Full text: Hessenland (16.1902)

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In dem nun zwischen dem Kurfürsten und Herrn 
von Eschwege folgenden Gespräch bemerkt der letztere, 
dos; er den Zirkusbesitzer, falls ihm die Erlaubnis 
versagt werde, schadlos halten müsse, worauf der 
Kurfürst erwidert: 
„Na, dann lassen Sie ihn in drei Teufelsnamen 
Weiterbanen, denn wenn Sie ihn schadlos halten, 
Eschwege, muß ich die Geschichte ja doch bezahlen." 
Eschwege ärgerte sich über die Logik des Fürsten 
und begann alsbald stark zu husten. 
„Was fehlt Ihnen, Eschwege?" 
„Ich bin verschnupt (!), Königliche Hoheit." 
„So! — Wie kommt das?" 
„Es ist mir eben eine Mücke in den Mund 
geflogen und die habe ich verschluckt?" 
„Verschluckt!" ries der Kurfürst aus, der sich 
ungemein leicht verekelte, und begann sich dann 
heftig zu erbrechen. — Der Stallmeister, dem gar 
keine Fliege in den Hals geraten war, hatte sich 
gerächt und der kleinen Majestät ans dem Throne 
Hessens die erhaltene moralische Backpfeife mit dem 
Zirkusbesitzer aus seine Art zurückgezahlt." 
Mit Bezug auf diese Darstellung schreibt uns 
Herr Heinrich Jonas, der bewährte Kenner 
altkasseler Verhältnisse und Begebenheiten: 
„Seitdem in der Frühjahrsmesse des Sturmjahres 
1848 der jugendliche Renz seinen Zirkus auf der 
damals wüsten Rasenfläche hinter der Garde-dn- 
Corps-Kaserne aufgeschlagen hatte, sahen wir durch 
eine ganze Reihe von Jahren keine anderen Kunst 
reiter hier, hauptsächlich aus dem Grunde, weil 
man dem Kurfürsten eingeredet hatte, daß durch 
Zirkusvorstellungen die Kasselaner vom Besuche des 
Hostheaters zurückgehalten würden. Dem Polizei 
direktor, bei dem zu allen derartigen Schaustellungen 
zuvor die Erlaubnis auszuwirken war, wurde dem 
zufolge befohlen, der Aufstellung eines Zirkus oder 
verwandten Unternehmens, von dem ein starker 
Zuspruch der besseren Kreise zu befürchten war, 
ein für allemal zu verbieten, und diesem Befehle 
wurde vorkommenden Falles auch streng Folge 
gegeben. Nun passierte es in der Frühjahrsmesse des 
Jahres 1860, daß die Zirknsbesitzer Hütte mann 
und Suhr hierher kamen und bei dem damaligen 
Polizeidirektor Bernstein um Genehmigung nach 
suchten, Vorstellungen geben zu dürfen. Der unter 
dieser Flagge segelnde Zirkus stand zuvor wegen 
seines ausgezeichneten Pferde- und Künstlermaterials 
in hohem Ansehen, hatte aber zu jener Zeit in 
Südrnßland oder in der Türkei durch Unglücksfälle 
so argen Schiffbruch gelitten, daß von all' der 
früheren Herrlichkeit nichts übrig geblieben war 
als außer wenigen ganz unbedeutenden noch zwei 
Pferde von allerdings höchster Dressur, womit die 
Besitzer sich elend durch die deutschen Lande schlugen 
und entblößt von allen Mitteln hier ankamen. 
Polizeidirektor Bernstein, der diese Armseligkeit 
wohl nicht unter den Begriff eines Zirkus glaubte 
bringen zu müssen, der den Besuch eines Kunst- 
instituts wie unser Hoftheater zu gefährden im 
stande sei, gab ohne weiteres die Erlaubnis zum 
Spielen, und so stand denn unter anderen Schau 
buden auf dem alten Kadettenplatze (Steinweg) ein 
kleiner Zirkus von trauriger Gestalt in der Um 
hüllung von abgenutztem, rissigem und hundertfach 
geflicktem Leinen. 
Ter kurfürstliche Oberstallmeister von Eschwege, 
dessen ritterliche, schöne Erscheinung uns Älteren 
in lebendiger Vorstellung geblieben ist, ein echter 
Kavalier von feinster Art, der nie niib nimmer 
sich solche unpassenden plumpen Scherze dem Kur 
fürsten gegenüber erlaubt hat, wie sie in dem 
Artikel der „Sonne" erzählt worden sind, hatte 
schon vor Beginn der Messe durch seine Stall 
bediensteten Kunde von der Anwesenheit der Zirkus- 
pserde erhalten, und als großer Pserdesrennd und 
-Kenner machte er alsbald dem Zcltstall am Stein 
wege seinen Besuch und ließ sich die Pferde vor 
führen. Ganz entzückt von der Schönheit und 
hohen Dressur der beiden Tiere, sicherte er für 
sich und seine Freunde regen Besuch der Vor 
stellungen zu. 
Der Polizeidirektor, welcher dem Kurfürsten jeden 
Montag über alle wichtigen Vorkommnisse in seinem 
Ressort Vortrag zu halten hatte, wurde nun sehr 
ungnädig empfangen, weil er, dem kurfürstlichen 
Gebote zuwider, dem genannten Zirkusbesitzer erlaubt 
habe, Vorstellungen zu geben, was dem Kurfürsten 
von übelwollender Seite sofort hinterbracht worden 
war. Wie Bernstein sich auch bemühte, dem Fürsten 
darzulegen, daß er durchaus nicht gegen seine Vor 
schrift gehandelt habe, da dieses ärmliche Zelt denn 
doch ganz und gar nicht unter die Kategorie der 
Zirkusse zu registrieren sei, es blieb bei dem strengen 
Befehle, die Bude sofort abbrechen zu lassen. Bern 
stein mußte dem nachkommen, so leid es ihm für 
die armen Menschen auch that. 
Das gab nun gar großen Jammer. Die Leute, 
die ohne einen Heller Geld gekommen waren, hatten 
bisher alles auf Kredit entnehmen müssen und 
wußten nun keinen Rat, wie sie diese Schulden, 
die sie aus den bevorstehenden Einnahmen zu decken 
gedachten, begleichen sollten. In seiner Verzweif 
lung wandte sich Hüttemann an Herrn von Eschwege, 
ob er, der sich so freundlich gezeigt hatte, ihm 
vielleicht aus seiner Not herauszuhelfen vermöchte. 
Dieser sann darüber nach. Mit einer mäßigen 
Geldunterstütznng war es nicht gethan. Da kam 
ihm ein guter Gedanke, und er gab Hüttemann 
einen Weg an, wie er den Kurfürsten, aus dessen
	        

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