Full text: Hessenland (16.1902)

Baum. auf welchen aus schweren Wolken ein 
Donnerwetter mit Blitzen niedersaust, darüber die 
strahlende Sonne mit der Inschrift „Jehova" 
in hebräischen Buchstaben, die Umschrift lautet: 
VNO (oder DEO oder IEHOYA) VOLENTE 
HYM1LIS LEYABOB und Jahreszahl. Dieser 
Baum und die sonstige bildliche Darstellung sind 
es. worüber sich so verschiedenartige Erzählungen 
und Fabeln gebildet haben. Bald wird er für 
einen Weidenbaum, dann sogar für eine Korn 
garbe gehalten, ohne indes eines von beiden zu 
sein, wie ans nachstehendem hervorgehen wird. 
Landgraf Wilhelm, dessen 300jühriger Geburts 
tag aus den 14. Februar dieses Jahres siel, regierte 
iu den Drangsalen des 30jährigen Krieges, von 
1«»27 — 37, und war dem Schwedenkönig Gustav 
Adolf getreu und beständig zugethan, wodurch er 
in der hessischen Geschichte auch den Beinamen 
„der Beständige" erhielt. Dieser kommt aus 
Münzen jedoch erst ans denjenigen, welche aus 
seinen Tod geschlagen wurden, zum Ausdruck. 
Es heißt aus diesen: Wilhelmus Y. Dictus 
Constans it. s. w. 
Tie verschiedenen Auslegungen des aus den 
Thalern befindlichen Sinnbildes sind nun folgende: 
Als der Landgraf einst durch die sogen. Au (die 
jetzige Karlsaue in Kassel) ritt und von einem 
Gewitter überrascht wurde, sei der Blitz vor ihm 
iu einen Weidenbaum gefahren und er wohl 
behalten geblieben. Eine andere besagt, daß, als 
Wilhelm aus einer Reise von einem Donnerwetter 
überfallen wurde, der Blitz ganz in seiner Nähe 
in eine Korngarbe einschlug, wodurch er vor 
Schreck mit dem Pferde zu Boden gestürzt sei. 
Seine Pagen wären sogleich hinzugesprungen und 
hätten ihn gefragt: „Gnädigster Herr! Sie sind 
doch nicht verletzt?", woraus der Landgraf geant 
wortet: „Nicht hier, sondern oben im Himmel ist 
der gnädigste Herr, durch dessen Gnade ich und 
ihr noch das Leben habt." Eine andere, haupt 
sächlich im Hanauischen verbreitete Erzählung ist: 
Als Landgraf Wilhelm, welcher der hart durch 
den kaiserlichen General Lamboi bedrängten Stadt 
Hanau Hilfe bringen wollte, am Morgen des 
13. Juni 1636 seine Scharen auf einem Korn- 
seldc zum Angriff ordnete, sei plötzlich aus heiterem 
Himmel ein Blitz mit heftigem Donnerschlag 
niedergesahren, ohne ihn zu verletzen, und er habe 
dieses für ein günstiges Zeichen zum Gelingen 
seines Planes angesehen. Die Wirklichkeit ent 
sprach dem auch, denn Wilhelm ritt schon am 
Mittage desselben Tages als Sieger durch das 
Nürnberger Thor in Hanau ein. Die dankbaren 
Bewohner der Stadt feiern bis aus die Gegen 
wart diesen Tag als großes Volksfest. Lamboitag 
genannt, ebenso wird noch von vielen derselben 
geglaubt und weitererzählt, daß die Thaler ans 
obigen Vorfall geschlagen seien. Noch eine, jedoch 
ganz unwahrscheinliche Sage ist, daß in irgend 
einem Jahre das große Kornfeld, an dessen Stelle 
sich jetzt der Auepark befindet, durch Blitz und 
Sonne entzündet oder daß ein Glutwind in Hessen 
geweht habe, wodurch alle Felder und Fluren 
verdörrt und danach diese Thaler „An- oder Korn 
thaler" benannt worden wären. 
Aus jede dieser vorstehenden Begebenheiten sollen 
nun die Thaler zum Angedenken geschlagen worden 
sein, ohne daß sich hierfür sei es geschichtlich oder 
urkundlich etwas erbringen ließe. Nun ist aber 
das Merkwürdige, daß alle Münzen Wilhelms, 
von denen es auch dreifache, doppelte, halbe, viertel 
und achtel Thalerstücke gibt, und aus allen Jahren 
seiner Regierung, ja selbst noch aus den ersten 
i Jahren seines Sohnes und Nachfolgers Wilhelms YI. 
dasselbe Gepräge zeigen. Mithin kann ein einzelnes 
Ereignis gar nicht gemeint sein, auch würde als 
dann wohl die Inschrift einen bestimmteren Hinweis 
enthalten. Es gibt nun auch Thaler, aber nur vom 
ersten Negierungsjahr, welche gewiß früher als 
die mit Sinnbild geschlagen sind, da sie in den 
nächsten Jahren nicht mehr vorkommen, welche 
nur den Spruch Uno volente it. s. w. ohne jenes 
Sinnbild tragen. Hiernach ist wohl die Annahme 
berechtigt, daß Wilhelm den Wahlspruch bereits 
. früher angenommen hatte und erst später die 
sinnbildliche Darstellung hinzufügte. Wie ist diese 
aber zu deuten! Betrachtet man nun den rätsel 
haften Baum aus gut erhaltenen Stücken aus 
den ersten Regierungsjahren Wilhelms genauer, 
so kommt man zu der Überzeugung, daß derselbe 
weder ein Weidenbaum noch eine Korngarbe sein 
kann, sondern unverkennbar ein Palmbanm ist. 
Unter Berücksichtigung und Erwägung aller vor 
stehenden Umstände wird wohl folgende Auslegung 
den Sinn des Spruches und des Bildes der Wahr 
heit am nächsten bringen. 
Wilhelm, welcher ein gottessürchtiger Mann 
war, wählte den vom Gewitter zwar gebeugten, 
aber durch den Schutz der Gottheit im Bilde der 
strahlenden Sonne unerschüttert und aufrecht er 
haltenen Palmbaum, um damit denjenigen Zustand 
anzudeuten, in welchem er sich in den bedenklichen 
Zeiten des 30jührigen Krieges fühlte. Es ist genug 
bekannt, in welcher drangvollen und verantwvrtungs- 
reichen Lage er sich beim Antritt der Regierung 
befand und wie er die Stürme voraussah, 
welche über ihn und sein Land hereinbrechen 
würden, sich dabei aber immer auf den mächtigen 
Arm Gottes verließ. Dieses drückt auch der 
Spruch aus den Thalern so schön und klar aus.
	        

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