Full text: Hessenland (16.1902)

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Aus -ein Homan „Der Flurschütz" 
von Alfred Bock. 
(VII. Kapitel.) 
„Zehn, ihr Leut'!" rief mit schnarrender Stimme der 
lange Schorsch, der Nachtwächter zu Eschenrod. Darauf 
tutete er zehnmal in sein Horn. Ein fernes Echo gab die 
langgezogenen Töne zurück. Alles tag in tiefstem Schlaf, 
nach harter Arbeit brauchte der Körper Ruhe. — 
Zur selbigen Stunde verließ der Flurschütz seine Be 
hausung und trat seinen nächtlichen Rundgang an. Während 
der guten Jahreszeit hatte er mindestens einmal in der 
Woche sein Revier zu begehen, und er befolgte genau seine 
Instruktion. 
Unweit der Kirche kam ihm der lange Schorsch entgegen. 
„Daniel, weißt schon?" 
„Was?" 
„Der Hobach ist aus dem Kästchen kommen." 
„Sind dann dem seine drei Monat' schon um?" 
„Freilich." 
„Die Zeit vergeht, man weiß nicht wie." 
„He sieht gottserbärmlich aus." 
„Ja, das macht die Stockhausluft." 
Der Wächter trat nah' an den Flurschütz heran. 
„Was ich sagen wollt', Daniel, nehm' Dich in Acht. 
Der Justus hat's auf Dich gepackt." 
Der Flurschütz faßte den Knotenstock fester und sprach 
gelassen: 
„Ich fürcht' mich nicht." 
Er bot dem langen Schorsch die Zeit und schritt der 
freien Feldmark zu. 
Über dem GeierSberg stieg der Blond empor und streute 
sein Silber auf das Gelände. Rings Blütenschnee und 
Wohlgeruch. Da atmete man noch einmal so tief und 
fühlte innerst die Kräftigkeit, die aus Millionen Keimen 
drang. 
Wenn man jung war, sah man nur obenhin, wie schön 
unser Herrgott die Welt gemacht und dachte, das bleibt 
dir ewig lang. Ja fehlgeschossen, lieber Kumpan! Jahr 
um Jahr flog pfeilschnell dahin. und guckte man rechts 
und links sich um, war schon die halbe Kameradschaft fort. 
Und waS noch am Leben, war mehrenteils mürb. Kurios! 
Man hatte doch auch was auf dem Buckel und merkte 
noch nichts von Hinfälligkeit. — 
Er reckte sich unwillkürlich empor. Er kam halt von 
einer gesunden Art. Die trotzte stämmig Prall und Stoß. 
Was konnte am Ende das Quengeln helfen ? Alan 
that sein Mannwerk ohne Scheu und war zufrieden mit 
seinem Brot. 
Er hatte sich auch über nichts zu beschweren, seit ihm 
die Christine die Wirtschaft führte. Die war eine Schanzern, 
nicht zu beschreiben. In aller Herrgottsfrühe auf den 
Beinen, schurgelte sie bis in die Nacht, 's war eine Freude, 
ihr zuzugucken. Nur -blickte sie manchmal so trübetrostig 
drein. Ja, ja, das Kind! Sie hatte eben auch ihr Herz 
gespann. Das war unter den Mädcrchen ganz verschieden, 
die eine nahm so was auf die leichte Achsel, die andere 
kam nicht darüber hinweg. 
Die Stadtlent' wollten was Besseres sein lind schämten 
sich nicht ihrer Schuftigkeit, ein armes Mädchen zu Fall 
zu bringen und hernach in Kümmernis sitzen zu lassen. 
Da ging'S auf dem Land doch fittiger zu. War ein 
Bursche über das Schwabenalter hinaus, hatte er wie recht 
und billig seinen Schatz. „Passierte" etwas, so hielt man 
zueinander. Allenfalls wurde die Hochzeit verschoben, bis 
man im eigenen Haus zusammenzog. — 
Die Christine hatte halt Unglück gehabt. Darum achtete 
er sie gewiß nicht gering. Tie brauchte sich vor niemand 
zu versteckcln. Dahingegen stach sie gar manche aus, und 
trug sie erst ihren Sonntagstaat, konnte sie sich weitum 
mit den Frauenbildern messen. 
Putzig, daß er dafür noch Angen hatte, wo er doch 
schon in gesetzten Jahren war. Ein Lächeln flog über 
sein Gesicht. Die Alten wurden mit einem Mal giferich. 
Ter Katzenhannes voran. WaS war dem Hannebambel 
dann eingefallen ? Die Christine hatt' es ihm angethan. 
Zum Heiraten gehörten freilich zwei. Sie hatte ihn fix 
ablaufen lassen. Wie mochte wohl ihr Gusto sein? Der 
Katzenhannes war abgeblitzt, aber morgen konnte ein 
anderer kommen, unb eh' man sich umsah, war sie fort. 
Er zog die Stirne mächtig kraus. Sie hätte ihm jetzt 
doch gefehlt. Er hatte sich an sie gewöhnt. Schon wieder 
ein anderes Gesicht im Hans? O Jemine! Und dann 
wußte man nicht, wen man bekam. Wenn er ihr monat 
lich zwei Mark zulegen würde? Jawohl, das konnte gleich 
geschehen. Aber lag ihr denn wirklich an dem Lohn? Sic 
hob nur das Kostgeld für ihr Bübchen ab, das andere, 
meinte sie, stünd' gut bei ihm. Das war klar, am Geld 
hing sie nicht. Ja, wer ihre Gedanken ausknicheln könnte! 
Vielleicht war ihr gerad' seine Art kommod. Er schob 
ihr keinen Riegel vor, sie durfte hinlangen, wo sie wollte, 
just als ob sie die Bäuerin wäre. Und freundlichen Zu 
spruch hatte sie auch. Das verstand sich am Rand, wenn 
eins sich so plagte. Obendrein war sie nicht auf den Kopf 
gefallen, konnt' manchmal reden wie ein Buch. Wann 
war's dann gewesen? Ja, letzt am Sonntag. Er hatte 
sich einen Schliwwer in den Finger gerannt. Da war sie 
allein in die Kirche gegangen. Wie sie heimkam, that sie 
die ganze Predigt verzählen. 'S war die Geschichte vom 
verlorenen Sohn. Der Pfarrer hatte mancherlei zugesetzt 
und seiner Gemeinde ans Herz gelegt. Die Christine hatte 
kein Wörtchen vergessen, das floß ihr nur so aus dem 
Mund heraus. Er mußte alsfort an den Jakob denken, 
dann der war ja auch ein verlorener Sohn, aber keiner,
	        

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