Full text: Hessenland (16.1902)

dichtung, Ursprünglichkeit und Ungezwungenheit 
strahlen ihre blitzenden Augen, Lebenslust atmet 
ihr kirschroter Mund. Was zunächst den Titel 
betrifft, so ist hierzu zu bemerken, daß derselbe nur 
insofern gerechtfertigt erscheint, als diese Strophen 
und Liedchen in besagter Gegend gesammelt wurden. 
Ter Bezirk, in dem die einzelnen in gleicher oder 
ähnlicher Form bekannt sind, dürste sich jedoch 
über das ganze Hessen und weiter erstrecken.*) Unser 
Sammelgebiet gleicht einem Acker, von dem leider 
trotz seines relativen Reichtums vielleicht das Beste 
verschwunden ist. Anderes erscheint so verunstaltet, 
daß seine ursprüngliche, wertvollere Form kaum 
noch erkannt oder wieder hergestellt werden kann. 
Ost mußten zwei Halbe zu einem Ganzen vereinigt 
oder verschiedene Lesarten verglichen resp. verschmolzen 
werden, um zum Ziele zu gelangen. Nur hier und 
da liegt eine volle Ähre. Bei der Auswahl wurde 
darum so zu Werk gegangen, wie es ungefähr eine 
Ährenleserin thut, sie nimmt aus, was ihr des 
Bückens wert erscheint. Wie weit jeder Griff ge 
lungen, muß freilich dahingestellt bleiben. 
Tie Form der Liedchen bietet nichts Besonderes, 
es ist vielmehr die dem Bolksliede eigentümliche, 
reich an treffenden Bildern und kühnen Vergleichen, 
fast durchweg von verblüffender Einfachheit. Merk- 
würdige Wortbildungen kennzeichnen besonders einige 
Rätsel in der Mundart. Als interessant, ebenfalls 
der Volkspoesie eigentümlich, sind die „Reimketten" 
hervorzuheben, bei denen die folgende Zeile immer 
mit dein Reimwort der vorhergehenden beginnt, 
dieselbe in der Umstellung wiederholt, um erst in 
der nächsten Reihe den Gedanken weiterzuspinnen. 
Bei der Niederschrift wurde sich in der Regel des 
leichteren Verständnisses halber des Hochdeutschen 
bedient, der Dialekt trat in sein Recht, wo auch 
von den Kindern die „Rengmeln" ausschließlich in 
der Mundart gesprochen werden oder wo eine 
Wiedergabe in hochdeutscher Sprache aus Schwierig 
keiten stieß. 
Zum Schlüsse ist vielleicht auch die Bemerkung 
nicht überflüssig, daß bei Beurteilung dieser Proben 
volkstümlicher Kinderpoesie sich dieselben von Kinder 
mund gesprochen (gesungen) zu denken sind; 
Lebensodem weht dieser Gedanke den toten Buch 
staben ein! 
Die Reihenfolge der Darbietungen ist an Vor 
gänge aus dem Kinderleben zwanglos angeschlossen. 
In der Wiege schläft klein „Ankäthrengche". Bruder 
„Hansklesche" reitet indes den Besen aus, sein 
*) Vergl. auch „Kasseler Kinderlieber" von l)r. G. Es- 
knche und I. Lewalter, „Hessenland" 1891, Nr. 14 ff. 
Die aus dieser wertvollen, auch in Buchform (bei Ernst 
Huhn, Kassel) erschienenen Sammlung schon bekannten 
Lieder sind größtenteils hier fortgelassen. D. Red. 
Steckenpferd. Anfangs geht's, wie strengstens an 
befohlen, ziemlich „dusement" her, bald aber wird 
das „Hop-kalop" immer kräftiger, und der Stoß, 
der jetzt beim Schwenken die Wiege erzittern macht, 
ist auch kein Einschläferungsmittel. Ankäthrengche 
wird munter und läßt alsbald ihr kräftiges Organ 
hören. Die Mutter setzt geschwind die Wiege in 
Thätigkeit. Dabei singt sie jene Liedchen, wie sie 
eben nur einer Mutter allliebendem Herzen entströmen 
können. Bald sind es nur Töne, bald einzelne 
Strophen oder ganze Lieder. Da singt sie vielleicht: 
So, so, söuse. 
De Hotzelmann es dröuse. 
Hä lest d's Güßche ros on räb: 
Er Weiwer fest m'r Hützeln ab. 
Oder: 
So, so, söuse, 
Eiwel (Oberaula) leit bei Höuse (Hausen), 
Schwazebän leit no d'rbei, 
Kacht d'm Kengche Häschebrei 
On e besche Botter brof, 
Gett d's Mejlche schnipp schnapp of. 
Bald lallt das drollige Bürschlein, das Paus 
bäckige Mägdlein mit und der Vater oder der 
Ellervater (Großvater) nimmt's auf den Schoß 
oder aufs Knie und schankelt's, und auch ihm fallen 
die Verslein längst entschwundener Tage ein. Wie 
wunderlich, halb Rede, halb Gesang, tönt's aus 
seinem Munde: 
Troll, troll, treppche, 
Sure Kohl eus Deppche, 
Eier on Späck ens Pännche, 
Gets e wacker Männche. 
Endlich sprechen die Kinder selber manches wohl 
ziemlich sinnlose, aber trotzdem nicht wertlose Vers 
lein, weil dadurch die Sprachwerkzenge ihre erste 
Übung erhalten. Daneben füllt bei dieser Gelegen 
heit der erste Klang der Poesie in die kindlichen 
Herzen, um dann lebenslang darin sortzutönen, 
leise, leise, bis das Menschenherz selbst stille steht' 
Auch hiervon eine kleine Auslese: 
Bätsche, bätsche Küchelchen. 
Mir und Dir ein Schühchelchen, 
Mir und Dir ein Hellerchen, 
Sind wir zwei Gesellerchen. 
Hänsche von Wier (Wiera!) 
Stell Linse beis Fier (Feuer), 
Kach Arwes (Erbsen), fach Ärwes, d's Kann (Korn, Roggen) 
es so dier (teuer). 
Ein e 
Seilg m'r en Ste (Steina), 
Em zwo 
Seng m'r do, 
Em drei 
Äffe m'r de Brei, 
Em vier 
Trenke m'r d's Bier, 
Em sens 
Komme die Wels, 
Em sächs 
Kemmt die Häx, 
Em sewe 
Seng m'r dreive, 
Em ächt 
Wäds Nacht. 
Em neng 
Trenk m'r de Weng, 
.Ein zah 
Es alles geschah. 
Em elf, zwelf, drekze, vätze 
Well inse Mäd schätze.
	        

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