Full text: Hessenland (16.1902)

heute, als mein Vater sich zweihundert von den ; 
stärksten „Fliegenköpfen" vorzählen ließ und ich ^ 
mir heimlich einige Stiftchen bettelte." ' 
„Meinst Du, daß wir die Schuhe in Gebrauch 
nehmen könnten?" 
„Aber nur für die Straße. Hier oben hat der 
Junge so keine „feste Basis" nötig." 
In dem Augenblick klopfte es schüchtern an. 
Das Mädchen des Herrn Hauptmann bestellte 
einen schönen Gruß von der gnädigen Frau und 
wir möchten doch so keinen Heidenlärm in unserer 
Küche dulden, die ganze Decke käme ja herunter. 
Wir eilten ahnungsvoll in die Küche und sahen 
wie unser „Goldjunge" versuchte, durch heftiges ; 
Aufstampfen die „eisernen" an seine Füßchen zu j 
zwängen. Küchenstuhl und Küchentisch zeigten bereits j 
starke Fettspuren, und an der Wand daneben sah ' 
man den schwarzen Abdruck von zwei kleinen : 
Händen. 
Jetzt drohte uns doch die Galle ins Blut zu gehen, ; 
und wie auf Kommando erscholl das -strafende: ! 
„Ernst, Ernst!" 
Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis die , 
Schuhe so weich geworden waren, daß der lachende > 
Bengel in ihnen auf seine Schlittenbahn springen 
konnte. Wir hörten angstvoll jeden seiner Schritte 
auf der Treppe. Eine Thür wurde unten ge 
schlagen . . . 
Gleich nachdem Ernst znm Mittagessen heraus 
gekommen war, erschien auch Frau Grützer, die 
liebliche Gemahlin des Hausbesitzers. 
„Das hat sich aber man «ich mit Ihrem Bengel. — 
Wir sind hier uich in — - " 
„Einem Krankenhause", setze ich erregt hinzu. 
„Nu man aber, Herr Dokter? Aber ich kann 
unsere Treppen nich zweimal im Jahre streichen. 
Ni au sieht jeden Nagelkopp. Kommen Sie man 
gefälligst selbst mit. sehen Sie sich das Gedibbelt 
ans den Tritten an. Man meint, Ihr Ernst wäre ein 
Backsteiubreuner. Das sind keine gebildeten Schuhe." 
Wir besahen uns den kleinen Schaden und ent 
zogen mit betrübtem Herzen unserem „Goldjungen" 
die feste Basis, auf die er sich etwas allzu stolz 
gestellt hatte. Nun saß er mit Thränen in seinen 
treuen Augen hinter der dampfenden Suppe und 
konnte nur damit beruhigt werde», daß ihm Mama 
versprechen mußte, noch heute zum Schuhmacher zu 
gehen und dem biederen Meister die ganze Trost 
losigkeit der Lage vorzustellen. 
Draußen lachte die Sonne und klang das fröh 
liche Schreien der kleinen Schlitteufahrer. In 
meine Arbeit über Kältemischungen woben sich ganz 
von selbst einige bittere Bemerkungen über Kälte- 
mischungen in unserem modernen Kulturleben und 
Mahnungen, sich doch wieder auf eine gesundere, 
aus eine eiserne Basis zu stellen . . . 
£*> 
Aus Heiinat und Freinde. 
Hessischer Geschichtsverein. Am 6. Ok 
tober hielt der Verein für hessische Geschichte 
zu Kassel im Gebäude der Handelskammer seinen ! 
ersten wissenschaftlichen Unterhaltungsäbend im be 
gonnenen Winterhalbjahre ab. Herr General 
E i s e n t r aut, der erste Vorsitzende, begrüßte die 
Erschienenen und erstattete Bericht über seine Teil 
nahme an der Generalversammlung der deutschen 
Geschichts- und Altertumsvereine in Düsseldorf. 
Sodann hielt Herr Major von Löwen st ein 
einen Vortrag über das Stände haus in Kassel, 
der viel des Interessanten bot. Veranlaßt war 
derselbe durch eine Sammlung von Bauzeichnungen 
und Skizzen aus dem Nachlaß des Kurfürstlichen 
Hosbaudirektors R u h l, welche der in Kassel woh 
nende Herr Generalmajor von Bauer dem Verein 
znm Geschenk gemacht hat und unter denen sich 
auch die Entwürfe zu dem Ständehaus besinden. 
Aus den ans die Vorgeschichte dieses denkwürdigen 
Gebäudes bezugnehmenden eingehenden Erörterungen 
des Redners sei hervorgehoben, daß dasselbe zuerst 
ans die Höhe des Weinbergs, da wo sich gegen 
wärtig die Bauverwaltung befindet, kommen, dann 
an Stelle der Kattenbnrg errichtet werden sollte. 
Endlich, nachdem auch der Platz des jetzigen Löwen- 
brnnnens, ebenso wie der Kattenburgplatz der cnt= 
stehenden Kosten wegen von den Ständen abgelehnt 
war, einigten diese sich mit der Regierung dahin, 
das Ständehaus in der neu anzulegenden Friedrich- 
Wilhelms-Straße da zu erbauen, wo es heute 
steht, sodaß am 24. Juni 1834 die Grundstein 
legung mit großem Pomp vollzogen werden konnte. 
Bereits nach zwei Jahren war Ruhls Werk voll 
endet. Am 22. November 1836 fand die feierliche 
Einweihung und Eröffnung des Ständehauses statt. 
Tie Kosten des Gebäudes, das im Geschmack der 
italienischen Spätrenaissance ausgeführt und ein 
Werk von hoher künstlerischer Bedeutung ist, be 
liefen sich im Ganzen auf 132 400 Thaler. — 
Herr Oberbibliothekar Dr. Brunner, Ehren 
mitglied des Vereins, verlas sodann ein von 
Herrn Obersekretär Matthien dem Kasseler Stadt 
archiv geschenktes Aktenstück, das sich ans die An 
werbung für den amerikanischen Krieg bezieht.
	        

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