Full text: Hessenland (16.1902)

Größer und stärker werden indessen die Kleinen, i 
Ist der Frühling eingekehrt, sitzt uns dem Tuche 
der Buchfink, der im Winter kläglich sang: „Ban'r, 
Bau'r, laß mich in dein' Schi ier! (Scheune)" 
und ruft übermütig: „Bau'r, Ban'r, ich — flieg' 
über dein' Schier!", läßt die Meise ihr „Spetz die 
Schar! Spetz die Schür, mürn wann mer on Acker 
führe!" vernehmen, und das Huhn ruft munter: 
„Gütz, gätz, geleht! De Sommer muß ich Eier 
lehng, em Wenter muß ich barwes (b'arfuß) geh, 
eß düs erlebt, erlebt, erlebt?!" Tann hält es 
auch die Kinder nicht länger in den vier Wänden. 
Scharenweise sammeln sie sich wie die Böglein aus 
der Wiese zum Spiele. Da klingt's gar lustig: 
Kriechen sie durch den Busch. 
Meine Mutter hat geschlagen 
Mit dem Stock 
Ein Loch in Kopf, 
Das darf ich niemand sagen. 
Tie Kinder marschieren im Gänsemarsche auf, 
wobei das nächstfolgende immer das vorhergehende 
am Rocke anfaßt. Zwei bilden den „Busch", indem 
sie sich an beiden Händen gegenseitig ergreifen. Alle 
Mitspielenden kriechen unter ihren hochgehobenen 
Händen hindurch, bis auf den letzten, der vom 
„Busche" festgehalten wird. Auf die Frage „Wurst 
oder Speck?" „Himmel oder Hölle" entscheidet er 
sich für eine Partei. Sind durch wiederholtes 
„Durchziehen" alle Kinder verteilt, saßt die Ab 
teilung „Wurst", wovon sich die einzelnen Kinder 
um den Leib oder an den Kleidern festhalten, die 
Gegenpartei „Speck", die sich ebenso widerstands 
fähig gemacht, und nun kommt's zum Ziehen. Das 
Häuslein, welches verliert, wird mit dem Zeter 
geschrei „Verloren! Verloren!" verspottet. 
Einige Jungen schneiden nun Weiden, um Pfeifen 
und „Hoppen" (vergl. die Hoboe, Oboe), auch 
„Buzen" genannt, daraus anzufertigen. Beim Los 
schlagen der Weidenrinde sprechen sie: 
Sift, Saft, Sejre, 
De Hüngd „macht" *) Krejre, 
De Hüngd macht Witze. Watze, 
Sächze Häller es in Batze. 
„Motter geb m'r Reiche (Nadel)!" 
„Büs wet de met^dem Nelche ?" 
„Säckche flecke." 
„Büs wet"de met^dem Säckche?" 
„Stenerche (Steinchen) läse." 
„Büs wet^de met^de Stenerche?" 
„Belche wärfe." 
„Büs wet^de met^dem Belche?" 
"Brore." 
Bans net gerot, sons die dolle Hünge 
On die welle Rüwe frässe. **) 
*) Der eigentliche Ausdruck unwiedergeblich. 
**) In der Hersfelder Gegend fingen die Kinder beim 
Verfertigen der Pfeife: 
Weide, Weide, Weifchen. 
Ich schlag' dich auf das Pfeifchen, 
Jetzt sondern sich die Knaben wieder ab, um 
Reiterball zu spielen. Je ein Knabe ist „Pferd",ein 
anderer „Reiter". Der Ball wird von den Reitern 
so lange zum Fangen hin und her geworfen, bis 
er zur Erde fällt. Die „Pferde" suchen nun die 
„Reiter" zu treffen, gelingt's, so wechseln die 
Parteien. 
Die Mädchen, beharrlicher wie die Buben, singen: 
Gute» Morgen, Herr Spielmann, 
Wie geht es denn dir. 
Mit der kleinen Violine, 
Mit dem großen Bvmbom? 
Es rasseln die Schellen, 
Es klappert der Topf, 
Es tanzen die Mädchen einen Galopp. 
Alle erforderlichen Bewegungen, die Instrumente 
zu spielen, werden ausgeführt. 
Als Glanznummer steigt die „schauderhafte, höchst 
traurige" (ähnlich aus anderen Gegenden bekannte) 
Geschichte: 
„Johanna saß am breiten Stein." 
Tie Jungen sind jetzt das Ballspiel überdrüssig 
und wenden sich dem „Krichchen" (Haschen) zu. 
Jeder weiß einen Zähl reim, um festzustellen, wer 
zuerst das Amt des Läufers übernehmen soll. Lange 
können sich die Kampfhähne nicht darüber einigen, 
welches der schönste sei. Wir entscheiden den Streit 
ebensowenig, sondern lassen einige der kürzesten 
Reime hier folgen: 
1. Ännche, Sänuche. sitt^chc sah, 
Emmche, Behmche, knall. 
2. Äbelche, bäbelche, wie, wa, wäck. 
3. Eje, weje. 
Du sät greje. 
Du sät lurn, 
Buchstaburn. 
Die Mädchen bilden jetzt eine bunte Gruppe, die 
einen stehen, andere sitzen auf dem schwellenden 
Rasen und geben sich gegenseitig neue und alte 
Rätsel auf. Auch davon möge sich eine Auslese 
hier anreihen: 
1. Guckuck, Hitzegeber. Wohlleber. Was ist das? 
sFenster, Ofen, Brotkasten.) 
Wenn du nicht gerätst, 
Dann werf' ich dich in den Graben 
Bei die wilden Raben, 
Bei die wilden Witzen-Watzen, 
Daß sie dir die Augen auskratzen. 
(Salzmann: Die Hersfelder Mundart, S. 106.) 
Und in der Wetterau singen sie: 
Saft, Saft, Sinn! 
Koarn i die Münn (Mühle). 
Stüb \ die Bach! 
Dout nun Paifche 
'n healle Krach.
	        

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