Full text: Hessenland (16.1902)

Briese eines hessischen Offiziers aus Amerika 
Mitgeteilt von Karl Alexander Freiherrn Scheuet zu Schweinsberg. 
D ie nachfolgenden Briefe, die aus den Jahren 
1776 und 1777 stammen, wurden von dem 
Kapitän Max Michael vonOreilly*) an den 
Baron Milchling von Schönstüdt geschrieben, 
auf dessen Gut Oreillys Gattin Trinette, eine 
geborene Milchling von Schönstüdt und Nichte 
des Vorgenannten, sich während des damaligen 
amerikanischen Krieges aufhielt. Die sehr leb 
haften genauen Schilderungen geben ein getreues 
Bild der Kampfesweise der beteiligten Völker, 
sodaß ihr Inhalt, der nach den französischen 
Originalbriefen im Auszug wiedergegeben wird, 
von bleibendem Interesse sein dürfte. - 
Lager von Laug Island bei Newtown, 
31. August 1776. 
Zum ersten Btale, mein lieber Schönstüdt, habe 
ich einen Augenblick Zeit, Ruhe und die nötigen 
Utensilien, um einen Brief zu schreiben, seit wir 
in Amerika angekommen sind. In aller Eile und 
so klar wie möglich werde ich Ihnen mitteilen, was 
wir in diesem neuen Erdteil fertig gebracht haben; 
denn um. eine genaue, systematische Darstellung zu 
geben, warte ich bis aus die Winterquartiere, anders 
ist es unmöglich, da man die Abfahrt eines Schisses 
nur wenige Stunden vorher erfährt, oder dann 
gerade aus dem Marsch ist. Also zur Sache: Am 
14. August wurden wir bei Staaten Island aus 
geschifft; hier erfrischten sich unsere Soldaten so 
gut wie möglich, da die Engländer weder mit Brot 
noch Gemüse versehen waren, und der größte Teil 
der Einwohner seine Wohnungen verlassen hatte. 
Da bis jetzt, erstaunlicher Weise, nach keine Feld 
bäckerei eingerichtet ist, so sind wir noch gezwungen, 
Schiffszwiebäcke zu essen. Am 21. d. M. wurden 
wir bei Redchef auf die Schiffe verladen, aus denen 
unser ganzes Bataillon die Nacht zubrachte. Den 
folgenden Tag, 22., wurden wir aus Floße, deren 
jedes eine Kanone hatte, ausgeschifft. Drei Kriegs- 
sregatten bedeckten uns; wir landeten Angesichts 
einiger feindlichen Pikets, die es nicht für ratsam 
hielten, uns anzugreifen. Den 23. hatte unser 
*) Max Michael von Oreillp stand nach dem Staats 
handbuch von 1776 als Kapitän im Regiment von Trüm- 
bach, Standquartier Hofgeismar. Eelking in „Die deutschen 
Hilfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege 
1776—1783" führt ihn als zum Grenadierbataillon von 
Lengerke gehörend an. 
Bataillon den ersten Borpostendienst im Angesicht 
des Feindes, der in einem großen Walde vor uns 
Stellung genommen hatte. Die ganze Küste ist 
von den gefürchteten Riflemen in einer ungefähren 
Stärke von 3000 Mann besetzt. Sie haben Büchsen, 
ungefähr so wie die deutschen, aber von einer 
außerordentlichen Länge; sie schossen 40 Stunden 
lang aus uns und die Donopschen Jäger, wie die 
Kroaten auf dem Bauche durch die Felder kriechend. 
Mehr als 2000 Schüsse, die sie abgaben, hatten 
blos die Wirkung, 12 unserer Leute zu verwunden 
und einen Jäger zu töten. Sie gaben einige Kanonen- 
und Bombenschüsse ab. aber ohne Erfolg. Unser 
Bataillon lag hinter einer Hecke, in der Hoffnung, 
sie aus die Ebene herauszulocken, aber nein, es kam 
nicht zum Gefecht, und das Bataillon Minigrode 
löste uns ab. Herr v. Donop setzte oft sein Leben 
ein, die Jäger töteten ungefähr 12 dieser Helden, 
und unser Bataillon gab keinen Schuß ab. Einem 
englischen Offizier, der auf unseren rechten Flügel 
kommandiert war, durchbohrte eine Kugel die Nase. 
Ich kann Sie versichern, daß ihre Kugeln uns auf 
1000 Schritte um die Kopse flogen. Sie können 
sich denken, wie unsere hessischen Grenadiere aus 
Wut mit den Zähnen knirschten, daß sie an diesen 
Kerlen nicht Rache nehmen konnten; aber dazu 
sollte es bald kommen. Tag und Nacht hörte man 
nichts als das Gewehrseuer aus den ungeheueren 
Wäldern, die unserm und dem englischen Lager 
wie ein Halbmond gegenüber lagen. Endlich stellten 
sich uns diese berüchtigten Riflemen, welche die 
amerikanische Fabel zu Helden stempelt. Sie be 
drohten uns aus dem Wald und manchmal sogar 
in der Ebene. Sie höhnten unsere Vorposten, in 
dem sie dieselben anriefen, doch näher zu kommen. 
Sie wissen ja, daß das Gefecht von Bunkershill 
und die englischen Zeitungen diese Braven sämtlich 
zu Herkulessen erhoben haben. Ja, ich muß voraus 
schicken, daß nachdem ich 1 — 2 Deserteure der 
Rebellen gesprochen habe, dieselben mir sagten, daß 
sowohl in der Armee von Washington als auch in 
New Hvrk man eine entsetzliche Beschreibung der 
Hessen gemacht habe, indem man den Rebellen vor 
spiegelte, daß wir grausame, blutdürstige Barbaren 
seien, aber blos dann, wenn wir ihnen überlegen 
wären, und Washington dieselben so viel als mög 
lich aufstachelte, uns zu besiegen. Wahrlich, mein
	        

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