Full text: Hessenland (16.1902)

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„Dann hättest Du sie ihm doch anziehen tonnen, 
statt ihn in die Stube zu verbannen?" 
„Sie sind aber gar zu klobig! — Tie haben 
ja ein Gewicht!" 
„Das ist eben die gesunde Basis. — Nämlich, 
wenn es bei uns Schuhe gab, dann holte mein 
Bater selbst das Leder, und die Eisen und Nägel 
kaufte er gewöhnlich ans dem Markte von dem 
„Pinnschmied" für das ganze Jahr im voraus, 
und dann kam der Meister Jakob mit seinem Ge 
sellen und stellte, noch in der Thür stehend, jedes 
mal die hochwichtige Frage: „Iß wieder ebbes 
auf schlechter Basis? — Ja, die Basis muß vor 
allein gut sei, fest gepinnt nn mit Pechdraht ver 
arbeitet, so mit der Hand — — brS, brs, brs, — 
Stich an Stich." Tann gab er seinem Gesellen 
einen Puff, warf seinen Ranzen ans die Ofenbank 
und stürzte hurtig den Wachholder hinunter, der 
ihm als Willkommentrunk gereicht wurde. So sehr 
er nun auf eine feste Basis seiner Mitmenschen 
bedacht war, so wenig hielt er ans seine eigene. 
Bon diesem Meister stammen meine „eisernen" 
Schnhe, der nebenbei auch der Ansicht war, daß so 
gewichtige Objekte den Jungen gerade zögen und 
kühn behauptete, daß derohalben auch in seiner ganzen 
Kundschaft keiner sei, der einen „Verdruß" habe." 
„Ich darf den Mann nicht länger warten lassen", 
fiel mir nun endlich meine Frau ins Wort und 
eilte hinaus. In demselben Augenblick kam mein 
kleiner Bengel herein und sing an zu betteln: 
„Papa, Schuhe anziehen und Schlittern." 
„Du hast sie ja zerrissen", entgegnete ich ernst. 
„O nein, Papa, ganz von selwerst." 
„Dann müßtest Du Deine gelben Sommerschuhe 
von Mama holen." 
„Ach ja!" Der Kleine hüpfte vor Freuden. 
„Tie sind aber in längstens einer Stunde auch 
geliefert, und Du müßtest doch wieder hier sitzen. — 
Spiel doch mit Deinen Soldaten." 
„Dann wünscht' ich grad', ich wär' ein Engel", 
sing er nun zu weinen an. 
„Warum, Ernst?" 
„Mama hat g'sagt, die brüuchten kein' Schuh' 
und könnten so im Schnee fahren und thäten auch 
nett in ein' Scherbel trete'." 
Da mußte ich an meine und Vaters Jugend 
denken. Es ist etwas Wahrheit demnach doch, daß 
wir früher ans unserem Walddorf wie im Himmel 
wohnten. 
„Die ganze Stube schwimmt." Meine Frau 
erschien mit diesen Worten wieder in der Thüre 
und fuhr auf den kleinen Übelthäter zu, welcher 
sich vorhin, ehe er heraus mußte, noch schnellseine 
Tasche voll Schneebällen gesteckt hatte, die sich nun 
in verräterischer Weise auslösten. 
Ich mußte doch lachen, als er die Mutter ängst 
lich ansah und dann, ein unendlich feines Schalk 
lächeln um die Kirschlippen, mit den weißen Fingern 
in beide Hosentaschen fuhr, die sich bereits durch 
eine dunklere Färbung kenntlich machten. 
„Tu hast wohl auch in den Hosentaschen 
Schnee? — Was?" 
Er nickte und hielt mir mit lebhaftem Blinzeln 
zwei triefende Schneebällen entgegen und legte sie 
blitzschnell auf den Schreibtisch, indem er sagte: 
„Tie sind für Dich, Papa! — Im Übermantel 
die waren für Mama." 
Und Mama nahm den Herzjungen an ihre Brust; 
denn für sie hatte er ja zwei Taschen voll mit 
gebracht. — Wenn jetzt auch die Stube schwamm .. ! 
„Du bist ja ganz naß, inein Schatz? — Es ist 
doch 'n Goldjunge. Mann." 
„Freilich", sage ich etwas zerstreut, streife meinen 
Schreibtisch, auf welchem sich indessen meine Schnee 
bällen schon eine passende Rinnbahn ausgesucht 
hatten und zwei Bächlein über meine „Kälte- 
mischungen" entsandten. 
Mama mußte das wieder in Ordnung bringen 
und ließ mich mit dem Jungen einige Zeit in 
Ruhe. 
Es dauerte indessen nicht allzu lange, bis sie 
wieder hereinkam und meinte: „Mann, ich habe 
Deine „eisernen" ans dem Boden gesucht und sie 
gehörig eingefettet. Ernst wird sie tragen können." 
Ihre zarten Finger glänzte» noch von dem Ge 
misch der Wichse und des Thranes, und ich hatte 
Angst, sie rühre mir in ihrem Eifer ein Buch an. 
„Denke an den Herrn Hauptmann unter uns. 
Wenn er das Getrampel hört, wird er wieder mit 
seinem „Himmelkreizsakrement" den Burschen herauf 
schicken. Du weißt, das Schaukelpferd haben wir 
auch pensionieren müssen." 
„Wenn ihm sonst keine ans dem Kopf 'rum- 
trampeln", seufzte meine Frau. 
„Und der Hausbesitzer wird für seine Treppen 
bangen!" 
„Ach!" 
„Ja, die „eisernen" sind eine starke Nummer 
in jeder Beziehung, Primaeisen, zwei mal zwanzig 
gewichtige Pinnen. Und die Pinnen sind noch da 
heim in Walddors, eine jede gewiß mit einem 
Krastsluch geschmiedet; denn unser „Pinnschmied" 
war ein Kerle, der stets unter seinem Werktisch 
eine kräftige Schnapsflasche stehen hatte und in 
stetem Kampf mit seinem Weibe lag. Aber er 
mußte seinen gewaltigen Zorn in die „Fliegen- 
köpse" donnern, da seine Holde sich keiner Sache 
annahm und stets einen Besen handbereit in der 
Nähe hatte. Am Markttag hatte er seinen Stand 
gerade am Gemeindehaus, und ich weiß noch tvie
	        

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