Full text: Hessenland (16.1902)

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mit wärmster Teilnahme verfolgt. Als sic von 
dem großen Beifall las, den der fehl bereits be- 
rühmte Geigenspieler Mellinor in einer Anzahl 
Konzerte errang, war es ihr so selig zu Mut ge 
wesen, als habe sie selbst diesen Sieg errungen. - 
Da las sie einige Wochen nach der Flucht ans 
dem Hanse der Tante in der Zeitung einen kurzen 
Bericht über Mellinors Verlobung mit einer be 
rühmten Klavierkünstlerin. Zuerst durchflog Stanzchen 
ein Gefühl beglückender Freude. Als sie jedoch 
den mit großer Zurückhaltung geschriebenen Aussatz 
zum zweitenmale las und die seltsamen Bemerkungen 
über das Vorleben der hochbegabten Künstlerin 
ernster überdachte, fiel ihr plötzlich ein, was vor 
etwa einem halben Jahre von der Dame in einem 
großen Berliner Blatte stand. Sie war infolge häß 
licher Vorkommnisse von ihrem Gatten geschieden 
worden, hatte viel Schulden gemacht und auch 
außerdem durch abenteuerliche Streiche ihren Charak 
ter nicht in bestem Lichte gezeigt. 
Tie Erinnerung hieran fiel Stanzchen schwer 
aufs Gemüt. Wie gerne hätte sie dem im Stillen 
immer noch angebeteten Lehrer eine bessere, wenigstens 
eine achtbare Frau gegönnt. Tenn der Künstler- 
ruhm der Erwählten vermochte trotz des Mädchens 
Begeisterung für die Musik sie über solch verhängnis 
volle Eigenschaften nicht zu beruhigen. 
Warum hatte Mellinor nur sie auserkoren? Er 
bewahrte doch sonst so strenge Grundsätze und 
verlangte früher immer von talentvollen Menschen, 
namentlich aber von Künstlerinnen, eine tadellose 
Führung. Hatte ihn die Frau durch ihre Schön 
heit verblendet? War sie vielleicht besser wie ihr 
Nus? Allein auch, wenn dies zutreffen sollte, ver 
mochte sich Stanzchen keineswegs über die Ver- 
<£>. 
Aus alter un 
Du», Frmrenlrreuz im Kinzrnlmcher Mal-.*) 
Im Kinzenbacher Wald findet sich ein Stein, 
der die Bezeichnung X. W. 1771 Frauen f trügt. 
Er steht vermutlich an Stelle eines älteren Kreuzes, 
zu dessen Errichtung nach der Sage folgender Anlaß 
geführt haben soll: Auf dem Schlosse zu Nassau- 
Weilburg wohnte einst der reiche Graf Otto mit 
seiner Gemahlin Jutta, denen nichts an Erden 
glück zu fehlen schien. Lästerzungen suchten dem 
Grafen allerlei Reden von der Untreue seiner 
Gemahlin zuzuraunen. Nur zu leicht lieh der 
Graf den Verläumdern das Ohr. Ein Besuch bei 
*) Kinzenbach Dorf nordwestlich von Gießen, int Kreise 
Wetzlar. 
lobnng zu freuen. Erweckte es ihr doch auch peinliche 
Empfindungen, daß die Braut, wie es in dem Be 
richte hieß, beinahe die Mutter Mellinors sein 
könnte. Da aber nun an der Thatsache nichts mehr 
zu ändern war, wollte sie sich auch keine Gedanken 
mehr darüber machen und das Beste hoffen. 
Dieser Vorsatz war aber leichter gefaßt als aus 
geführt. Ganz gegen ihren Willen kam ihr die 
Verlobung immer wieder in den Sinn und weckte 
Unruhe und nagende Zweifel in ihrem Inneren. 
Vergeblich wehrte sie sich gegen eine immer mehr 
über sie Herr werdende Verstimmung, die sie der 
artig ergriff, daß es sich wie ein Schleier auf ihr 
ganzes Wesen legte. 
Ties Versenktsein in sich selbst, diese Teilnahm 
losigkeit gegen Freuden und Vergnügungen der 
Jugend hielten manche Leute, auch Frau Bettys 
ehemaliger Vormund, für aufrichtige Reue und 
einen Wandel zum Guten. Der Mann überwand 
deshalb den angeborenen Widerwillen gegen ein 
weibliches Wesen von Stanzchens Art, machte sich 
klar, welch ansehnliches Vermögen sie von ihrer 
Mutter bekomme, und erinnerte Meister Müller eines 
Tages an das ihm vor Jahren gegebene Versprechen. 
Der Letztere war denn auch sofort bereit, sein 
Wort einzulösen. Kam doch die Werbung Schreiner- 
meister Peters seinen geheimsten Wünschen entgegen. 
Mit einem Gefühl drückenden Unbehagens, ja oft 
sogar mit geheimer Angst dachte Müller an die Zu 
kunft seiner Tochter. Was konnte ihm deshalb will 
kommener sein als der Antrag eines Ehrenmannes, 
der ein gutes Geschäft und daneben auch die Fähig 
keit besaß, einem überspannten Frauenzimmer zur 
richtigen Zeit den Kops gehörig zu recht zu setzen. 
(Schluß folgt.) 
:b neuer geit. 
einem befreundeten Nachbar im oberen Lahnthal 
führte Mann und Frau allein durch den Kinzen 
bacher Wald, während die Diener dem Wunsche 
des Grasen gemäß in einiger Entfernung nach 
folgten. Schweigend schritt mit finsterem Blick 
Gras Otto neben seiner Gemahlin dahin. Immer 
dichter schließen sich die Bäume; öde und düster 
wird der Waldpsad. Jutta wagte nicht, das 
Schweigen ihres Gemahls zu unterbrechen. Doch 
plötzlich bleibt dieser stehen, herrscht sie an und 
spricht: „Du kannst, Unwürdige, eine Gnade dir 
verdienen, wenn du mir hier gestehst, wie schändlich 
du mir die Treue brachst!" Mit diesen Worten 
setzte er den Dolch aus die Brust der Ahnungs 
losen. Starr vor Entsetzen schweigt ihr Mund
	        

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