Full text: Hessenland (16.1902)

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Oer innere Appell. 
Novellette von E. Mentzel. 
«Fortsetzung.) 
III. 
Wie doch die Zeit verging! Seit Lehrer Mellinor 
die kleine Landstadt verließ, waren bereits vier 
Jahre verflossen. Bald nach seiner Abreise, die 
Stanzchen viele Schmerzen kostete, griff noch ein 
Ereignis tief in deren Leben. 
Schlossermeister Müller verheiratete sich, obwohl 
er bereits die Mitte der Vierzig überschritten hatte, 
mit einem kaum achtzehnjährigen Mädchen, einer 
sehr reichen Waise. Jedermann wußte, daß das ver- 
schüchterte, im Hause eines brutalen Onkels erzogene 
Mädchen niemals einen eigenen Willen besessen und 
sich ohne Widerstreben gehorsam dem Wunsche des 
Vormunds gefügt hatte. 
Warum der noch im besten Alter stehende Vor 
mund unter allen Bewerbern grade den Schlosser- 
meister Müller für sein Mündel auswählte, konnten 
die Leute in der Stadt gar nicht begrersen. Sie 
sollten jedoch später dahinter kommen. 
Betty Furtmann wurde mit Recht für ein herzens 
gutes Geschöpf gehalten. Dennoch fragte man bei 
ihrer Verheiratung in den Bekanntenkreisen mit 
Besorgnis, wie sie mit der kaum fünf Jahre jüngeren 
Stieftochter auskommen würde. Denn, ■ wie all 
gemein bekannt, war Stanzchen Müller kein solch 
fügsames Geschöpf wie die meisten anderen Mädchen. 
Sie hatte, so sagte man, „Gott weiß was für 
Schrullen im Kopse" und saß sogar stundenlang 
am Klavier, während ihre Altersgenossinnen tüchtig 
im Haus oder im Garten helfen mußten. 
Gegen den Willen des Meisters hatte die ver 
storbene Großmutter dies Klavier ihrem Liebling 
angeschafft. In stetem Kampfe mit dem Schwieger 
sohn, der seine Tochter ganz einfach bürgerlich 
erzogen haben wollte, ließ ihr dann die Groß 
mutter zuerst bei sich den Unterricht erteilen. 
Nach dem Tode der alten Frau aber bekam 
Stanzchen keine Klavierstunden mehr, trotzdem übte 
sie oft halbe Tage lang und las auch manchmal 
bis tief in die Nacht hinein, zwei Dinge, die sich 
nach Ansicht der Leute für eine einfache Bürgers 
tochter gewiß nicht schickten. Es waren also manche 
Untugenden bei dem eigensinnigen Ding auszurotten. 
Wenn Betty ihre Pflicht thun. ja wenigstens nur 
den Versuch dazu machen wollte, ging die Sache 
sicher nicht so glatt ab, gab's zweifellos im Müllerschen 
Hause über kurz oder lang die größten Zwistigkeiten. 
Die allzugrvße Jugend der Mutter berührte 
Stanzchen anfangs peinlich. Ein drückendes Ge 
fühl der Beschämung überkam sie, sobald sie das 
ungleiche Paar zusammen sah. Als aber die junge 
Frau einige Wochen in der Familie war, und das 
Mädchen dieser öfters in die guten hübschen Augen 
blickte, verlor ihr stiller Widerwille mehr und 
mehr den Halt. Ja, als Stanzchen sogar staunend 
hörte, daß die junge Frau immer zu allem, was 
der Vater meinte, demütig „Ja" sagte, da schwoll 
ihr das Herz in heißem Mitleid. Immer inniger 
begann sie die Mutter zu lieben, während sich ein 
tiefer Groll gegen den Vater in ihr festsetzte. 
Die Tochter empfand dunkle Furcht vor der 
maßlosen Heftigkeit des Vaters, dem die Gering 
schätzung weiblicher Wesen nicht nur angeboren, 
sondern auch anerzogen war. Dessen ungeachtet 
machte sie diesem jetzt Vorhaltungen, die sie in 
ähnlicher Weise früher nie gewagt haben würde. 
Dann sah der Meister seine Tochter stets mit 
einem solchen Ausdruck von Verblüfftheit an, als 
rede sie in einer fremden, ihm gänzlich unverständ 
lichen Sprache. 
Manchmal, wenn Stanzchen ganz besonders 
kräftige Worte wählte, ja sogar aus den großen Alters 
unterschied anspielte, schien dem Vater der Zorn 
übermannen und zu Thätlichkeiten hinreißen zu 
wollen. Allein es war gar nicht nötig, daß die 
junge Frau, die meist in angstvoller Spannung 
nebenan zuhörte, schnell dazwischen sprang. Nach 
jähem Auflodern des Zornes besaun sich Meister 
Müller ganz von selbst wieder aus seine Würde, 
die er den beiden Frauenzimmern gegenüber 
keineswegs schädigen wollte. Sonst brachte er 
im ganzen Verhalten sein Übergewicht über diese 
höchst augenfällig zur Geltung und sagte meist 
spöttisch drohend, indem er die Hand gegen die 
Tochter erhob: „Na, woart nor, Don Grünschnawel! 
Krähst oach noch fersch Peise gedoah, eh's lang 
währt! Woas soll ich mäir hüß mache! En 
Annere werd Düch schont zähme!" 
Solche Drohungen schienen gerade keinen tiefen 
Eindruck auf Stanzchen zu machen. Ohne den 
Vater ungebührlich zu reizen, schüttelte sie lächelnd 
mit entschiedener Miene den Kops und schlang den 
Arm zärtlich um die junge Mutter, als wolle sie 
in Verbindung mit ihr schon heute den ange 
kündigten Stürmen Trotz bieten. 
Als nach Verlauf eines Jahres der in der ersten 
Ehe ausgebliebene Stammhalter zur Welt kam, 
schenkte Meister Müller seiner jungen Frau eine 
Zeit lang mehr aufmerksame Beachtung. Während 
er sie bisher immer wie ein Kind behandelt hatte, 
schien er endlich die Gattin in ihr zu sehen und
	        

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