Full text: Hessenland (16.1902)

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einer Heirat mit seiner Meisterin entspringen und 
er reicht ihr die Hand zum ehelichen Bunde. Hier 
tritt nun der tragische Konflikt ein. 
„Alte Frau und junger Alaun 
Haben nie nit gut gethan!" 
Die Seelenstimmungen der Personen sind geradezu 
meisterhaft geschildert. Wie sich in der Pflaster- | 
Meisterin der Wandel vollzieht, wie Friedmar. der * 
die Liebe nicht gekannt und überrumpelt die Heirat 
mit der alternden Meisterin eingegangen, in Zu- ! 
neigung zu der Wirtstochter Lina. entbrennt, das 
alles ist mit einer plastischen Darstellnngsweise vor ; 
uns gestellt, daß wir die Handlung vor uns zu 
sehen meinen und unwillkürlich den Gedanken fassen 
müssen: das ist das Leben, wie es wirklich ist. — ! 
Ich habe selbst, um die Wirkung zu erproben, einen 
kleinen Versuch gemacht und gerade dieses Buch im 
Vereine mit dem Romane „Der Flurschütz" Leuten 
in die Hand gegeben, welchen eine ästhetische Bildung 
nicht zu eigen ist, die aber vielleicht als Beurteiler 
des wirklichen Lebens kompetenter waren. Auch bei 
ihnen habe ich die Erfahrung gemacht, die mir 
selbst wurde, und aller Ausspruch gipfelte in dem 
einen „da ist das Leben wirklich geschildert, so wie 
es ist". Es giebt für einen Schriftsteller m. E. 
kein größeres Lob. — Hinweisen möchte ich nvch 
aus die prächtigen Detailschilderungen. so der Hoch 
zeit u. a. m. Wer in den Kreisen, die da be 
schrieben werden, heimisch ist. der wird sich wunderbar 
angemutet fühlen von den trefflichen Schilderungen 
ländlicher Sitten und Unsitten, die Bock uns hier 
entwirft. Es sind in der Hauptsache keine sym 
pathischen Gestalten, die da als Staffage figurieren.— 
Und doch auch von ihnen geht ein Hauch echten 
ländlichen Lebens aus, auch sie heimeln jeden an, 
der das Land und seine kräftigen, kernigen Gestalten 
liebt und — kennt. Denn Lieben und Kennen ist 
nicht einerlei und gerade bei Bock merkt man es, 
wie beides sich erst aufs innigste berühren muß, 
um das Leben des Volkes in seiner Tiefe zu er 
sassen. Die Liebe allein verursacht zu oft ein Ver 
schönern und Verschleiern, erst die genaue Kenntnis 
des Volkes, die man sich nicht von heute auf morgen 
aneignen kann, vermag es, Licht und Schatten gleich 
mäßig zu verteilen. Das ist der Punkt, aus den 
ich schon in meinen Einleitungsworten hinwies. 
Es darf sich keine g e s uchte Heimatsliebe geltend 
machen. 
Künstlerisch höher wie die Pflastermeisterin steht 
wohl der nächste Heimatsroman Bocks „Der Flur 
schütz". Er bildet nur ein kleines Bändchen von 
96 Seiten. Straff und folgerichtig entwickelt sich 
auch hier die Handlung. Es ist fast gar kein Bei 
werk dabei, das etwa zu entbehren wäre. Alles ist 
Handlung — und welche Handlung. 
Auch hier ist sie ein tragisches Stückchen aus 
dem Volksleben. Tie Christine, die von einem 
Soldaten verführt wird, findet eine Stelle im Hause 
des Flnrschützen, dessen Sohn der Verführer war. 
Hier treffen nun beide wieder zusammen. Gerade 
diese Szene des Sichaussprechens der beiden gehört 
zu den schönsten im ganzen Romane. Charakte 
ristisch ist die Figur des Flurschütz herausgearbeitet. 
Er ist ein fester, kerniger Mann. treu im Dienst 
und doch nicht an die Buchstaben seiner Instruktion 
gebunden. Auch er hat noch ein Herz im Leibe 
und als er. der Wittwer. sich die Christel ins Hans 
nimmt, da will sich sogar etwas wie Liebe regen, 
sodaß der alte Graukopf noch sensterlu will. Am 
Kirchweihtag ist es. Alles hat sich draußen ans 
dem Festplatze versammelt. Nur die Christine ist 
zu Hause. Sie liebt das Treiben der Jugend nicht 
mehr, seitdem ihre Gedanken nur noch bei dem, der 
ihres Kindes Vater ist, und bei ihrem Kindchen 
selbst verweilen. Da aus einmal kommt der Jakob 
zurück ins Elternhaus. Von neuem läßt er sich 
von seinem Ungestüm fortreißen und der Flnrschütz, 
der von einem Gange zurückkehrend die beiden findet, 
tötet in rasendem Zorn seinen Sohn. Erst da er 
fährt er, daß er den Vater des Kindes von Christine 
getötet hat, uiib ruhig, willenlos läßt er sich ins 
Gefängnis abführen. — „Mit einem Male flammt 
die Sonne auf und entzündet die Krone zu gleißender 
Glut. Eine Feuersbrnnst loht zur Straße hinaus. 
Und die Niesenfackeln zur Rechten und zur Linken 
geben dem Flurschütz das Geleit." Mit diesen 
Worten schließt das packende Bild. 
Man kann. wenn man die letzten Kapitel des 
Buches für sich betrachtet die Bemerkung, die s. Zt. 
in diesen Blättern gelegentlich einer Besprechung 
des Buches, gemacht wurde, daß sich nämlich Natura 
lismus und Heimatkunst hier zu innigem Bunde 
zu vereinigen scheinen, wohl verstehen. Und doch haben 
wir hier keinen Naturalismus, der das Häßliche 
des Häßlichen wegen schildert, sondern Realismus, 
der das Häßliche der Wahrheit wegen bringt und 
ins Gemälde einfügt. Daß Bock hier manchmal 
die Grenzen zwischen Realismus und Naturalismus 
zu verwischen droht, sei gerne zugegeben. Und 
doch läßt das Ganze, wenn auch nicht einen befreienden, 
so doch den Eindruck eines wahrhaft tragischen Ge 
schickes in uns zurück, um desientwillen wir zittern 
und beben und uns für die Betroffenen ängstigen 
und sie bemitleiden. „Befreiend" wirkt die Er 
zählung nicht, eher niederdrückend und darum wird 
sie auch von der modernen Heimatkunst nicht an 
erkannt werden. Wir aber sollten uns um des 
Büchleins willen freuen, denn es zeigt doch eine 
Kunst des Erzählers, wie wir ihr in unserer hessischen 
Litteratur selten genug begegnen. Die Anwendung
	        

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