messer fiel auf die Ackerscholle. Der 
Hobach aber schlug rücklings zu Boden, von seiner Stirn 
rieselte Blut. — 
Fernher rauschte der Hollerbach. Eine Eule flatterte 
über die Stätte und erhob ihr häßliches Geschrei. Es 
war so hell wie am lichten Tag. 
Der Flurschütz richtete den Getroffenen auf und band 
ihm sein Schnupftuch um den blutenden Kopf. 
Der Justus hatte ihm ans Leben gewollt, er hatte sich 
bloß seiner Haut gewehrt. So weit war's jetzt mit dem 
gekommen. Gestern aus dem Stockhaus entlassen, heut' 
ein wüster Mordgcsell. Wie ein Mensch sich sein Leben 
so verschütten konnte! Er kannte den Hobach von Kinds 
beinen an. Der trübte vordem kein Wässerchen, ging still 
und friedsam seiner Wege. Nun fiel ihm aus Erbschaft 
der Wolfsacker zu, der lange brach gelegen hatte. Und es 
passierte, daß er Sonntags sein Gewann beschritt und 
vermeinte, ein Streifen sei ihm abgezackert. Herrgott, wer 
hatte das pexiert? Das mußte vor Tag geschehen sein. 
Daneben lag dem Schmalbach sein Acker. Der schien auf 
einmal so merkwürdig breit. Schmalbach, Nimmersatt, 
daß Dich die Pest! Der Schmalbach leugnete alles ab. 
Die Sache kam ans Feldgericht. Das sprach den Friedrich 
Schmalbach frei und ließ alsbald einen Markstein setzen. 
Der Hobach war selbigmal ganz aus dem Häuschen und 
schlich wie verpicht um den Stein herum, Die Leute 
sprachen: Der schnappt noch über. Der Grenzstein ging 
ihm nicht aus dem Kopf. Und er griff wahrhaftig zu 
Hacke und Spaten und verrückte im Dusterlicht den Stein. 
Dabei hatte der Flurschütz ihn gefaßt nnd stracks dem 
Strafgericht überliefert. Drei Monat hatten sie ihn ein 
gesteckt. Drei Monat Gefängnis, das war hart. Unter 
den „Kochemern" war er völlig verwildert. Das sah man, 
wie er zum Messer griff. 
Der Flurschütz hob das corpus delicti auf und steckte 
es behutsam ein. 
Der Justus hatte einen Haß auf ihn, weil er der An 
geber gewesen war. Er hatte gethan, was sein Amt ihm 
gebot. Da gab's beileibe kein Berdutscheln. Und wenn's 
der eigene Bruder war. 
Selbigmal hatte er freilich seine besonderen Gedanken 
gehabt. Der Schmalbach war ein durchtriebener Kunde. 
Dem war eine Büberei schon zuzutrauen. Nun that das 
Feldgericht seinen Spruch. Dernacher hieß es: das Maul 
gehalteu. 
Der Hobach wollte sein gutes Recht und hatte sich 
schrecklich hineingerannt. Der Schmalbach, der Kujon, rieb 
sich die Hände. Wie's zuging unter dem Menschenvolk! 
Es war zum Lachen und Flennen zugleich! — 
Vor ihm lag der blutrünstige Mann. Da beschlich 
das Mitleid sacht sein Herz. Der da war gewiß der 
Schlimmste noch nicht. Die Menschen hatten ihn rabbiat 
gemacht. Und es liefen ihrer im Dorf herum, die schmuckeligcr 
waren wie der. Ans dem armen Teufel herumzutrampeln, 
war Skandal und Niedertracht. Wenn er sich sonst nur 
wieder aufrappeln that — was diese Nacht geschehen war. 
gelobte der Flurschütz sich, schwieg er tot. — 
Der Verwundete stöhnte leise. 
„Wie ist's dann?" fragte der Flurschütz besorgt. 
Der Mann war leicht verletzt, aber völlig zerknirscht. 
„'s hat mir nix gethan", sprach er dumpf vor sich hin.
	        

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