Full text: Hessenland (16.1902)

des Dialektes auch bei der Schilderung der Ge- 
danken heimelt so an. daß wir auch für dieses 
Werk vom Standpunkte des Heimatliebenden ans 
dem Dichter dankbar sein müssen?) 
Der neueste Roman Alfred Bocks „Kinder des 
Volkes", der, nachdem er zuerst ins Feuilleton der 
„Frankfurter Zeitung" erschienen, nun auch in Buch 
form vorliegt und von mir bereits kurz in dieser 
Zeitschrift angezeigt wurde, ist wiederum ein voll 
wichtiges Werk durch und durch. Er übertrifft das 
Meisterstück knapper Darstellung, den „Flurschütz", 
zwar nicht. Mir persönlich steht in künstlerischer 
Hinsicht das kleine Bild aus dem Volksleben be 
deutend höher wie das neueste Werk aus der Feder 
unseres Dichters. Nicht etwa, daß „Kinder des 
Volkes" einen Rückschritt bedeuten, das Sujet ist 
vielmehr ein solches, daß es uns gerade in diesen 
Tagen besonders interessieren kann. — Auch hier 
ist das Klagelied vom armen betrogenen Weibe 
der Anfang. Ter Notarschreibex hat das Leuchen 
betrogen und sie dann sitzen lassen. In ihrer Not 
findet sie Trost bei einem Lehrer des Städtchens, 
beim Bolksschullehrer Vollhardt. Dieser, ein ehe 
maliger Theologe, lebt jetzt kümmerlich genug sich, 
seinem Kinde — und seinem Volke. Denn sein 
Ideal, sein höchstes Streben ist es, dem Volke 
wahre Bildung zu bringen, es aus dem geistigen 
Schlafe zum Leben zu erwecken. Ihm will er die 
Werke unserer Meister der Litteratur vorführen, die 
nicht für eine Klasse, für die Reichen, geschaffen, 
sondern die in ihren Werken für das ganze Volk 
ihr Edelstes Hingaben, was sic zu vergeben hatten. 
Volkskunst will er treiben, nicht im Sinne einer 
*) Als Probe der Erzählungsart Alfred Bocks wird 
in der nächsten Nummer des „Hessenland" mit Genehmigung 
der Verlagsbuchhandlung ein Abschnitt aus dem Roman 
„Der Flurschütz" abgedruckt werden. T. Red. 
neuen Kunst, die für die Bedürfnisse des einfachen 
Mannes erst zugestutzt wird, sondern in dem Sinne 
des Zukommens echter, wahrer Kunst an alle 
Menschen. Geradezu herrlich ist in dem Buche das 
Kapitel, das uns einen öffentlichen Vortragsabend 
des Lehrers vorführt. Wie sein beobachtet sind da 
die Charaktere, wie schön ist uns die Rede des 
Lehrers vorgeführt, wie er in seiner einfachen 
schlichten Weise seine Zuhörer in ein Gebiet ein 
führt, das ihnen bisher völlig fern gelegen. Mancher, 
der heute für die Bestrebungen eintritt und in 
ihnen wirkt, die sich mit dem Vorgehen des Lehrers 
Vollhardt in diesem Romane decken, kann sich hier 
ein Beispiel nehmen. Das ist wahrhaft volks 
tümlich geredet, das ist wahre Kunst fürs Volk. — 
Mit diesem Volksbeglücker im edelsten Sinne 
des Wortes wird nun Leuchen bekannt und er ist 
ihr Schutz und Trost, bis er ihr am Ende die 
Hand zum ehelichen Bunde bietet. Daneben geht 
die mehr ins Humoristische spielende Geschichte von 
der Heirat des Notarschreibers mit der gerade 
nicht in gutem Rufe stehenden Stadlern und die 
i Strafe, die er in der Ehe für sein früheres wüstes 
Leben erleidet; alles auch hier mit getreuester Be 
obachtung und Natürlichkeit wiedergegeben. Fein 
komisch wirkend ist die Hochzeit der Stadlern mit 
dem Notarschreiber geschildert, von den Anzüglich 
keiten des Pfarrers in der Kirche ab bis zu der 
mit allen möglichen Zitaten gespickten Rede des Herrn 
Wollenweber. 
Der Schauplatz ist in diesem Romane nicht aus 
dem flachen Lande, sondern in einem kleinen Städt 
chen zu suchen. Es ist hier mehr die Arbeiter 
schaft, die uns entgegentritt, gerade wie in einem 
früher erschienenen großen Romane Bocks in „Bodo 
Sickenberg"*). 
*) Verlag F. Fontane *V Co., Berlin 1900. 
(Schluß folgt.) Z J 6 
Oie symbolischen Thaler des Landgrafen Wilhelm V. 
zu Hessen. 
Von Theodor Meyer. 
Z u den eigenartigsten hessischen Prägungen, 
welche die Aufmerksamkeit des Beschauers sofort 
fesseln, gehören wohl die symbolischen Thaler 
des Landgrafen Wilhelm V. Wieviel ist und wird 
über dieselben bis aus den heutigen Tag gefabelt. 
Der Volksmund nennt sie kurzweg Weideubaum- 
oder .Kornthaler, ja die meisten Münzwerke und 
Kataloge alter und neuester Zeit bedienen sich 
dieser Benennungen, jedenfalls ohne eine Ahnung 
von deren Unrichtigkeit zu haben. Diese Thaler 
zeigen auf der Vorderseite entweder das hessische 
Wappen oder nur den gekrönten Löwen in ver 
schiedenartiger Zeichnung und Anordnung, die 
Umschrift lautet teilweise abgekürzt: YVilhelmus 
Dei Gratia Landgravius Hassiae, Administrator 
Hirsfeldiae,(JomesCattimeliboci,Dieziae,Ziegen- 
hainae Et Niddae. Auf der Rückseite befindet 
sich ein aufrecht stehender, durch Stlirm gebeugter
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.