Full text: Hessenland (16.1902)

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eine geringe Anzahl aufzuweisen hat. Nur wenige 
Namen sind aus der ganzen hessischen Litteratur 
geschichte der älteren Zeit anzuführen und aus der 
neueren, aus der lebenden Generation wüßte ich 
nur zwei zu nennen: Alfred Bock und Wilhelm 
H o l z a m e r. 
Mein Aufsatz soll von Alfred Bock allein 
handeln, wenn auch die Versuchung nahe gelegen, 
die beiden Schriftsteller hier einander zu vergleichen. 
Otto Müller hat einmal in einem seiner Werke, 
der kleinen packenden Erzählung „DerTannenschütz"*), 
ausgerufen: .„Die Heimat läßt nicht von uns los, 
so weit und lange wir uns auch von ihr entfernen 
mögen." Diese Worte möchte ich meinen Aus 
führungen über Bock voranstellen, denn auch er hat 
zuerst den Lorbeer auf anderen Gebieten, außerhalb 
der Heimat gesucht, bis auch ihm das Bewußtsein 
seiner Stammeszugehörigkeit zu einem braven, kernigen 
Bolksschlage packte und er in dieser Stimmung den 
oberhessischen Bauern in die Litteratur einführte. 
Otto Müller, über den ich in Nr. 22 des letzten 
Jahrgangs ausführlich sprach, hat dieselben Be 
strebungen ja auch gehabt. Aber hier ergibt sich 
schon der rein formale Unterschied, daß Müllers 
Personen aus allen Lebensklassen genommen, ja in 
der Mehrzahl den Kreisen der „besseren Stände" 
angehören, während Bock mit wenigen Ausnahmen 
seine Helden aus den Kreisen der Landbewohner, 
also der Bauern und der städtischen Arbeiterschaft 
entnimmt. Diese rein äußerliche Verschiedenheit ist 
charakteristisch für den Dichter Bock. Er vermag 
sich so in das Volkstum seines Stammes zu ver 
senken, daß anders geartete Figuren gar nicht auf 
kommen, er vermag sich so in einen Dialekt zu 
vertiefen, daß er ihn auch dann nicht verläßt, wenn 
er mit seinen eigenen Worten etwas erzählen will. 
Wir finden überall in Bocks Werken, die ausgesprochen 
aus heimatlichem Boden entstanden, das tiefste und 
liebevollste Sichversenken in das Gemüt des Volkes, 
das innigste Vertrautsein mit all den Sorgen 
und Mühen, die das tägliche Leben, ganz besonders 
in diesen Kreisen mit sich bringt. Und hier möchte 
ich auch wieder auf ein Wort Otto Müllers ver 
weisen. In seinem schon genannten „Tannenschütz" 
läßt er den Pfarrer die ebenso schönen wie richtigen 
Worte sprechen: „O ihr glaubt nicht, wie gerade 
im gemeinen Volke das rein Menschliche in seinen 
guten und schlimmen Seiten oft viel großartiger 
und poetischer zu Tage tritt wie dort, wo das 
Leben der sogenannten gebildeten Stünde mit seinem 
Lurus, seinen Rücksichten und Formen die ursprüng 
liche Naturanlage und Individualität verwischt und 
*) „DerTannenschütz", Vertag vvn Adolf Bonz ^ Comp. 
Stuttgart 1883. (4. Ausl.) 
den angeborenen Charakter oft in sein gerades 
Gegenteil verkehrt." In dem Hervorkehren des 
rein Menschlichen liegt aber auch das, was Bock 
und mit ihm so viele der modernen Schriftsteller 
von den „Dorsnovellisten" entfernt. Hier kraft 
volles Sichversenken auch in die Schwächen des 
Landbewohners, dort sentimentales Hervorkehren und 
Hervorsuchen nur der guten Eigenschaften. Ta tritt 
es denn bei Bock nun thatsächlich ein, daß sich die 
Grenzen zwischen Realismus und Heimatsknust zu 
verwischen drohen,, aber niemals triumphiert der 
Realismus. Bock ist Realist durch und durch, in 
sofern auch, als er das innige Bestreben zeigt, dem 
Seelenleben seiner Helden gerecht zu werden. Seine 
letzten Romane sind durchweg psychologischer Art. 
Niemals geht er aber über die Grenzen der Ästhetik 
hinaus, niemals wird sein Wahrheitsdrang zum 
Naturalismus. Er giebt uns dörfische Sittenbilder 
teilweise mit krassen Farben, er schildert eben, ich 
kann das nur immer wiederholen, das Leben, wie 
es ist. Hierdurch steigt er aber zu höheren künst 
lerischen Sphären, hierdurch erhebt er sich über 
den Boden des Dorfromanes zum Romane großen 
Stiles, ohne aber das Heimatsgefühl zu vergessen 
und sich der heimischen Erde abzuwenden. So 
weht in allen seinen Werken ein frischer Erd 
geruch Bock ist ein Freund psychologischer 
Probleme, stets vertieft er sich ins Seelenleben seiner- 
handelnden Persönlichkeiten und nie bleibt er an der 
Oberfläche bloßer Beschreibung. Charakteristisch für 
ihn sind die in allen Werken wiederkehrenden Mono 
loge, die, teilweise auch in leichtem Dialekt geschrieben, 
das ganze Dichten und Trachten der Personen vor 
uns eröffnen. Hierin liegt etwas zu Natürliches, 
und gerade die an vielen Stellen angewandte Mund 
art läßt uns die ganze Situation als eine ganz 
natürliche vor unserem geistigen Auge erstehen. 
Man kann ja geteilter Meinung darüber sein, ob 
der Dialekt an Stellen, wo die Personen des Romans 
nicht selbst sprechend auftreten, notwendig sei. Ich 
muß gestehen, daß ich im allgemeinen der Ansicht 
war, daß der Dialekt im ernsten Romane nur im 
Dialoge zu verwenden sei. Ich will aber Bock 
gerne zugestehen, daß, die Berechtigung des Dialekts 
überhaupt anerkannt, er vollständig mit Recht ge 
handelt hat, wenn er die Gedankengänge seiner 
Personen auch in dialektisch gefärbter Weise vor 
bringt. Denn niemals wird eine Persönlichkeit, 
die sonst eine Mundart spricht, aus einmal, wenn 
sie mit sich in Gedanken verkehrt, ansangen hoch 
deutsch zu sprechen resp. zu denken. Es bleibt 
natürlich auch hier der Dialekt bestehen, und da 
durch, daß Bock dieses erkannt und angewandt, hat 
er eine große Natürlichkeit einerseits und freiere' 
Beweglichkeit andererseits erzielt. Als Beispiel für
	        

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