Full text: Hessenland (16.1902)

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Aus alter und neuer Zeit. 
LclmiSrettuiig durch eine Geburts 
tagsfeier. Vor der Errichtung des neuen, statt 
lichen Universitütsgebändes in Marburg, welches im 
Sommer 1879 feierlich eröffnet wurde, pflegten die 
dortigen Professoren, mit Ausnahme derjenigen der 
Medizin, welchen die Räume des Anatomiegebäudes 
zur Verfügung standen, ihre Vorlesungen in ihren 
Privatwohnungen abzuhalten, in welchen sie sich zu 
diesem Zwecke geeignete Hörsäle einrichten mußten. 
Denn das schon im Jahre 1521 bei der Gründung 
der Universität durch den Landgrafen Philipp I., 
den Großmütigen, erbaute alte Universitätsgebände 
enthielt keine zur Abhaltung von Vorlesungen dien 
lichen Räume, sondern nur die für die öffentlichen 
Akte der Universität erforderlichen, die Aula nebst 
dem Prüfnngssaal, die Bureaus des Universitäts 
gerichts lind — den Karzer. Da die Frequenz der 
Universität damals die Zahl von 800 Studenten 
aller Fakultäten nie überstieg, und viele, besonders 
ältere Professoren, eigene Wohnhäuser besaßen, so 
bot die geschilderte Einrichtung auch keine besonderen 
Schwierigkeiten dar. 
Auch der damalige, langjährige Vizekanzler der 
Universität Professor Dr. jur. Eduard Löbell, 
dessen Spezialfächer Kriminalrecht und Kriminal 
prozeß waren, besaß ein Wohnhaus am Stein- 
wege, in welchem er sich ein geräumiges Parterre 
zimmer als Hörsaal eingerichtet hatte. Dieses Haus 
war, wie aus seinen sehr starken Fundamenten und 
seiner sonstigen Bauart hervorging, von sehr ehr 
würdigem Alter itnb schon mehrere Generationen 
hindurch im Besitze von Professoren gewesen, so 
daß es gewissermaßen als ein Jnventarstück der 
Universität betrachtet wurde. Professor Löbell selbst, 
welcher im Jahre 1868 in hohem Alter, nachdem 
er bis zuletzt in seinem Berufe thätig gewesen war, 
starb, war eine sowohl als Jurist, wie als Mensch 
und Politiker hochgeschätzte Persönlichkeit, welcher 
auch als Vertreter der Universität im knrhessischen 
Landtage viel zur Wiederherstellung des kurhessischen 
Veriassnngsrechts vom Jahre 1831 beigetragen 
hatte und daher auch über die Grenzen seines 
engeren Vaterlandes hinaus in hohem Ansehen stand. 
Seine Vorlesungen, welche er in den Morgenstunden 
von 10 bis 12 Uhr zu halten pflegte, erfreuten 
sich daher auch eines besonders eifrigen Besuchs, 
welcher nur selten von einem seiner Zuhörer ver 
säumt wurde. Auch der Professor pflegte, abgesehen 
von ganz besonderen, außerordentlichen Veran 
lassungen . nur einmal im Jahre die Vorlesungen 
auszusetzen, nämlich an seinem Geburtstage, an 
welchem ihm zahlreiche Glückwünsche von Verwandten 
und Freunden, namentlich seinen akademischen 
Kollegen, sowie and) von Studenten und ans dem 
Kreise der Bürgerschaft dargebracht zu werden 
pflegten. So geschah es auch im Sommer 1864, 
und die Zuhörer Löbells benutzten diesen freien Tag 
je nach der Verschiedenheit ihres Naturells teils 
zum Studium, teils auch zu einem Erholungs- 
ausflnge in die romantische Umgebung Marburgs. 
Als sie nun andern Tags sich wieder zur ge 
wohnten Stunde zum Besuche der Vorlesungen ein 
gefunden hatten, staunten sie nicht wenig, den Hörsaal 
verschlossen zu finden. Doch wurde ihnen bald 
Aufklärung hierüber durch Professor Löbell selbst 
zu teil, welcher sie ersuchte, in sein Empfangszimmer 
einzutreten, das er bis auf weiteres zu seinen 
Vorlesungen zu benutzen genötigt sei, da der 
Hörsaal der Zerstörung anheim gefallen sei. 
Denn gestern Morgen gerade zur Zeit der sonst 
stattfindenden Vorlesung zwischen 11 und 12 Uhr- 
habe er sich mit mehreren Gratulanten in dem an 
den Hörsaal anstoßenden Empfangszimmer befunden, 
als sie plötzlich bnrd) ein furchtbares Krachen und 
Gepolter in jenem erschreckt worden seien. „Und 
sehen Sie. meine Herren, dieses war die Ursache des 
Lärms!" Mit diesen Worten schloß Löbell die 
Thüre des Hörsaals aus, seine Zuhörer traten ein 
und standen an einer Stätte der Verwüstung. Der 
dicke, aber wie sich nun herausgestellt hatte, schon 
längere Zeit morsche Querbalken, welcher nach alter 
tümlicher Bauart die Zimmerdecke getragen hatte, 
war geborsten und herabgestürzt und hatte dadurch 
auch den Sturz des übrigen ans ihm ruhenden, 
aus Balken. Lehm und Dielen bestehenden Materials, 
sowie mehrerer in dem über dem Hörsaal ge 
legenen Zimmer gestandenen Möbelstücke herbei 
geführt. Die Wirkung dieses Einsturzes war höchst 
verderblich gewesen. Das Pult des Katheders, vor 
welchem Professor Löbell bei seinen Vorträgen zu 
stehen pflegte, war durch den herabgestürzten Balken 
völlig zertrümmert, und es blieb nach der Lage 
des letzteren kein Zweifel übrig, daß dem Prvsessvr 
selbst, wenn er sich während des Einsturzes in 
seiner gewohnten Funktion befunden hätte, das Haupt 
zerschmettert worden wäre. Auch die Pulte der 
Znhörer waren vielfach schwer beschädigt, und 
mancher der letzteren hätte den Tod oder eine 
schwere Verwundung erleiden können, wäre die Vor 
lesung nicht gerade zur Zeit des Eintritts der 
Katastrophe ausgesetzt gewesen. Löbell wies hieraus 
seine, von dem sich ihnen darbietenden Bilde der 
Zerstörung und einer glücklich vermiedenen augen 
scheinlichen Lebensgefahr ohnehin ergriffenen Zu 
hörer hin und fügte tiefbewegt hinzu, daß sie alle 
der Vorsehung nicht genug dafür danken könnten.
	        

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