Full text: Hessenland (16.1902)

Alfred Bock. 
Von A l e x a n d e r B u r g e r. 
lSchluß.) 
B ock hat in seiner Thätigkeit als Fabrikant Gelegen 
heit genug gehabt, die städtische Arbeiterbevölkerung 
zu studieren. Eine Frucht dieses Studiums war 
der vorliegende Roman „Bodo Sickenberg", der 
uns mitten hinein in das Getriebe einer großen 
Zigarrenfabrik versetzt. Mit großer Liebe und 
Sachkenntnis hat uns der Dichter ein Bild des 
geschäftlichen Lebens und Treibens gegeben. Auch 
hier stehen sich natürlich die Kontraste schroff gegen 
über. Ter Chef der Fabrik Sickenberg, ein junger 
ideal veranlagter Manu — der Vorarbeiter Mispel- 
baum, der das Vertrauen seiner Arbeitsgenossen 
mißbraucht und schauerlichen Betrug verübt, es sind 
nur zwei, vielleicht die am feinsten herausgearbeiteten 
Personen des Romans. Die schönsten Kapitel sind 
auch hier die, in denen der Dichter die niederen 
Kreise des Bolkes schildert. In technischer Hinsicht 
stehen die drei erstbesprochenen Romane zweifellos 
höher. Das Volkstümliche scheint die Domäne 
Bocks zu fein, hier fühlt er sich wohl und mit 
ihm der Leser, der das innige Vertiefen in den 
Volkscharakter dankbar anerkennt und dem Dichter 
mit Vergnügen znm höchsten Verdienst anrechnet. 
Ich weiß ja nicht, ob der Roman „Bodo Sicken 
berg" auf Thatsachen basiert. Das aber weiß ich 
und jeder, der in Gießen, der Heimat des Dichters, 
bekannt ist. daß hier das Leben und Treiben seiner 
Vaterstadt aus das genaueste geschildert ist, etwa 
wie dies in dein Schauspiel Bocks „Der Gymnasial 
direktor', auf das ich noch kurz zu sprechen komme, 
geschehen ist. 
Die Reihe von Romanen, die uns Alfred Bock mit 
immersteigendem technischen Können geboten hat, wir 
vermögen seine Entwicklung zu immer reinerer Kunst 
an der Reihe „Bodo Sickenberg (1900)", Tie Pflaster 
meisterin (1901)", ..Der Flurschütz (1902)" zu er 
kennen, — wollen wir in unserer Besprechung be 
schließen mit der 1898 erschienenen Sammlung von 
Novellen „Wo die Straßen enger werden"*). Es sind 
hier sechs Novellen zu einem Bande vereinigt. Schon 
der Titel deutet an, daß nicht die Großstadt mit 
ihrem Lebe» und Treiben oder die vornehme Welt 
als Schauplatz dient, sondern daß die Erzählungen 
sich da abspiegeln, wo „die Straßen enger werden", 
wo die kleine Stadt ihre Rechte hat und der kleine 
Mann wohnt. Die Eigenart Alfred Bocks lassen 
diese sechs Novellen nicht erkennen. Es sind hübsch 
geschriebene Geschichten. nicht mehr und weniger. 
*) „Wo die Straßen enger werden". Geschichten von 
Alfred Bock. Neue Ausgabe 1901. Berlin. F. Fon 
tane & Co. * ■ 
Für den Meister Bock, den Meister, wie er sich 
in seinen Heimatromanen zeigt, ist die Sammlung 
völlig belangslos. Man wird es deshalb verzeihen, 
wenn ich mit diesen wenigen Worten über das 
Buch hinweggehe. Es geschieht nicht aus dem 
Grunde, weil Gutes davon nicht zu sagen ist und 
Schlechtes nicht gesagt werden soll, sondern einzig 
und allein, weil es uns keine neue Eigenart des 
Verfassers, keine neue Seite seines Talentes er 
kennen läßt. 
Von den fünf Lust- und Schauspielen, die unser 
Dichter geschrieben, haben sich zwei einer größerell 
Aufmerksamkeit erfreut: das Schauspiel „Ter Gym 
nasialdirektor" *), das er mit Eugen Zabel zu 
sammen schrieb, und das Lustspiel „Die Prinzessin 
von Sestri".**) Das erstgenannte Stück ist uns 
besonders interessant wegen seiner Tendenz. Es 
behandelt, wie schon in diesen Blättern erwähnt, 
lange vor Dreyer, Otto Ernst u. a. Fragen aus 
dem Lehrerleben. Bock hat hier äußerlich an die 
bekannten unglückseligen Verfehlungen, die eine 
Anzahl Schüler des Gießener Gymnasiums sich zu 
Schulden kommen ließen, angeknüpft. Ich darf 
wohl mit Recht annehmen, daß die Idee zu dem 
Stücke von Bock, der ja aus nächster Nähe die 
That und ihre Folgen beobachten konnte, ausging. 
Ich habe das Stück s. Zt. in einer prächtigen Dar 
stellung im Frankfurter Schauspielhaus gesehen. 
Bauer spielte den Direktor, den Schulmonarchen, 
der aber noch ein Herz hat für die Jugend und 
ihre Wünsche und Bedürfnisse, der trotz seiner 
Gelehrsamkeit — er war in Berlin und hat „so ’n 
großes Buch über Shakespeare" geschrieben —, doch 
noch üicht genug Bücherstaub geschluckt hat, um 
gegen die Liebe gefeit zu sein. Mit der Liebe 
kommt der Konflikt. Liebe und Pflichtgefühl — 
beide zu vereinigen, danach strebt er. Und es gelingt 
ihm nicht. Äußere Einflüsse sind stärker wie er 
mit feinem strengen Gefühle von Recht und Pflicht. 
Er fühlt selbst, daß mit dem Moment, wo der 
Mensch in ihm hervortritt, wo er sich mit der 
Mutter des jungen Mannes verlobt, deren Sohn 
der freilich unschuldigere Teilnehmer eines Diebstahls 
ist, daß mit diesem Moment der Direktor seine Stel 
lung der Welt gegenüber nicht mehr behaupten kann. 
Und er geht, um nur noch seiner Liebe zu leben. 
*) Eugen Zabel und Alfred Bock: „Der Gym 
nasialdirektor." Schauspiel in 4 Aufzügen. Fontane & Co. 
Berlin 1896. 
**) „Die Prinzessin von Sestri." Lustspiel in 3 Auf 
zügen. Fontane & Co. Berlin 1900.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.