Full text: Hessenland (16.1902)

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wie auf einer Wiese Heu machen konnte; am 
Cyriaksberge war so viel Gestrüpp aufgewachsen, 
das; sich die wenigen Einwohner nachher dort bei 
Überfällen zu verbergen suchten. So war Eschwege 
in den Flammen untergegangen, die Bürgerschaft 
hatte sich zerstreut und der einst so blühende Ort 
war eine Stätte des Jammers geworden. Nach 
dem die Kannibalen sich entfernt hatten, kehrten 
manche der Flüchtlinge zurück und suchten anfangs 
Obdach in den Kellern mitten in den Trümmern. 
Der Mangel. die ausgestandene Augst und das 
Elend erzeugten Krankheiten und nur wenig ge 
sunde Menschen wurden angetroffen. Dazu kamen 
Füchse aus Wald und Feld, griffen die Menschen 
au in ihren Zufluchtsstätten und quälten sie, ebenso 
Hunde, welche vor Hunger und vom Genusse des 
Menschenfleisches (!) rasend geworden waren. Ta 
sehr viele nicht wieder zurückkehrten, ging der Wieder 
aufbau der Stadt nur langsam von statten. Wie 
klein der Rest der Bürgerschaft im Jahre 1638 
war, läßt sich daraus schließen, das; im ganzen 
Jahre nur sechzehn Kinder getauft wurden." *) 
Neue Schrecken brachte der Aufenthalt Ba uners 
über die Werralandschaft. In nächster Nähe 
Eschweges lagerte er erst am rechten, dann am 
linken Ufer der Werra. Pfarrhäuser und Edelsitze 
wurden bis auf den Grund zerstört, dem Land 
mann das letzte Stück Vieh, die letzte Frucht ge 
raubt. So klagt der Pfarrer von Niederhaue, 
das; ihm von 85 Ackern nicht so viel Stroh ge 
blieben wäre, daß er darauf hätte ruhen können. 
In Reichensachsen war „das Winter- und Sommer 
feld gant; von den Kriegern hinweggenohmeu 
worden, das mau auch nicht erkennen können an 
manchem Ort, was und ob Frucht da gestanden. 
Umb die Berge her und an entlegenen heimlichen 
Feldern haben wir eine geringe Nachlese funden, 
das man etwa ein Par mahl davon in die Mühl 
thun können; daraus eine große Theurung und 
Hunger erfolgt. Das Malder Korn kostete 
6 — 7 Thaler; es kam aus Polen über Bremen." 
Obwohl die Schweden nach etwa sechs Wochen 
die Gegend verließen, dauerten die Beunruhigungen 
dennoch fort. Ludolph versichert: „Ob wir nun 
wohl (nach dem Abzüge der Schweden, d. V.) 
daheim gewest, so hat sich doch niemand getrost 
*) Diese lebhafte Schilderung hat Schmincke, wie er 
berichtet, nach handschriftlichen Nachrichten des zeitgenössischen 
Pfarrers Ludolf zu Reichensachsen gemacht, die derselbe 
ursprünglich in der Wildnis mit Rötelstein auf einzelne 
Zettel zeichnete. Das Manuskript befindet sich in der 
Ständischen Landesbibliothek zu Kassel. Weiter folgte 
Schmincke den Aufzeichnungen des Altstädter Pfarrers und 
nachmaligen Superintendenten Hü ttervdt in einem Kopial- 
buch der Allenbörfer Snperintendentnr, sowie handschrist- 
lichen Chroniken. 
dörffen sehen lassen, deil die Streifferey so stark 
hin und wider gangen, das man nicht gewust, was 
j vor Bolck. So haben Freund und Feind Brodt 
j und Kleider, Pferde und Vieh weggeuohmeu. Es 
! hat sich einer hier, der ander dort vf den Bergen 
iil Hecken und Wildnussen gegen den Winter sein 
i Huttlein gemacht, mit Weib und Kind, Tag mib 
; Nacht vshalten müssen, da haben wir gewohnt, 
gekocht, predigt, Betstunde oftmahle, auch wohl 
Tauff verrichtet." 
Ein gefährlicher Bundgenoß des Feindes war 
die Teuerung. „Zu Eschweg war auch oft weder 
Brodt noch Korn zu bekommeil, das wir (aus 
Reichensachseu) in den grossen Ängsten vvrtgelauseu 
nach Alleudorf, da wir ein Schiff antroffen, vild 
dlirch grosses Gedrängt iiitb List darzu kommen, 
das wir in den Säckeil das Geld in das Schiff 
geworffen nnb ein jeder ein wenig Korn erhalten. 
Ausflüchte halten an von Pfingsten bis zum Ende 
dieses Jars. Kurtz vor Christag sind wir etwas 
zil Ruhe kommen, das wir in die Kirch kommen 
können. Sonst den ganzen Sommer haben wir 
mit großer Gefahr die Arbeit gethan, des Nachts 
in den Bergen und Wildnussen unser Schlaf- 
cammerleiu gehabt. Oft haben wir uns gewagt, 
den Sontag unsere Versammlung in der Kyrch 
zn haben, aber ist nicht in die Kyrch geleutet 
worden, dreymahl an die große Glock geschlagen 
ist das Zeichen gewesen, znr Kirch zu kommen, 
welches Zeichen die Partheyen, so vom Eichsfelde 
hero ufgepasset, nicht verstanden, haben vielmehr 
gemeinet, als ob wir von ihnen wußten, mib 
geben das Zeichen daraus, das jedermann ans dem 
Wege gehen nnb fliehen solle. Dieser Modus des 
Kirchenleutens hat ein halb Jar gewehrt bis nach 
Martini, da eine Kayserliche Salvaguard in 
Eschweg gelegt worden, sind wir aus den Bergen 
iil grossem Regenwetter und Kälte ufgebrocheu 
und haben mit grosser Gefahr die Stadt erreicht. 
Viele vor und hinder uns sind auf der Strassen 
ertappet und geplündert worden, dadurch sie uf 
ein newes umb alle das ihrige kommen. Kurtz 
vor Christag von Eschweg sint wir wider heim 
kommen, haben einen elenden Winter gehabt und 
einen Auslaus über den anderen gehalten. Sint 
keine Stunde zu Tage oder Nacht sicher gewesseu. 
Da sind so viel Leute hinweg gangen, sich theils 
in die Pfaltz, theils nacher Bremen und daherumb 
in's Land zu Braunschweig, Hollstein und in 
Hamburgk begeben, das 10 Wittfrawen und etwa 
26 Mann im Dorfs geblieben, die der Gemein 
Bestes vertretteu und ausgehalten haben. Da hat 
mancher feinen Acker Land umb ein Liemas Korn 
feil gebotten. Da ist das Rathhaus vvrtgangen 
vor 60 Thaler, so au Coutributiou und Brand
	        

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