Full text: Hessenland (16.1902)

„Unsere Zukunft birgt zwei heilige Güter: Freiheit 
und Liebe!" 
Das Schauspiel hat seinen Gang über die deutsche 
Bühne gemacht. Es ist nachher verschwunden, wie 
so viele Werke nach einer gewissen Zeit vom Schau 
platz abtreten müssen, um andern, vielleicht weniger 
guten Platz zu machen. Wo es gespielt wurde, 
erzielte es stets eine gewisse Wirkung und wurde 
beifällig aufgenommen. 
„Tie Prinzessin von Seftri" führt uns zurück 
in die Zeiten italienischer Kleinstaatelei. Es ist 
ein ganz ansprechendes Bild einer Zeit. die von 
neuen Ideen überholt worden war. Es ist ein 
Lustspiel feinerer Art, den historischen Lustspielen 
entsprechend, die uns namentlich aus dem Französischen 
in so ausgezeichneter, unübertroffener Weise über 
kommen sind. Die Figuren, an der Spitze der 
eitle Herzog von Sestri, der gar zu gerne unter 
die alte Herrlichkeit seines Herzoghutes zurückkehren 
möchte, der Erbprinz, der den Gedanken an Herr 
schaft ausgegeben hat und nur seinen Wissenschaften 
lebt, die Erbprinzessin, die aus politischen Motiven 
in eine Heiratsintrigue verwickelt wird, sie, um nur 
die drei Hauptpersonen zu nennen, sind von cha 
rakteristischer, lebenswahrer Zeichnung. Sie werden 
dann von einer ganzen Reihe von Nebenpersonen 
umgeben, die alle in ihrer Art treu gezeichnet sind, 
wenn auch ihre Notwendigkeit manchmal nicht zu 
erkennen ist. 
Es wäre wunderbar gewesen, wenn unser Dichter 
nicht auch ein Bändchen poetischer Schriften heraus 
gegeben hätte, das kommt doch gewöhnlich als erster 
Versuch. So war es auch bei Bock. Er hat seiner 
kleinen Sammlung „Gedichte" *) kein weiteres 
Bändchen mehr folgen lassen. Seine Begabung 
liegt ja wohl auf einem andern Gebiete, aber er 
braucht sich auch seiner Gedichte nicht zu schämen. 
Besonders möchte ich das kleine, aber tiefempfundene 
Gedicht aus Richard Wagners Tod hier erwähnen: 
Richard Wagner, zu dessen begeistertstem Anhänger 
sich Alfred Bock, wie auch aus jeder Zeile seines 
Buches „Deutsche Dichter in ihren Beziehungen zur 
Musik" **) hervorgeht, rechnen darf. Es zeigt uns 
den Romancier Bock, als den wir ihn bis jetzt 
betrachteten, von einer ganz anderen Seite, als 
feinsinnigen Essayist. Es ist eine einzig dastehende 
Sammlung, in der der Verfasser mit großer Genauig 
*) Dresden und Leipzig, E. Pierson's Verlag, v. I. 
**) Gießen 1900, I. Rickersche Buchhandlung. 
keit und liebevollem Sichversenken in das Wesen 
der von ihm behandelten deutschen Dichter, den 
Beziehungen nachgeht, die diese selbst zur Musik 
und zu den Strömungen auf musikalischem Gebiete 
ihrer Zeit hatten. Wo sich mir durch Beherrschen 
des ganzen Materials wie bei Lenau und Grill 
parzer Gelegenheit ergab, die Aufsätze kritisch durch 
zugehen, habe ich kaum einen Fehler oder eine 
wichtige Auslassung entdeckt. Plan erkennt überall 
das genaue Studium, das die Vorbereitung zu 
diesen Aussätzen gekostet. 
Das zweite dem wissenschaftlichen Gebiete an 
gehörende Buch Bocks sind die kulturgeschichtlichen 
Bilder „Aus einer kleinen Universitätsstadt".*) Sie 
sollen nach dem Vorwort „den Anteil Gießens au 
der Entwicklungsgeschichte des deutschen Geistes 
lebens" kennzeichnen. Dieser Einfluß ist ja nie 
mals. wenigstens zu den Zeiten, von denen die 
vorliegenden Aufsätze handeln, ein hervorragend 
großer gewesen. Es ist immer mehr die ins Kleine 
gehende, aber genaue Arbeit hier angefertigt worden. 
Und doch sind auch diese Aufsätze, die die Besuche 
Goethes in Gießen bei Professor Höpsner, die 
Studienzeit Klingers und Börnes in Gießen u.v.a.m. 
behandeln, interessant und hübsch zu lesen. Der Ver 
fasser führt uns bis zum Jahr 1848, wo Karl 
Vogt eine bedeutende, wenn auch etwas zweideutige 
Rolle im großen Trauerspiel inne hat. Von Wichtig 
keit ist besonders der fünfte Aufsatz „Fichte, Schleier 
macher und Professor Schmidt in Gießen" insofern, 
als hier bisher ungedruckte Briefe Fichtes und 
Schleiermachers, die sich in der Handschriftensamm 
lung der Universitätsbibliothek in Gießen befinden, 
abgedruckt werden. 
Wir stehen am Ende unserer Betrachtungen über 
einen oberhessischen Dichter, dem unsere Landes 
litteratur schon jetzt so viel zu verdanken hat. 
Seine dichterische Persönlichkeit stellt sich uns als 
eine durchaus selbstständige gegenüber. Er steht 
in der Vollkraft seiner Jahre und so können wir 
es nur wünschen, daß er lauge noch nicht aus der 
Höhe seiner Kunst angekommen ist, daß seine noch 
kommenden Werke nicht ein Absteigen sondern ein 
stetiges Weiterauswärtsschreiten bedeuten. Dies 
ist unser innigster Wunsch. Die warme Liebe des 
Dichters zur Heimat und ihren Bewohnern werden 
uns hoffentlich noch manches vollwertige Buch 
schenken. 
*) Gießen o. I. Verlag von Emil Roth.
	        

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