Full text: Hessenland (16.1902)

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sind angegeben, ebenso der für die Bilder gezahlte 
Preis, aber bei den meisten Bildern fehlt bedauer 
licher Weise der Name des Meisters und die 
Bezeichnung der Bilder, sodaß wir leider vielfach 
nicht mehr genau feststellen können, wo sich die 
gekauften Bilder jetzt befinden und welche von ihnen 
in unserer Gallerie Aufnahme gefunden haben. 
Von einem Bilde glaube ich indessen mit Be 
stimmtheit annehmen zu dürfen, daß dasselbe aus 
den oben erwähnten Einkäufen herrührt und jetzt, 
wenn auch auf einem Umwege, in unserer Gallerie 
Ausnahme gefunden hat. Bon dem bekannten 
Meister Theodor van Thulden, der unter 
dem Einflüsse von Rubens sich ausgebildet, in Ant 
werpen und im Haag thätig war, befindet sich ein 
Werk in unserer Gallerie, das „Loth mit seinen 
Töchtern" darstellt. Ganz sicher freilich scheint es 
nicht zu sein, ob dieses Bild von Thulden herrührt, 
da in dem vortrefflichen, aber leider vergriffenen 
Katalog von O. Eisenmann ein Fragezeichen hinter 
den Namen gesetzt ist und somit wohl triftige 
Gründe vorliegen, das vielfach beschädigte Werk 
dem Meister zuzusprechen. Das Bild ist im Jahre 
1877 erst aus dem Schlosse zu Hanau in unsere 
Gallerie überführt worden. Ausweislich des Aus 
gabebuchs hat der Kurfürst am 4. März 1830 
dieses Bild vom Kaufmann Rinald zu Kassel 
für 500 Thaler gekauft. Rinald, der einer hoch 
angesehenen und sehr wohlhabenden israelitischen 
Familie entstammte, war kein eigentlicher Kunst 
händler, sondern selbst Liebhaber und Sammler. 
Noch jetzt befinden sich im Besitze seiner zum Teil 
nach Paris übergesiedelten Familie ganz hervor- I 
ragende Bilder der Niederländer Meister. Ein 
zweites Bild von Thulden. Magdalena, die Füße 
des Heilands salbend, kann nicht in Betracht kommen, 
da es zu den allerjüngsten Erwerbungen unserer 
Gallerie zählt. 
Auch ein anderes, in unserer Gallerie befind 
liches Bild rührt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus 
den Ankäufen Wilhelms II. her und ist dieses das 
bekannte Bild von Martin von Rohden, der, 
1827 zum Hofmaler in Kassel ernannt, sich zu 
jedermanns Erstaunen an dem einsamen Franz 
graben anbaute. An ihn und seine Behausung er 
innert noch ein am Hause des Herrn Gärtners Rohde 
eingemauerter, prachtvoller Sturz eines Kamins, 
der, in den zierlichsten Formen des Rokoko gehalten, 
sofort die Aufmerksamkeit jedes Kenners erregen 
muß. Das Bild von Rohden stellt einen Eremiten 
in einer Grotte dar. Dieses wie ein anderes Bild 
wurden am 31. August 1829 von dem Kurfürsten 
für 1200 Thaler aufgekauft. Unser Bild wurde 
ebenfalls 1877 aus dem Schlosse zu Hanau nach 
Kassel gebracht, während das andere verschwunden ist. 
Für den späteren Erwerb dieser Bilder spricht 
ihr Fehlen in den alten Katalogen der Kasseler 
Bildergallerie sowie vor allem der Umstand, daß die 
selben aus dem Schlosse zu Hanau hierher gebracht 
wurden, da bekanntermaßen infolge der ihm wenig 
wohlwollenden Stimmung der Bevölkerung Kassels 
Wilhelm II. einem Aufenthalt im Süden seines 
Landes bedeutend zuneigte. Es liegt deshalb nahe 
anzunehmen, daß Wilhelm II. gerade das früher 
höchst dürftig ausgestattete Hanauer Schloß, in 
welchem er oft residierte, mit Bildern auszuschmücken 
bestrebt war. Dieser Annahme entsprechend liegt 
es auch nahe, daran zu denken, daß die Bilder der 
Münchener Maler Wilhelm K o b e l l und Julius 
Dörner, die ebenfalls von Hanau hierher gekommen 
sind, mit unter die im Ansgabebuch erwähnten 
Bilder zu zählen sind. 
Bon weit größerem Interesse aber ist es, zu 
wissen, wohin ein vom Kurfürsten für 1400 Thaler 
gekaufter Paul P o t t e r gekommen ist. Bekannter 
maßen hatte unsere Gallerie die herrlichsten Werke 
dieses gesuchten Meisters, den Meierhof. die Be 
strafung eines Jägers durch wilde Thiere, das 
Schweineschlachten, durch die Plünderung Tenons 
verloren. Für die von der Kaiserin Josephine an 
den Kaiser Alexander verkauften und noch jetzt in 
der Eremitage zu St. Petersburg aufgestellten 
Prachtwerke Potters war kein Ersatz da. da nur 
zwei kleine Bilder dieses Meisters, abgesehen von 
dem ihm fälschlich zugeschriebenen großen Bilde 
Camphausens, zu uns zurückkehrten. Gekauft hat 
der Kurfürst einen Potter, aber wo ist derselbe 
hingekommen? Eine Möglichkeit ist, daß der Kur 
fürst denselben der Gräfin Reichenbach zum Geschenk 
gemacht hat und daß derselbe sich vielleicht doch 
noch in deren Nachlaß befindet. 
Der Maler Grünbaum erhielt fernerhin für 
eine Kopie en miniature nach Carlo Dolce 
20 Louisdor. Dieses Miniatnrbildchen befindet 
sich dem Vernehmen nach noch in den Sammlungen 
des Unterstockes der Bildergallerie und überrascht 
durch Sauberkeit der Ausführung. 
Näheres über die anderen Bildern und deren 
Verbleib anzugeben, ist mir leider nicht möglich. 
Jedenfalls würde es eine sehr verdienstvolle Sache 
sein, dem von Herrn Professor von Drach in so 
hervorragender Weise gegebenen Beispiele zu folgen 
und weitere Untersuchungen über die Provenienz 
unserer Bilder anzustellen. Unzweifelhaft aber ist 
es, daß derjenige, der wirkliche Neigung und Liebe 
zu diesen hervorragenden Kunstschützen besitzt, auch 
den Wunsch hegt, zu wissen, wie und unter welchen 
Umständen diese in unsere Gallerie gelangt sind. 
Häuser haben bekanntermaßen ihre Geschichte, 
aber auch die Werke hervorragender Meister und
	        

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