Full text: Hessenland (16.1902)

25 
sprach auch vor den Leuten mit mehr Rücksicht von 
ihr. Stanzchen war überglücklich über diesen Wandel 
im Wesen des Vaters. Sie versuchte auch sofort, 
dessen gute Laune zum Vorteil der Mutter aus 
zubeuten, und brachte ihn wirklich dahin, daß er 
dieser einen sehr schönen Schmuck und einen neu- 
modischen seidenen Umhang kaufte. 
Nicht allzulange bewahrte Meister Müller seiner 
Frau gegenüber das wohlthuende rücksichtsvolle Ver 
halten. Nachdem die erste Freude über die Geburt 
des Stammhalters verrauscht und alles wieder im 
alten Geleise war, ging der Mann seine eigenen 
Wege wie früher, behandelte er die Frau auch 
wieder wie ein unmündiges Kind. Sie ertrug dies 
zwar geduldig und ohne den geringsten Wider 
spruch, seufzte jetzt aber öfters, ja hatte sogar 
manchmal Thränen in den Augen. Stanzchen schnitt 
das durch die Seele. Da der Vater augenblick 
lich viele Unannehmlichkeiten im Geschäft hatte, 
also durch keinen Vorhalt noch mehr gereizt werden 
durfte, hielt sie zwar diesem gegenüber an sich, 
wurde aber wahrhaft erfinderisch in Liebesbeweisen 
der Mutter und dem Kleinen gegenüber. 
Nie mehr ließ das Mädchen beide allein, sie ver 
zichtete aus den Verkehr mit Altersgenossinnen, ja 
sie versäumte sogar ihre Übnngsstunden am Klavier, 
um die Frau und das Kind zu unterhalten. 
Namentlich brachte sie dem kleinen Bruder die 
größten Opfer. Damit ihn die etwas leidend ge 
wordene junge Frau nicht fremden Händen überlassen 
mußte, schleppte ihn Stanzchen bei Tag und Nacht 
unverdrossen oft lange umher und trug auch sonst 
mütterliche Sorge für das Wohlbefinden des 
Kleinen. 
So schlang dieser unbewußt ein neues festes 
Band um die Seeleu von Mutter und Tochter 
Zum größten Erstaunen der Leute blieben die 
zwischen ihnen erwarteten Streitigkeiten vollständig 
aus, merkte man täglich mehr das gute Einvernehmen 
zwischen Beiden. Freilich konnte von einem er 
ziehlichen Einfluß der Mutter auf die Tochter keine 
Rede sein. Im Gegenteil, wer deren Verhältnis 
zu einander genau kannte. merkte alsbald, daß 
Stanzchen der herrschende Teil war. 
Frau Müller blickte zu ihr aus wie zu einem 
höheren Wesen. Sie lauschte so andächtig, als ver 
nähme sie Offenbarungen aus unbekannten Welten, 
wenn ihr das Mädchen in vertraulicher Stunde 
und unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit 
teilte, was für Zukunstspläne ihr der „innere 
Appell" laut und mahnend jeden Morgen zurufe. 
Als im Laufe der Zeit Mutter und Tochter 
mehr wie zwei Freundinnen miteinander verkehrten, 
hielten es Stanzchens Tanten — rechte Schwestern 
ihrer verstorbenen Mutter — endlich für an der 
Zeit, sich in die verlotterte Erziehung des Mädchens 
einzumischen. Beide machten dem Meister den Kopf 
so lange warm. bis er nachgab und die Tochter mit 
allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zwang, eine 
Zeit lang bei jeder von den Tanten zu verbringen. 
Es waren furchtbare Monate für Stanzchen. deren 
Eigenart der rohe gewaltige Wille beider Frauen 
zu vernichten versuchte. Auf Schritt und Tritt 
verfolgt, und, wenn ihr unwillkürlich einmal ein 
Wort über die sonst streng gehüteten Regungen 
ihres Innenlebens entschlüpfte, verhöhnt und ver 
spottet, geriet das Mädchen in einen hochgradig 
erregten Zustand. 
Sonst hörte .sie stets auf die Mahnungen der 
inneren Stimme zur Geduld, einmal jedoch über 
brauste der Sturm der Empörung deren bittende 
Zurufe. Als darauf die roten Hände ihrer jüngsten 
Tante in unverkennbarer Absicht und unter den 
gemeinsten Schimpfreden sich schwer auf ihre 
Schultern legten, schleuderte sie die Frau so heftig 
von sich, daß sie stolperte, gegen den Ösen fiel 
und sich am Kopse verletzte. 
Stanzchen eilte nach Hanse, vertraute der Mutter 
schnell den Vorfall und flüchtete auf deren Rat daun 
eilig in eine Bodenkammer. Drei Tage, bis der 
Zorn des empörten Vaters und der Verwandten 
sich wieder einigermaßen gelegt hatte, hielt die junge 
Frau das Mädchen dort verborgen. Erst als der 
Vater der Gattin fest versprach, die Tochter nicht 
körperlich zu bestrafen, verließ diese endlich ihr 
Versteck. 
kV. 
Stanzchens kecke That hatte das ganze Städtchen 
in größten Aufruhr versetzt. Kein Mensch trat 
ans ihre Seite. Tie Eltern geboten ihren Alters 
genossinnen sich von ihr zurück zu ziehen, die ganze 
Familie mied sie wie eine Verbrechern». Desto 
treuer hielt die Mutter zu ihr. Diese war aber 
mittlerweile so klug geworden, ihre Empfindungen 
für die Tochter nicht mehr so offen zur Schau zu 
tragen, sondern sie nur dann ganz unverhohlen zu 
zeigen, wenn beide allein waren. Dadurch konnte sie 
Stanzchen vor den Angriffen des Vaters, der Ver 
wandten und anderen Bekannten besser schützen. 
Aus der Verachtung und dem Hohn der Leute 
machte sich das Mädcheu nicht das Geringste. Im 
Gegenteil, das ungerechte Verhalten der Menschen 
ihr gegenüber stachelte ihren Stolz noch mehr auf 
und gab ihr die Kraft, böse geringschätzende Blicke 
mutig und mit trotzigen Angen abzuwehren. 
Dennoch lastetete gerade damals heimlicher Truck 
aus ihrem Gemüte. Eine Nachricht über ihren ehe 
maligen Lehrer Mellinor war schuld daran. Stanzchen 
hatte die Laufbahn desselben aus der Ferne stets
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.